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XIV. Zahrgaug
(Stuttgart/ 1. April 1937
, Ar. 1
Berthold Auerbach
in unserer Zeit.
Bekenntnisse des Schriftstellers, eingeleitet und aus-
gewählt von Dr. Slegntund Hirsch.
Kann uns Berthold Auerbach, der vor 125 Jahren, am
28. Februar 1812, Geborene, heute noch etwas sein?
Dem Nachwirken des gefeierten Schöpfers der
SchwarzwäIder Dorfgeschichten, des vor¬
trefflichen .Volkserzählers hat längst die Zeit ihre
Grenzen gesetzt; seine großen Romane sind völlig
vergessen. Wohl ist dem Kalendermann manches
Stücklein gelungen, das in seiner gemütvollen Art und
in seinem ansprechenden Vortrag Dauer hat, wohl
sind unter den Dorfgeschichten, deren erste doch
vor fast hundert Jahren erschienen, eine ganze Reihe,
die noch immer durch Echtheit und Frische wir¬
ken, die keineswegs empfindsam und gedanklich über¬
laden sind. Der Diethelm von Buchenberg,
der Auerbachs größte Leistung, ein bleibendes Meister¬
stück der deutschen Erzählungskunst genannt wor¬
den ist, läßt auch den heutigen Leser noch genau
so empfinden wie Eduard M ö r i k e, der zu Auer¬
bach sagte: „Du, ich habe in den letzten Tagen
deinen Diethelm gelesen, das ist was, ein tüchtiges
Stück. Weißt du, das ist so ein Buch, wenn man es
liest und das Licht ist einem abgebrannt, steht man
auf und sucht überall nach einem Lichtstumpf, bis
man ihn gefunden hat; man muß es auslesen, man
hat keine Ruhe”.
Aber über dem dichterischen Werk Auerbachs steht
doch das Wort: Gewesen! Meister Berthold hat,
trotz aller Freude an der Anerkennung durch die
Besten, mit gesunder Selbstkritik bei vielen seiner
Gebilde dieses Verblassen und Vergehen festgestellt
und verstanden. Das hat ihn in seinem Schaffen, das
ihm etwas Heiliges war, nicht irregemacht. Immer
wieder mit künstlerischem Ernst das gestaltend, was
ihn bewegte, niemals fragend: was gefällt der Welt,
was wünscht sie? ist dieser Mann, der sich auch
im lange währenden Sonnenschein des Ruhms den
großen Dichtern und Denkern gegenüber ganz klein
vorkommt, durch seine hohe Auffassung von geisti¬
ger Arbeit ein Vorbild. So hat ihn Spielhagen
wegen der treuen, unentwegten Hingabe an seinen
schriftstellerischen Beruf gewürdigt, so tritt er auch
in der lebenswahren Charakteristik Erich Schmidts
vor uns, in der noch zur besonderen Kennzeichnung
dieses jüdischen Schriftstellers betont wird: „Auer¬
bach hat wenig Witz, wenig Ironie, wenig Schärfe,
nichts Aetzendes und Zersetzendes; er ist kein be¬
hender und aggressiver Dialektiker, kein mit schar¬
fem Verstände rechnender Analytiker”. Der Blick
auf einen solchen Menschen, der nie seinem |uden-
tum zur Unehre wurde, auf „einen Lebenslauf, durch¬
weg im Dienste hoher Ideale verbracht”, hat seinen
Wert gerade für unsere Zeit. Und auch wie ein
Träger immer wiederkehrenden Schicksals erscheint
uns Berthold Auerbach, der so freudig am Leben
seiner Umwelt teilnahm und mitschuf, und der in
seinen letzten Lebensjahren als Jude mit schwerster
seelischer Erschütterung den Rückschlag empfinden
mußte.
