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,Metamorphosen“, von dem Weltweisen Pythagoras (580 v.
Chr.), von Plutarch (50 n. Chr.) und von der Bibel, dass
die Juden Thier- und Menschenblut nach ihrem traditionellen
Gesetze nie und nimmer gemessen dürfen.
Der nächste Abschnitt behandelt sodann die ״Anklagen
wegen Rituaimords gegen die Christen“ von den ältesten
Zeiten der Römer bis zur Gegenwart. Dieses überaus be-
lehrende Kapitel schliesst der gelehrte Autor mit folgen-
den Worten:
״In Europa bedauert luau die Chinesen, die noch auf einer
so niedrigen Kulturstufe stehen, dass man ihnen derartige
Albernheiten und Schensslichkeiten als Wahrheiten und That-
suchen bieten kann; was 8011 man aber von den Christen in
Europa sagen, die es gläubig annehmen, wenn man ihnen die
schauerliche Märe erzählt, dass die Juden Christenkinder
fangen und sie schlachten, um ihr ISlut in die Osterkuchen
zu backen und zu gemessen ? Man sollte es nicht für möglich
halten, und doch ist es so, denn wir haben es ja in Deutsch-
lnml selbst erlebt, dass Synagogen zerstört und Judeu miss-
handelt wurden aus demselben Grunde, aus welchem in Cliiua
christliche Kirchen niedergerissen und Christen misshandelt
und getödtet wurden, weil sie Kiuder gefangen und geschlachtet
haben.“
In den drei nächsten Kapiteln liefert Dr. Frank die
wissenschaftlichen Beweise gegen die Blutanklage der
Juden wegen Rituaimords, zugleich mit grosser Saohkennt-
niss in all’ die falsch gedeuteten Stellen in talmudischen und
kabbalistischen Schriften Licht bringend. Der katholische
Pfarrer weist die Lüge der Blutbeschuldigung handgreif-
lieh nach. Aus Akten und Daten hat Dr. Frank dieses
sehr wichtige Material zusammengetragen. Er führt Gut-
achten und Aussprüche von Päpsten, Fürsten, kirchlichen
Würdenträgern, Hochschulen, Fakultäten, wissenschaftlichen
Gesellschaften Professoren, Judenchristen — Konvertiten
aus dem Judenthume. All’ diese haben sich dahin aus-
gesprochen, dass das Blutmärchen eine lügenhafte Er-
findung sei. Einige dieser Gutachten seien hier aus-
ziiglich mitgetheilt. Die vom 25. September 1253 datierte
Bulle des Papstes Innocenz IV. (1243—1254) ist bekannt.
Papst Martin V. erliess am 20. Februar 1422 eine
Bulle, in der es unter Anderem heisst:
״ . . . Um die Juden ihrer Güter und Habe zu berauben und
steinigen zu können, erdichten bisweilen zahlreiche Christen
Anlässe und Vorwände und behaupten in den Zeiten grossen
Sterbens und anderer Unglücksfiille, die Juden hätten Gift in
die Hrunncn geworfen und in ihre ungesäuerten Brote Menschen-
blut gemischt. Von diesen Verbrechen, welche ihnen ganz
mit Unrecht vorgeworfeu werden, sugt man, sie seien die
Ursache, weshalb das Verderben über tlie Menschen komme.
Aus diesen Anlässen werden die Völker gegen die Juden auf-
gereizt, tödten dieselben, misshandeln sie und quälen sie mit
den verschiedenartigsten Verfolgungen und Bedrückungen. In
dieser Erwägung verbieten wir insbesondere den Diöcesaubischöfen,
den Oberen der Orden auf das Strengste, zu gestatten, dass
fernerhin Derartiges oder Aehnliches gegen diö Juden beiderlei
Geschlechts, wo immer dieselben in ihren Diöcesen, Staaten,
Ländern und Orten wohnen, von irgend welchen Predigern
der Ordens- oder Weltgeistlichkeit jeglichen Standes, Weihe-
grades, Ordens und Amtes gepredigt werde, indem Wir beachtet
wissen wollen, dass jeder Christ die Juden mit menschlicher
Milde behandle, ihnen nicht an ihrer Person oder an ihrem
Hab und Gut Unrecht, Belästigung oder Anfeindung outline,
sondern dass, wie ihnen der wechselseitige Verkehr mit den
Christen gestattet ist, also auch ihnen erlaubt sei, gegenseitig
Vortheil von einander zu haben.“
Das Herzogthnin Mailand wurde gleichzeitig von Bona
und Johannes Sforza regiert, ln ihrem i. J. 1479 gemein-
sehaftlieh herausgegehenen Erlasse sagen sie:
״Es erscheint uns sehr hart, dass wenn ein Kind verloren
geht, oder, in der Absicht, die Juden zu verderben, von den
Feinden derselben geraubt wird, die Juden an Habe und Leben
so sehr gefährdet werden, während es ihnen doch unmöglich
sein wird. Sorge zu tragen oder Kechenschaft zu geben, wie
viel Kinder aus den Orten, wo sie wohnen, verloren gehen.
