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Märtjrern, daß es fast drei Uhr wurde, ehe ich weg¬
kam, und draußen fühlte ich mich vor Hunger
und Aufregung so taumelnd und matt, daß ich glaubte,
ich käme nicht weiter. O, wie armselig erschien ich
mir da! Was haben diese Männer erduldet und
wurden nicht müde! Was ist die antike Vaterlands¬
liebe gegen die Religionsliebc und ihren Opfermut?
Und (fiese heischte ein Heldentum in der Stille und
Verborgenheit, und da winkte dem Tapfem kein
Siegeseinzug, kein Lorbeer, kein Ruhm still, glanz¬
los, nur der Sache hingegeben, nur dem (iotte in
der Seele folgend.
Wenige Monate vor seinem Tode sucht der schwer-
kranke Auerbach noch einmal in der Heimat neue
Kraft. Dann folgt ein Aufenthalt in Cannes, wo er
Heilung zu finden hofft. Die starke Anteilnahme an
den Geschicken seiner Gemeinschaft geht überall mit.
Nordstetten, >>. September ISS!'.
Ls war mir eigentlich bang, hierher zu
gehen. Wozu mir die Aufregung machen, in den
Ort zu gehen, wo mir alles gestorben ist und mich
jeder Stein, jeder Baum mit Lrinnerungen ruft? Nach
Tische werde ich plötzlich daran erinnert, daß heute
der Todtstag meiner Mutter ist. Heute vor 30 Jan-
ren starb sie. Die alte, bald 80jährige Ffau des
Lehrers Frankfurter war heute auf dem Grabe mei¬
ner Mutter gewesen. Ich kann nicht hingehen, denn
ich weilt, wie entsetzlich es mich angreifen würde.
Ich habe in der hiesigen - lemcinde eine kleine Stif¬
tung zu in Gedenken meiner Litern gemacht, und heute
wurde die Hälfte der Zinsen verteilt.
- Cannes, i>. Januar 1882.
Die Tage werden schon länger. Das sehe ich am
Standpunkte der Sonne, wenn sie über dem Meere
und dem Estereigebirge untergeht. Das Mitleben mit
der Sonne gehört zum Besten hier; man hat tag¬
täglich das große Naturleben und versäumt es nie
über der Bücherwelt oder Geselligkeit. Wenn ich
nur erst einmal recht hinaus dürfte, d. h. könnte,
aber ich bin noch entsetzlich schwach, kurzatmig
und müde. Aber gut ist’s, daß ich in der großen'
Natur atme und schaue. Könnte ich dabei auch
nur ganz das kleine und das große Menschengetriebe
vergessen!
Am 8. Februar 1882 diktiert der Schriftsteller in
Cannes seinem Sohn einen Brief an Spiclhagen, in
dem er darauf hinweist, daß von der Entwicklung
seines Lebens das Wichtigste in den Briefen an sei¬
nen Freund Dr. Jakob Auerbach den Lehrer am
Philänthropin in Frankfurt am Main -- stehe. Diese
letzte Mitteilung an Spielhagen, in der ein unermüd¬
licher geistiger Arbeiter sein Haus bestellt, beginnt
mit den Worten: „Heller Sonnenschein, Rauschen
des Meeres. Morgen um diese Stunde atme ich viel¬
leicht nicht mehr." Noch am gleichen Tage, abends
um 6 Uhr, schloß ihm der Tod die Augen für
immer.
„Wohl dem, der seiner Väter
gern gedenkt“.
Aus einem Vortrag von
Dr. Arthur Czellitzer.
Anläßlich der Eröffnung der Ausstellung „Unsere
Ahne n" im Jüdischen Museum zu Berlin hielt der
Vorsitzende der „Gesellschaft für jüdische Familien¬
forschung", Dr. Arthur Czellitzer, die Eröffnungs¬
rede, der wir It. dem Bericht der C.-V.-Zeitung die
folgenden Stellen entnehmen;
„Es gab eine Zeit, und sie ist gar nicht einmal
so lange her, wenn man historisch denkt und nicht
aus der kleinen Perspektive des persönlichen Erlebens!
— es- gab also eine Zeit, da fanden sich in nahezu
jedem jüdischen Haus an der Wand ein oder mehrere
Familienbilder. So wie die jüdische Hausgemeinschaft
an die fernen frommen Ahnen erinnert wurde durch
die Mesusa, das Mahnzeichen von den „Zelten Ja¬
kobs", um mit Heine zu sprechen, so an die Eltern
oder Großeltern durch eine Zeichnung, einen Schat¬
tenriß, seltener ein Pastell oder ein Oelbild, schlie߬
lich meistens durch eine Photographie.
