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Bttsttoart, L QIpril 1919
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Amtliche Bekanntmachungen.
Israelitischer Oberrat
Stuttgart, den 13. März 1928.
Betreff: Thalheimer Stiftung.
Tie Abraham und Henriette Thalheimer-
Stistung ist wird« in der Lage, Ausbildungsbei¬
träge zu verteilen. Nach der Satzung soll das
Reinerträgnis des Stiftungskapitals zur Erzie¬
hung und Ausbildung bedürftiger und »vürdiger
israelitischer junger Leut« beiderlei Geschlechts
dienen, »velche entweder selbst württembergische
Staatsangehörige sind oder deren Eltern seit min¬
destens zehn Jahren ihren Wohnsitz in Württem¬
berg haben. In erster Linie sollen solche jung«
Leute berücksichtigt werden, welche «in Handwerk,
technisches Gewerbe oder ein Kunstgeiverbe er¬
lernen wollen.
Bewerbungen sind bis zum 1. Mai ds. I. bei
dem Unterzeichneten einzureichen.
Der Kurator:
Regierungsrat Dr. Nördlinger
- Charlottenstr. 5. -
Ist das jüdische Ritual überlebt?
Eine Pe£adibetradihing.
Als das wesentliche und entscheidende Gebot
des Peßachfestes wiederholt die heilige Schrift
die Mahnung: „Erzähle deinem Kinde, w aS sich
damals begeben, waS du damals erlcht hast (2.
Buch Mose 13,8,14)". Noch mehr, die heilige
Schrift gckbietet geradezu, am Fest das Fragen
des Kindes zu Wecken: Und wenn dich dein Krnd
noch nicht fragen kann, öffne ihm den Mund und
'rrzähle ihm, was geschehen ist!
Wie du das Wunder Aegyptens deinem Kinde
berichten sollst? Der Weisheftslehrer aus Israel
gibt die Antwort: „Erzieh« dein Kind kindgemäß,
dann wird es herangewachsen vom rechten Wege
nicht »veichen (Sprüche 22,6)". Rede mit dem
Kinde in seiner Sprache, in den Ausdrucksformen,
die dein Kind verstcht, ordne dich in sein Denken
und Fühlen rin! Wer mit seinem Kinde in der
Fremdsprache der Herangewachsenen spricht, gleicht
einem Menschen, der seinem Kinde Speise reicht,
die für den Erwachsenen gut ist, aber des Kin¬
des Gesundheft gefährdet.
Das Leitmotiv des Peßach und zugleich der
Sinn seines Rituals ist so die Mahnung: „Rede
zu deinem Kinde!" Sie beantwortet die Frage,
welche das Thema eines Diskussionsabends ge¬
wesen ist, den die ,Lüdisch« Waisenhilfe" in Ber¬
lin im März veranstaltet hak: „Gibt es einen
Weg zum-jüdischen Ritual?" Erich Gutkind, der
Lefter des Abends, schilderte die Größe der Ger
fahr, die sich darin kundgibt, daß das Judentum
die Einheit seiner Formen verliert. Er deutete das
jüdische Ritual als Training des jüdischen Men¬
schen zur Schaffung des jüdischen Typus. Bon
diesem Standpunkt aus hat auch das ohne Andacht
geübje Rftual seine Bedeutsamkeit. Er wünscht
darum ein Neuaufleben des Rituals im Sinne des
Propheten, der von einer Zeft träumt, in der
die Opferpsannen auf dem Aftar so heilig sein
werden wie die Schellen der Pferde (Sech. 14,30>
er ersehnt die Heiligung des Alltags, die Ver¬
geistigung des Lebens durch das Ritual. Der Ber¬
liner Rabbiner Dr. Max Wiener will das Ritual
allerdings ° nicht missen, aber er betrachtet es
in seiner Ganzheit als totgeweiht, als der un¬
aufhaltsamen Atomisierung und Zersetzung preis-
g eg eben. Zu diesem Urteil veranlaßt ihn nicht
nur der Blick auf die westliche Judenheit, in der
der Sinn für das Rftual sichtbar abstirbt, sondern
vor allem die Tatsache, daß die ostjüdische wie
die palästinensische und die amerikanische Jugend
das Verständnis und damit den Zusammenhang
mft dem Ritual preisgegeben. Dr. Weltzsch hofft
dagegen auf das Werden eines neuen Rituals in,
Erez Israel. Er empfindet, daß es unmöglich ist,
einen Ritus ohne Andacht, ohne innere Einstel¬
lung zu ihm zu erhalten; religiöse Handlung und
Empfindung müssen eine feste Einheit bilden.
Der bedeutsamen Aussprache fehlte das Funda¬
ment — die Frage nach dem Kinde. Ter Sinn
der Mizwah, des religiösen Brauches, ist die
Erzichung zur Religion. Ihre Rechtfertigung und
Begründung ist dir biblisch« Mahnung: „Erzähle
deinem Kinde". Diese Erzählung soll kein bloßes
blasses plattes Plaudern, sondern kindgemäß sein.