Halten wir aus seinen Bekenntnissen einiges fest,
was auch heute noch zu uns spricht! Wir finden
es in den Briefen, die er von 1830, also von früher
Jugend an, bis zum Jahre 1882, bis wenige Tage
vor seinem Tode, an seinen Vetter und Freund Jakob
Auerbach gerichtet hat. Wenn der Literarhistoriker
in den beiden Bänden eine reiche Quelle für die
Literaturgeschichte des 14. Jahrhunderts sieht, wenn
vieles aus der geistigen und politischen Entwicklung
Deutschlands in diesem Zeitraum durch die Briefe
beleuchtet wird, so hören wir außer diesem allem
auch den treu mit seinen Glaubensgenossen* mit
ihrem Schrifttum und ihren Geschicken verbundenen
Juden, der — wie Erich Schmidt schön sagt — Zions
und der Weiden Babylons niemals vergaß.
, Warte aus der Bibel, die er immer in der hebräischen
Ursprache anführt, begleiten ihn von der Schüler¬
zeit, von dem Eintritt ins Gymnasium zu Stutt¬
gart an, durch sein ganzes wechselvolles Leben.
Wenn er starke Eindrücke hat, wenn der Ernst eines
menschlichen Schicksals, vor allem aber, wenn die
Größe und Ewigkeit der Natur ihn bewegen, dann
steigt ein biblischer Spruch oder eine altjüdische
Erinnerung in ihm auf.
Kissingen, 17. Juli 1861.
Ich gehe allein auf der Landstraße. Schon der
Boden der Landstraße ist mir angenehmer als der
Kiesboden der Alleen, und ich höre nichts als Ler¬
chengesang, sie singen hier gar frisch und jubelnd,
und ich sehe die Menschen hantieren, und die Blumen
an den Wegrainen sind so frisch, und mir ist, als
wäre ich nach langem schweren Schlaf erst wieder
recht auf der Welt; jede Hecke ist mir wie ein
<Jruß aus der Kindheit, und ich möchte immer so fort
wandern und wandern und nichts haben, als selbst¬
vergessen da sein, und ich schreibe mir gar nichts
in mein Taschenbuch — was sollen alle Gedanken?
— ich lebe und nehme alles auf und sauge still den
ganzen Atem der frischen Welt ein. Es ist hier
alles so fruchtbar und üppig, das Korn steht in
Wahrheit golden da inmitten der vielen Weizen-
und Habertelder mit ihrem saftigen Grün, und da,
jetzt fällt mir’s ein, heute kam mir wieder das
Bibelwort in die Seele, dem ich in der Kindheit
die Auferweckung meines Innern Lebens verdanke:
„Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft
eines Feldes, das Gott gesegnet hat!”
Samaden, 5. August 1877.
— Ich lebe ganz in der Hoheit dieser Berg¬
welt, 'die so überwältigend und niederdrückend wäre,
wenn nicht die leichte freie Atmung und die ent¬
lastete Luftsäule einem Leichtmut und ein Gefühl
des Flüggeseins gäbe. Im einsamen Ausruhen, wäh¬
rend ich — ich weiß nicht wie — meinen hebräischen
Namen mit großen Buchstaben in den Schnee schrieb,
fiel mir ein: solch ein Einschreiben in das große
Buch der Welt wird deine Lebensgeschichte sein,
bald verweht, geschmolzen und nicht mehr da. Aber
was tut’s? Im Anblick des Höchsten und Ewigen
ist alles Einzelleben klein und nichtig, und doch
lebt jedes sein Leben aus und faßt es in Töne, dort
das jauchzende oder in Furcht klagende Murmel¬
tier und hier die Bergkrähen, die um die nasse
Felswand fliegen, wo sie wahrscheinlich nisten und
nur, wenn ich das Echo erwecke, wieder auffliegen.
Triberg, 14. August 1877.