Nach dem Gesagten glauben wir, dass Niemand mit gesundem
Menschenverstand diese Narrheiten, deren sie angeschuldigt
werden, glauben sollte, schon deshalb, weil ihr Gesetz dem
Morde feindlich gegenübersteht. Ebenso hat natürlich Jeder-
mann, sei er so grausam, wie er wolle, Abscheu und Ekel vor
menschlichem Blut, und zum Beweis dafür, dass die Juden
nicht schuldig sind, haben uns die glaubwürdigsten Autoritäten
sehr gewichtige Gründe und Beweise sowohl rechtlicher als
natürlicher Art gegeben. Zunächst wird ihnen durch das
Mosaische Gesetz der Mord verboten, nnd in vielen Stellen
der Genuss des Blutes nicht nur von Menschen, sondern auch
von Thieren jeder Art untersagt und diese Vorschrift wird von
den Juden streng beobachtet“
Der Bischof von Fulda hat am 4. Februar 1882 auf
Ersuchen folgende Erklärung abgegeben:
״Ich wiederhole hiermit schriftlich meine Erklärung, dass
die Annahme, es könnte von Juden Christenblut zu rituellen
Zwecken jemals gebraucht worden sein, weder durch die jüdische
Religion, noch durch die Geschichte zu begründen ist, und
dass eine derartige Beschuldigung, auf welche Voraussetzungen
immer sie gestützt werden möge, als eine freventliche
Unwahrheit bezeichnet werden muss.“
Am 10. Oktober 1882 schreibt Dr. Stade-Giessen:
״Wer behauptet, dass die Juden sich zu ritualen Zwecken
des Menschenbildes bedienen, beweisst damit seine vollstiin.
di ge Unkenntniss der Geschichte und des Charakters der
jüdischen Religion.“
Dr. Dillmann-Berlin, schreibt am 4. November 1882:
״Ich kann als meine volle Ucherzeugung allssprechen, dass
die fragliche Beschuldigung eiue reine böswillig ausge-
sprengte Lüge ist, und wünsche von Herzen, dass die Obrig-
keifen endlich mit Nuchdrnck gegen die schuldigen Fanatiker
eiusohreiten mögen.“
Die Aeusseruug des Ignaz G u i d i -Rom vom 9. No-
vember lautet:
״Es ist wirklich traurig, dass eiue jeder Basis ent-
behrende und auf vollständiger Unkenntniss des Judenthuius
beruhende Behauptung, dass im jüdischen Gottesdienste
Menschenblut gebraucht wird, im 19. Jahrhundert und in
Europa Ursache von brutalen Verfolgungen ist, oder Anlass
d:*711 giebt.“
Es folgen noch viele Gutachten und Erklärungen be-
rühmter christlicherTheologen gegen die Blutbeschuldigung,
sodann beginnt der zweite Theil des Buches: ״Der Ritual-
mord vor dem Gerichtshöfe der Gerechtigkeit.“ Der
Verfasser registrirt 172 Blutbeschnldigungsprozessc vom
Jahre 1235 in Fulda bis 1900 in Pisek. ln allen diesen
Fällen ist wegen dieses Aberglaubens noch nicht Einer
mit Recht verurtheilt worden.
Die letzten zwei Aufsätze: ״Eine glänzende Recht-
fertigung des Apostolischen Stuhles“ und: ״Ein Trost für
Israel,“ gereichen, wie das ganze Buch, dem Judenthum
zur Ehrenrettung und Israel zur Ehre. — So lange die
Lüge ihr Haupt noch erhebt, bedarf es zu ihrer Wider-
legung solcher beweiskräftigen Stimmen wie sie Herr Pfarrer
Frank in diesem empfehlenswerthen Buche zur Ehre der
Wahrheit nnd Gerechtigkeit erhebt. Herman Kuban.
Inhalt der No. 1*3.
Wissenschaftliche Aufsätze: War der Agadist Berechja der jüdische
Lehrer des Hieronymus? Von Dr. M. Rabiner. — Aus Hie-
ronymus Commcutur zn Micha. Von Dr. M. Rahmer. —
Randbemerkungen zur Pentateuch-Uebersetzung des Onkelos.
Von I)r. Immanuel Deutsch.
Litteraturbericht. Recensiouen: Dr. Fr. Frank, Der Ritualmord
vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit. Von
Herman Kali an.
Diese Nummer bringt Titel und Inhaltsverzeichnis■ zu den
beiden Jahrgängen 1900 und 1901 .
Verantwortlicher Redactenr: Rabbiner Dr. M. Rahmer, Magdeburg.
Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.