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Sladtrabbtuer De. Rteger. Stuttgart.
x. 3oOroono 6tnttoart r 31. Oildrs 1933 9lr. l
Die Flucht in die Familie.
Ein Mahnwort rum Pessachfesie.
An unsere £esec!
Mit dem I. April 1933 tritt die „Gemcinde-
' zcitung“ in das 10. Jahr ihres Bestehens
ein. Neun Jahre lang haben Verlag und
Redaktion sidi bemüht, die „Gemeinde-
zeitung“ zu einem getreuen Spiegelbild
des gemeindlichen Lebens zu machen, für
den inneren Frieden zu wirken und die
Fühlung zwischen den württembcrgischen
Juden immer inniger zu gestalten. Für
opferwillige Liebesarbeit zu wirken wird
auch weiterhin eine der vornehmsten Auf¬
gaben unseres Blattes sein. —
Alle diese Bestrebungen können unsere
Leser dadurch tatkräftig fördern. daR sie
wie bisher an der redaktionellen Gestal¬
tung der „Geincindezeitung" eifrig mit-
arbeiteil.
Wie jede andere Zeitung können wir aber
die uns gestellten Aufgaben nur dann er¬
füllen. wenn wir auf die Treue unserer
Leser rechnen dürfen. Bekunden Sie bitte
diese Treue durch baldige Einsendnng der
fälligen Abonnementgebühr von RM. 5.—
für die Zeit vom t. April 1933 bis 31. März
1934. Selbstverständlich kann der Abonne-
mentbetrug auch in Halb- and Viertel
jahres-Raten (RM. 2.30 bzw. RM. 1.23) be¬
glichen werden. Unser Postscheckkonto:
Stuttgart 362 38.
Der Verlag.
Amtl. JlekaHtU*HachutiQ£H.
Israel. Gemeindevorsteheramt Stuttgart.
Seinen Austritt aus der Isr. Religionsgemein¬
schaft hat erklärt:
Herr Robert Mayer, Kaufmann, Stuttgart,
Tübingerstr. 88.
Jüdische ZentcatsteUe Jut !Becu{s=
hecatung. -und jUleU& H achweis.
Stuttgart, Hospitalstr. 36 — Telephon 228 98.
Sprechstunden: Mittwoch von 3—7 Uhr.
Wir suchen kaufmännische Stellen für weib¬
liche Lehrlinge und Anfängerinnen, zum Teil mit
Handelsschulbildung, und bitten um möglichst
baldige Meldung solcher offener Posten.
Unverlangt eingesandte Manuskripte
können im Falle der Nidttverwertung
nur zurückgesandt werden, wenn
Rückporto beiliegt.
Eine alte Frage lautet: Waren die Väter und
die Mütter eigentlich glücklicher als wir. ihre
Kinder, es sind? Gcwifl lebten sie in einer Welt,
die kleiner als die unsrige war: ihr Lebenskreis
war sicher enger als der unsere gezogen. Die
vielen technischen Errungenschaften, die unser
Lebe» erleichtern, waren ihnen noch »»bekannt.
Dafür hausten sie in einer romantischen Traum¬
welt die ihrem Dasein einen poetischen Zauber
lieh. Sie waren gleichsam Bürger zweier Welten.
Im Alltag war der Jude ein nüchterner Krämer,
der seine Pfennigware verkaufte und in rühren¬
der Bescheidenheit den Alltag verlebte. Aber
derselbe Jude war außerhalb dieses Alltags ein
Kulturschwärmer, der in einer vielleicht phili¬
strösen Schöngeistigkeit lebte, bestimmte bürger¬
liche Ideale leidenschaftlich verfocht und vor
allen Dingen für seine Kinder ein Höchstmaß der
Bildung erstrebte. Die Frauen waren Hausmüt¬
terchen in einer eng umgrenzten kleinen Welt.
Zugleich aber schwelgten sie in romantischer
Lektüre, schwürifiten sie für klassische Haus¬
musik. Das Theater und das Schrifttum verliehen
ihrem Leben einen beinahe künstlerischen An¬
strich. Goethes Lyrik und Schillers Dramatik mit
einem kleinen Zuschuß von Schopenhauers Skep¬
tizismus und Heinescher Ironie schufen ihr
geistiges Milieu. Das ganze Leben atmete Fami¬
liarität: die Eltern vergötterten die Kinder, die
Kinder verehrten die Eltern und die Alten. Die
Familie war der höchste Lebensinhalt und zu¬
gleich der feste Mußstab für alles Tun und
Lassen.