Sie soll, um ein Wort unserer Weisen anzuwen¬
den erfolgen, "wenn das Peßach, die Mazzoh und
das bfttere Kraut vor dir liegen." Der Anblick
soll das Wort verlebendigen, und der Brauch der
Hebel und der Schüssel zum religiösen Erlebnis
werden. Der Weg zur Religion führt durch das
Tor des Rftuals. Der Erwachsene mag das
Ritual als Reizmittel des religiösen Erlebnisses
entbehren können, vielleicht, daß ihm die Stim¬
mungen der Religion unmittelbar aus deren Geist
zuströmen. Der Durchschnfttsmensch benötigt den
Brauch, so wie er das vorgeschrittene-Gebet
als Motor der Gebetsstimmung benötigt. Für
das Kind aber ist die Vermittlung des Ge¬
dankens durch den Brauch unrntbchrlich. Durch
chn wird der Gedanke bildhaft, sinnfällig, ein¬
prägsam, lebendig. Die Mazzoh, das ungesäuerte
Brot, ist ein Stück lebender Geschichte, der Seder
mft seinen Sitten ist blutfrifthes Erleben. Die
schönsten Erklärungen, die beredtesten Schilderun¬
gen sind dagegen ein farbloses blutleeres Surro¬
gat. Die leuchtende Ueberschrist des jüdischen
Rituals heißt: Oefsne deinem Kinde den Mund,
den Geist, das Nachsinnen, das Erleben und ver-
mfttle ihm durch den Brauch die Geschichte deiner
Gemeinschaft, den Segen deiner Religion. Das
Kind muß fragen, der Vater soll antworten und
der Brauch soll die Antwort verlÄendigen.
Eine geistvolle Teilnehmerin der Berliner Aus¬
sprache hat in einem Nachwort gesagt, daß die
Diskussion dem Gespräche der Lehrer während
der Sedernacht zu Bne Berak geglichen. Aber eins
fchlte diesem Vergleiche: die Schüler, die Jungen,
die am Ende der Sedernacht die Alten und
Lehrer daran erinnern, daß es Zeit ist das Mor¬
gengebet zu sprechen. Religion ohne Ritual ist eine
Diskussion, welch« den Scharfsinn anregt, die
Köpfe erhitzt, aber die Seelen kalt läßt. Sie wird
Tat, wenn über dem heißen Wotte nicht ver¬
gessen wird, daß der Sinn der Religion das r eli-
giüse Leben ist.
Die Alten haben gesagt: Gebet ohne Andacht ist
ein Körper ohne Seele. Das Judentum ohne
Rftual ist eine blendende Redeform, eine aphori¬
stische Geistreichelei, ein historischer Rest, «ine
interessante Theorie — nur nicht Judentum!
Das Wunder der Mazzen.
Eine Geschichte aus Hebels Leben. Von $. Roischild-Wonns.
Am 22. September v. I. waren 100 Jahre
verflossen, seitdem man den alemanischen Dichter,
den hervorragenden Bolksschriststeller Prälaten
Peter Hebel zu Schwetzingen in die Erde ge¬
senkt hatte. Natürlich wurde der Erinnerungstag
besonders in Baden, seiner Heimat nnd seinem
Wftkungskreise mit besonderer Weihe begangen.
Bor einigen Jahren war in Hausen, wo seine
Eltern anfangs im Winter, nach dem Tode des
Vaters immer gewohnt, ein Streit entstanden
über das Hebelhaus und zwar zwischen dem
Ortsvorstand und dem Vorstände der Httielstiftung.
Der Referent des Gerichtshofes zur Schlichtung
dieses Stteites, A. v. B., einer meiner Schüler,
als ich 1866 das evang. Seminar in Karlsruhe
besuchte, wandte sich an mich, um über Verschie¬
denes sich Auskunft zu erbitten, da er wußte, daß
ich mich ftüher sehr eingchend mit Hebels Sieben
beschäftigt hatte. So kam es, daß genannter Herr,
mein Interesse voraussetzend, mir eine Anzahl
Zeftsch^ften zusandt«, die über Httiel und Hebels
Gedenkfeiern berichteten.
In einer solchen Zeitschrift erzählt Hermann
Bortisch folgende reizende Geschichte:
„Das Herz duddert mir mehr und mehr, je
näh« wir Karlsruhe kommen," sagte Heinrich
Foß, d« ein Kandidat der Theologie, mit seinem
Kollegen und Busenfreund, Hans Haas, auf dem
Wege zur theologischen Staatsprüfung war.
„Jetzt ist es erst 8 Uhr und um 10 Uhr fängt
das Verhängnis an", fuhr er fort. ,Kaß uns etwas
langsam« gehen, wir werden ! dann, wenn ich
durchgefallen bin, schnell genug wieder heimkom¬
men! Wenn nur das Hebräische nicht wäre,
diese v«flixte Judensprache! Und zu allem noch
wird man darin von Hebel geprüft, dem man
kein x für ein u vormachen kann!"
„Das all«dings nicht'", entgegnete der andere.
„Ab« soviel Hebel weiß und so gescheit er ist,
so kann « doch auch gemütlich sein und er hat
schon manchem Kandidaten aus d« Patsche ge¬
holfen, weft « ihn immer nur das sagen ließ,
was « wußte. Einmal hat er einen gleich zu
Anfang geftagt: Welche Kapftel im Alten Testa¬
ment können Sie am besten üb«setzen?" und als
er ihm Psalm 23 nannte, sw ließ er ihn denn
diesen ins Deutsche übertragen, es ging ab« so
schnell, daß die Zeit fürs Hebräische noch lange
nicht vorüb« war. Was tat Hebel? Er sagte ganz
leise und verschmitzt zu dem Kandidaten: Ueber-
setzen Sie den 23. Psalm noch einmal!"
„Er kennt mich halt nicht, das ist der Haken L
Wenn ich Oberländer wäre, etwa aus dem Wie-
LEO BAfiCK
INSTITUTE
NEW YORK