Etwa bis 1880 oder 1890 war das Andenken min¬
destens der näherstehenden Ahnen überall durch solche
Bilder vor dem Vergessen geschützt. Was man nicht
an die Wand hängte, bewahrte man in einem Album
auf, das dem Besucher mit Stolz gezeigt und vorge¬
führt wurde.
ln der deutschen Kleinstadt dauerte diese aus der
Pietät geborene Sitte noch bis in unser Jahrhundert
hinein und besonders im Osten, noch länger, denn
ich fand noch während des Weltkrieges in vielen
recht ärmlichen Wohnungen der Juden in Polen an der
Wand stets ein paar eingerahmte Familienbilder.
Das hat sich für die Juden des Mittelstandes in
Deutschland unter unseren Augen von Grund auf ge¬
ändert.
Das Album wurde unmodern; zugleich mit dem
Makartbukett und dem Prachtband mit Goldschnitt
verschwand cs völlig. Und die Bilder an der Wand
— sie mußten wandern. Der Jude in Deutschland, der
■nunmehr an Stelle der Einzimmer- oder . Zweizim¬
merwohnung über eine größere Zahl von Zimmern ver¬
fügte, er entfernte die Bilder zunächst aus den Räu¬
men, in denen er Gäste empfing. Ein paar Jahr¬
zehnte hindurch konnte man die Familienbilder in
dem üblichen schwarzen ovalen Holzrahmen noch in
den Schlafzimmern vorfinden. Dann wurden sie auch
hier lästig. Man nahm sie herunter. Man steckte sie
in Gefache, in Kisten und Koffer; oft endeten sie
rühmlos unter Gerümpel "oder im Ofen.
Und warum diese pietätlose Bilderstürmerei?
Weil sie Jüdisch” aussahen, die alten Herren mit
den langen Bärten und dem Käppchen auf dem Haupt,
oder die Frauen mit dem falschen Scheitel unter der
Haube! Das war ihr Verbrechen oder doch ihre
tragische Schuld! Nur wenn es sich um Gelgemälde
von Rang handelte oder um besonders repräsentable
Typen, die nicht allzu modisch aussahen, durften
sie in so mancher Familie bleiben, und ein Blick
an die Wände um uns her zeigt ja, daß nicht alles
bildliche Traditionsgut den Weg zur Vernichtung fand.
Der Aufstieg zu einer höheren Bildung, als sie die
Vorfahren besaßen, der Aufstieg in soziale Schichten
mit Umgangsformen und Gewohnheiten, die jenen
überlegen waren oder sich doch überlegen dünkten,
schuf zwischen Ahnen und Enkeln eine Kluft, die das
Bewußtsein der inneren Zusammengehörigkeit zer¬
störte.
Nur so ist cs erklärlich, daß die jüdische Bour¬
geoisie so ziemlich das Gegenteil empfand zu dem
berühmten Wort aus der „Iphigenie”: „Wohl dem,
4er seiner Väter gern gedenkt.
Wir Juden hätten aber allen Anlaß, unsere Ahnen
zu kennen, denn auf eine inrer Eigenschaften, und
zwar eine allen unseren Ahnen gemeinsame Eigen¬
schaft, können wir alle, die wir heute noch als Juden
leben, gleichmäßig und ohne jede Ausnahme stolz
sein. Ich meine die bloße Tatsache, daß alle' unsere
Vorfahren der unendlich großen Versuchung wider¬
standen haben, durch einen Glaubenswechsel mit
einem Schlag alle die Schranken zu durchbrechen,
alle die Hindernisse zu beseitigen, die seit zweitausend
Jahren zu allen Zeiten ihr Glaube ihnen errichtete.
Damit wir heute und hier als Juden beieinander
sitzen, dazu bedurfte es standhafter Gesinnung und
treuen Beharrens nicht nur in einer Generation und
auch nicht in einigen Generationen, sondern in allen
durch Jahrhunderte hindurch! Immer wieder lockte
die Versuchung: „Kommt heraus aus eurer Enge
zu uns in die Werte. Betet an, was Ihr verbrannt
habt und verbrennt, was Ihr angebetet habt!”
Keiner unserer Ahnen hat verbrannt, was er vor¬
her angebetet hat. Lieber haben sie sich selber ver¬
brennen lassen!
Und darauf sollten wir nicht stolz sein?
Wie entartet und verkümmert müßte eine Gene¬
ration sein, um diesen Stolz nicht zu empfinden!
Und nicht nur dies; erinnern wir uns doch: die Zeit
liegt noch nicht so fern, wo es sogar Juden gegeben
haben mag, die nicht nur ohne Stolz, sondern mit
Bedauern an jene Beharrlichkeit ihrer Ahnen dachten
und es ihnen geradezu verdachten, daß sie Juden
blieben.
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