Familiär war auch die Religiosität. Sie
war nicht Weltanschauung, nicht das Ergebnis
seelischer Kämpfe, nicht die Resignation nach
inneren Konflikten. Sie war vererbt. Alt¬
vätergut, Altmütterspende. Sie ge¬
hörte zum Leben wie bestimmte familiäre Ge¬
richte zur Familientafel und bestimmte ästhe¬
tische Genüsse zur Lebens Verschönerung. Viel¬
leicht lächelte der Aufgeklärte über diese und
jene alte Form, aber sie war Traditio» und als
Herkommen geheiligt. Der Vater war der Patri¬
arch der Familie, die Mutter die Priesterin des
Hauses — und es lebte sich behaglich in dieser
bürgerlichen Atmosphäre, in der Hut des Hauses,
unter dem schützenden Dach der Familiarität.
Unser Leben ist seit dieser Zeit aus dieser
engen Umgrenztheit heruusgewuchsen. Die Söhne
und Töchter empfinden, kaum daß sie flügge ge¬
worden, die Enge des Hauses wie einen Alp¬
druck. Die Luft im Hause ist ihnen zu stickig,
sie wollen in freier Luft atmen: sie lächeln über
die alte Welt und spötteln über ihre naive Ro¬
mantik. Sie werfen kühn über Bord, woran die
früheren gehangen und geglaubt und düukeir-
sich dabei wer weiß wie modern. Der alte Fa¬
miliensinn mit seinen tausend geheimnisvollen
Rücksichten erscheint ihnen ein seltsames Leber
bleibsel aus einer gestorbenen Zeit. Man darf
geradezu von dem Zusammenbruch der Familie“
in diesen Tugen sprechen.
Ernst e Zeiten s t i m in e n u u th d e n k
lieh und zur Selbstbesinnung. Audi
in den Jüngsten regt sich plötzlich starke Skep¬
sis. ob der Weg aus der Hut der Familie heraus
nicht ein Irrweg gewesen. Unwillkürlich tauche»
die Bilder der Väter und Mütter mit den guten,
klugen, frohen Augen auf und mit ihnen Er¬
innerungen an ihre Welt, die nicht mehr die
unsrige ist. Eine leise Wehmut jyoint durch die
Seelen und. wer feinhörig ist. vernimmt den
Ruf: Zurück zur F a m ij i e. heim zur
Familiarität, die unseren Vorfahren so
viel Glück. Ruhe. Kraft und Würde gespendet
hat. Wie aber auch die Zukunft sich gestalten
mag. das Haus kann uns Halt geben
und der sichere Hafen werden!
Das Pessach. das Fest der Familiarität, steht
vor der Türe. Unsere Frauen rüsten die Häuser
zum Empfang der Festtage. Alte Sitte, ehrwür¬
diger Brauch wird in diesen Tagen wieder neu.
und mit ihm Erinnerung an die Väter und Müt¬
ter. welche sie geübt haben. Keine Festzeit kün¬
det so eindringlich das Hohelied der Familie.
Es wäre höchste Weisheit, wenn Israel seine Bot¬
schaft befolgte. Die deutsche Judcnheit wird auf
vieles in der Zukunft verzichten müssen, was
sic einst als höchstes Gut gepriesen. Sie braucht
den Wurzelboden altneuer Kraft, die Pu m i I i e.
..hier sind die festen Wurzeln deiner Kraft“.
Um der frommen Kinder willen, sagt ein alle r
Meister, ist Israel aus Aegypten errettet worden.
Die gläubigen Frauen, sagt ein zweiter, haben
das Erlösungswerk gefördert. Die sittlichen
Männer, die in ihrer Familie das höchste Glück
und den heiligsten Lebensinhalt gefunden, meint
ein dritter, waren die Träger der Befreiung. Mit
einem Worte: der Geist der Familiari¬
tät hat das Werk der Erlösung be¬
wirkt. Möge das Fest den Familiensinn ver¬
tiefen. den alten Familiengcist wecken, d a n n
wird es seinen Segen von neuem
b e w ii h r e n.
Zur Geschichte des
Pessachliedes Chad Gadjo.
Wohl das bekannteste Lied des Sederabends
ist das „Chad Gadjo, Ein Zicklein, ein Zicklein“,
mit dem der Sederabend schließt. In volkstüm¬
licher Form veranschaulicht es nach dem Vorbild
Tüec von Tttöhein speicht, denkt cm
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