— — — Ich meine, ich war noch nie so wald¬
froh wie jetzt; der Wald war mir aber auch noch
nie so nachbarlich, so heimisch zugehörig, und das
Rauschen des Wasserfalls mit der durchtränkten Luft
erouickt mich allmorgendlich, ich trinke aus dem
Felsenquell zwei oder drei Glas und gehe dann lang¬
sam bergauf. „Wie eine Hindin schmachtet nach
Wasserbächen”, das ist gut gesehen und gradaus
gesagt, und da behauptet man, die Naturfreude sei
modern; die Bibel drückt sie nur nicht als Lust
für sich aus, sondern exemplificirt auf das Seelenleben.
Man hört nur noch die Elster und den Nußhäher,
das Jahreswachstum ist fertig, und nur dem Werden¬
den wird gesungen.
Berthold Auerbach, dessen Wirken als Freund vie¬
len zugute gekommen ist, fühlt aufs tiefste die
Verpflichtung, den Leidenden zu helfen. Das bewährt
er ergreifend bei dem großen Erzähler und Drama¬
tiker Otto Ludwig, dem er in bitterer Not Unter¬
stützung verschafft, an dessen Krankenlager in Dres¬
den er täglich stundenlang voll Liebe und Güte sitzt.
Ein treuer Helfer ist er seinen Angehörigen.
Dresden, 5. April 1861.
— — — Als ich heimkam, hatte ich eine freudige
und erfrischende Nachricht. Mein Freund Otto Lud¬
wig Jiat vom König von Bayern, zunächst auf ein
Jahr, ein Stipendium 'von 400 Talern erhalten. Ich
darf mir sagen, daß ich> dem tapferen Manne das mit¬
erringen half. Solches Tun für andere tut eigen¬
tümlich wohl, und es hat eine tiefe ethische Deutung,
wenn es heißt: „Wer für seinen Nächsten betet, der
wird desto eher auch für sich erhört.”
Dresden, Mai 1863.
— — — Ich blieb nicht lange bei Wolfsohn, der
f 'ut und herzlich ist und dessen Frau noch sehr
eidet von einer schweren Operation an der Wange.
Ich bin ein Sch’liach—Mizwa, und das bewegt mich
sehr, und Du weißt ja, wie das bei mir ist. Ich habe
ja schon längst eine derartige Geschichte vor; und
nun muß ich sie selbst durchleben. Das ist oft
mein Schicksal!
Ich habe vom Verein der Berliner Presse u. A.
soviel zusammengebracht, daß ich meinem armen
Freunde Otto Ludwig 42 Nap. d’or bringen konnte.
Zu ihm drängte mich’s vor allem.
Berlin, 26. November 1861.
Eine große Freude habe ich Dir zu berichten,
lieber Jakob. Im Kummer über den Tod meines
Bruders und die Verlassenheit seiner Kinder ging
mir’s nicht aus dem Sinn, mich an Dr. Ellissen zu
wenden. Und so schrieb ich an E. und gab ihm an¬
heim, einen der Knaben meines Bruders auf seinem
Lebenswege zu unterstützen. Nun erhielt ich gestern
einen Brief von E., so echt menschlich schön, worin
er nur bedauert, sich jetzt noch nicht persönlich der
Lebensführung des Knaben hingeben zu können und
300 fl. jährlich bis zur Selbständigwerdung des Kna¬
ben bietet. Ich sendete die Botschaft sofort weiter
und schrieb nach Nordstetten an den Lehrer und
meine arme Schwägerin.
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I IISTITUTS | . <s>
Meine Mutter hat mir oft gesagt: du bist der
Joseph der Familie, und es kommt mir manchmal
jetzt selbst so vor.
Als auf seine Glaubensgenossen Schweres ein¬
stürmt, arbeitet er in den Vereinigungen, die zur Hilfe
für die Betroffenen gegründet werden, tätig mit. Das
Zusammenhalten ist ihm das Wichtigste. Er verzehrt
sich in dem Wunsch, für die Seinen mit Rat und Tat
zu wirken. Er betont auch die Notwendigkeit der
Umschichtung und körperlichen Erziehung der Juden.
