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Prophetenwortes: „Nicht durch Macht und nicht
durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht
der allmächtige Herrgott". Tagegen ist Rathenau
Realist, das von ihm gezeigte Ziel ist die selbst¬
gewählte und geforderte Berantwortlichkeit eines
jeden Menschen der Allgemeinheit gegenüber.
Noch tiefer geht der Unterschied der religiösen
Weltanschauung der beiden Staatsmänner. Tic
ist allerdings bei beiden aus den ersten Blick als
jüdisch zu bezeichnen. Aber Rathenau ist zuerst
Westeuropäer und dann Jude, Tisraeli ist nur
Jude. Während der als dreizehnjähriger Knabe
getaufte Tisraeli im Judentum verwurzelt blieb,
ist Rathenau, der die Taufe leidenschaftlich ab.
gelehnt hat, kaum noch als positiver Jude am
zusprechrn. To seltsam cs klingen mag: Tisraeli
hat versucht, seiner Zeit, die sich weit von aller
Religion entfremdet hatte, eine neue religiöse
Zielsetzung im biblischen Judentum zu schassen.
Er lebt und atmet im Alten Testamente, Ra
thenau schwelgt in Zitaten aus dem Evangelium,
so daß seine neueste Biographin Etta Federn
>tohlhaas von ihm sagen darf, daß er die ererbte
Weltanschauung des Judentums mit der erwähl
len des Christentums verband.
Wohl empfand Rathenau die gesinnungslose
Unehrlichkeit der Tausc als sittlich untragbar.
Er blieb Jude, weil das Judentum keine Kirche
gebildet, weil cs undogmalisch geblieben und dar
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um die weiteste Denk- und Glaubensfreiheit ge¬
währt hat. Er hatte auch in setnetn Aussatz
„Staat und Judentum" (1911) den Religions¬
wechsel eines Juden deshalb als Charakterlosigkeit
gekennzeichnet. Gewiß hatte er immer die Lei¬
stungen der'Juden anerkannt. „Verdankt nicht
England seine Jmperialpolitik einem Juden, des
sen Standbild vor der Westminsterkirche steht?
Haben nicht Frankreich, Italien, Rußland, Oester
reich und sogar Preußen ein paar ganz tüchtige
Minister jüdischen Blutes gehabt?" Religiös aber
stand er dein Judentum gleichgültig gegenüber.
Ganz anders Tisraeli. In seinem religiös
politischen Testament, dem Roman Tancred,
spricht er es offen aus: „Halb Europa verehrt
heute einen jüdischen Gott, die andere Hälfte
eine jüdische Göttin, aber der Materialismus und
das moderne Leben haben diesen Glauben unter¬
graben und ihm seine aufbauende Kraft geraubt.
Und doch kann nur dieser Glaube, der Glaube
an die alten biblischen Werte, die moderne Mensch
heit heilen". Allerdings muß das Christentum
seinen Irrweg eingestehen: „Christentum ist Ju
dcntum fürs Volk, aber es ist noch immer Juden¬
tum". Ter Jude ist der Schenkende, der Christ
der Empfangende. Leider will der Beschenkte nichts
von seinem Wohltäter wissen, sondern verachtet
ihn, versehmt und verfolgt ihn seit 2000 Jahren.
„Warum dies alles?" fragte die Jüdin Eva den
SCHAUSPIELHAUS
Kleine KSnigsir. 7 / Fernspredier SA. 224 SS
2 Gastspiele
des Moskauer flebrfilsdien
Kflnstlerthealers
„HABIMA"
Donnerstag, 26. Januar 1928, abends 8 Uhr;
D Y B U K
Dramatische Legende in drei Akten von An-Ski
Regie: E. Wachtangow / Musik: J. Engel
Bahnenbild: N. Altmann
*
Freitag, den 27. Januar, abends 8 Uhr:
GOLEM
Dramatische Dichtung in drei Akten u. einem Prolog
von G. L e I w i k / Regie: B. Wersdiilow
Musik: M. Milner / Bühnenbild: L.Nlwinskl
Kartenverkauf an der Kasse des Schauspielhauses
ab Montag, 16. Jan., täglich 11-1 Uhr u. 5-8 Uhr.
SchriftL u. teleph Bestellungen werden schon vorher
entgegengenommen. / Preise d. Plätze: M. 2.50 — 8 .-
BERTHOLD
AUERBACH'VEREIN
Dienstag, den 17. Januar 1928, Stuttgart-Loge, Cal-
werstr. 33, Hlhs.. abends' 8 ’ 4 Uhr spricht
Rabbiner Dr. Kroner
(Bopflngen)
aber „Nalmonides und der Islam“
*
Dienstag, den 24. Januar 1928, Stuttgart-Loge, Cal-
werstr. 33, Hths , abends 8 % Uhr
Ordcnilichc
Generalversammlung
Anträge hierzu wollen bis zum 25. 1. 28 schriftlich
an Herrn Obersekretär W 1 s s mann. Neue Wein¬
sleige 18. gerichtet werden.
*
Dienstag, dep 31. Januar 1928, Stuttgart-Loge, Cal-
werstr. 33, Hths., abends 8!4 Uhr
BeztlalionS'Abend von
frl. EISC Rothschild ccamislall).