So wie Leopold Kompert hat auch Berthold Auer¬
bach seine Freude am jüdischen Handwerk. Das
zeigen zwei Briefe aus der Heimat.
Nordstetten, 24. Juli 1870.
— — — Ich wanderte mit einem alten Schul¬
kameraden, dem Schuhmacher Hcrzle,. den Weg, den
Du kennst, über Egelstal nach Mühlen, und unter¬
wegs gab es viel gute Erweckungen an Jugend¬
spiele und Schulereignisse. Hcrzle ist ein Mensch,
wie cs wenige gibt, namentlich wenig Juden. Ich
war oft bei ihm, als- er in Horb beim sogenannten
Fußbekleider in der Lehre war, er wanderte als
Handwerksbursche und litt viel unter der strengen
Beobachtung der Speisegesetze. Als ich Gymnasiast
war, war er Soldat in Stuttgart, und auch da lebten
wir viel miteinander. Er verheiratete sich hier und
blieb bei seinem Handwerk. Er arbeitet seit bald
40 Jahren hier, täglich, Sommers und Winters, von
5 Uhr morgens an bis nachts 8 Uhr, kümmert sich
nichts um schnellen Gewinn der Handelsleute, hat
sich ein gutes Vermögen erarbeitet, hat brave Kin¬
der und lebt zufrieden und arbeitsam wie wenig
Menschen; sein ganzes bescheidenes und dabei so
tüchtiges und festes Wesen macht den besten Lin¬
druck, und ich freue mich au einer so Stilb und
gediegenen Natur, die keine Wünsche nach ,end
einer Erweiterung hat und nichts will als a. iten,
satt essen und schlafen und brave Kinder r. xhen.
Nordstetten, 25. . "i 1870.
— — — Nachmittags war ich zuerst au der Leh¬
rerswitwe, dann beim Herzle. Sein ■ > lirbub, ein
Christ, war am Sonntag nicht da.' und ich sali auf
dem Schusterstühlchen, dem Fleißigen, der seit eini¬
gen Jahren zur Arbeit eine Brille trägt, gegenüber.
Die Werkstatt hat die Aussicht nach dem oberen
Schloßgarten, wo wir oft miteinander gespielt und
wo vordem der einzige hier heimische zahme Kasta¬
nienbaum gestanden hatte. Herzle schlu? Stitte in
die frischbesohlten Stiefel für abziehende S> Idaten, er
arbeitet sehr exakt umd eine Sohle richtig fest-
machen, erfordert viel Hin- und Herwenden, Nähen,
Klopfen, Feilen, Schaben. Es ist eine wahre Labung,
dem braven Kerl zuzusehen und /u/uhören. Meine
Fragen vom Tag vorher erweckten ihm auch man¬
cherlei Erinnerungen, die er nun still auf seinem
Schusterstühlchen für mich ausdcnM.
Bei dem letzten großen Erlebiü-. das sein Dasejn
ihm gewährt, bei der Fahrt zu den .sjlinoza-Stätten in
Holland, wird Berthold Aueriiach lief bewegt durch
die Erinnerung an die heldLlihattc Geschichte sei¬
ner Glaubensgenossen. In der portugiesischen Syna¬
goge zu Amsterdam holt ihm der Sekretär zwei.
Folianten aus dem Archiv und noch ein portugie¬
sisches Manuskript aus dem 18. Jahrhundert, eine
Chronik der Gemeinde, herbei. In französischer Ueber-
setzung trägt er Auerbach aus diesen alten Aufzeich¬
nungen vor.
Amsterdam, 10. September 1878.
— — — Der Sekretär las mir immer weiter und
immer mehr, er wurde allmählich durch meine Teil¬
nahme immer wärmer. Ich vergaß Hunger und
Müdigkeit und lebte so ganz unter den heldenhaften