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MITTEILUNGEN No. 46-47
DES VERBANDES EHEMALIGER BRESLAUER UND SCHLESIER
IN ISRAEL E.V.
Actions-Comite: Dr. Lilll Berg-Platau, Erich Lewin, Max Lopatka, R. Löwenberg,
Dr. Prager, J. Sachs, M'. Schmerel-Hofstein.
Briefadresse: Erich Lewin, Ramat-Gan, Mazadastr. 27. Tel. 749754
Soziale Hintergründe des Pessach-Iestes
Von R. Dr. Hans Chanoch Meyer
In der Weltgeschichte walten starke Kräfte,
welche die Gestaltung und den dynamischen Fort¬
gang des Geschehens verursachen. Gemeinhin
herrscht die Ansicht, dass die soziale Frage, das
religiöse und nationale Moment zu diesen mächti¬
gen Triebkräften gehören. Wenn wir den Auszug
des Volkes Israel aus Ägypten vor mehr als 3000
Jahren näher betrachten, so werden wir in der
Tat auf diese drei Faktoren stossen.
Es zeugt vom Weitblick unserer Welsen, dass
sie dafür Sorge trugen, uns das Fest in seiner
heutigen Form begehen zu lassen. Damit erreich¬
ten sie die Aktualisierung, d.h. die absolute Verle¬
bendigung dessen, was in grauer Vorzeit geschah.
Wie es in der Haggada heisst: In jeder Generation
ist der jüdische Mensch Verpflichtet, sich vorzu¬
stellen, als ob er se’bst aus Ägypten gezogen sei.
Dieses Ke’ilu, dieses, „als ob“ weist ein Geheimnis
auf, das sich nur demjenigen erschliesst, der willens
ist, sich in den grossen Rahmen der jüdischen
Tradition einzuordnen. Als ob du selbst dabei
gewesen wärest...! Die Wirkung hiervon ist ein
überzeitliches Erlebnis. Wo finden wir sonst noch
einen geschichtlichen Vorgang (der solange zurück¬
liegt) derart in das gegenwärtige Leben hineinpro¬
jiziert wie es bei uns Juden in bezug auf das Er¬
eignis der Befreiung aus Ägypten der Fall ist.
Pessach chag hamazzoth! Die Mazza ist das
Brot des Elends. Ha lachma an ja — wie es im
Eingangsmanifest der Haggada heisst — sagt über
unseren damaligen sozialen Status mehr aus als
gelehrte Untersuchungen und Darlegungen es ver¬
möchten. Wenn wir Mazza mit dem Maror, dem
Bitterkraut am Sederabend verzehren, so verste¬
hen wir alsbald was gemeint ist. Und gerade weil
wir dies nur zu gut verstehen, zieht die Jüdische
Sozialethik auch sogleich die Konsequenzen. Wie
es weiter heisst: Jeder, der hungrig ist, komme
und esse; jeder, der in Not ist, komme und feiere!
Von hier aus der ungeheuere Drang, welchen
edeldenkende und Willensstärke jüdische Menschen
empfanden, um gerade im Bereich des Sozialen
tätig zu werden. Sei es in der Theorie oder in der
praktischen Sozialpolitik. Oder gar im Sturm der
alles umwälzenden Revolution. Denken wir nur an
den Revolutionär Leo (Leib Bronstein) Trotzki,
welcher, weit von der Praktizierung alles Jüdischen,
dennoch seine jüdische Abstammung nicht ver¬
leugnet hat und welcher nicht von ungefähr
“The armed Prophet’’ genannt wurde (Isaak Deut¬
scher). Mit dieser Bezeichnung kommt zum Aus¬
druck, was wir als das „Erbe im Blut“ empfinden.
Jedenfalls erfasste die soziale Frage den jüdischen
Genius schon in biblischer Zeit und ist vom Reli¬
giösen, welches den Charakter des jüdischen Vol¬
kes schlechthin geprägt hat, nicht zu trennen.
In der Pessachnacht wird das Ineinander bei¬
der Momente zum Ereignis. Zur gemeinsamen
Mahlzeit mit ihrem erhebenden religiösen Höhen¬
flug wird jeder angerufen und eingeladen.
Das Judentum hat bei Anbeginn seiner Ge¬
schichte empfunden, wie quälend das soziale Pro¬
blem sein kann. Im antiken Ägypten gab es eine
reichliche Produktion agrarischer Erzeugnisse.
Man erfasste mit sicherem Instinkt, welch ein
Segen den dahiniliessenden Wrssern des Nils ent¬
strömen kann. Und dennoch: Die Verteilung des
potenziellen und produzierenden Reichtums war
extrem ungerecht. Diejenigen, welche schwer arbei¬
teten, den Boden bebauten oder zur Bau — „Indu¬
strie" abkommandiert wurden, waren hörige Skla¬
ven und ihre nackte Existenz war dauernd in
Frage gestellt. Wie überhaupt das Menschenleben
der arbeitenden Klasse gering eingeschätzt wurde.
Dieses Urerlebnis am Beginn unserer Volksge¬
schichte hat unser individuelles und Gemein-
schaftsstreben aufs höchste beeindruckt.
Ist es nicht eine Tatsache, dass diese klaffende
Wunde noch heute und erst recht heute, zum
Weltproblem Nr. 1 geworden ist. Wir versetzten
uns im Geist zu den Hungernden der Welt. Weder
die Länder der christlichen Zivilisation noch die
sozialistischen Staaten mit all ihren Errungen¬
schaften auf dem Gebiete der modernen Technik,
der Angriffs- und Vernichtungswaffen zumal, ha¬
ben es fertiggebracht, dass die „Schande des Hun¬
gers“ — cherpath haraaw — bei Millionen und
Abermillionen beseitigt worden ist. Wir erinnern
uns an Biaffra, Bangla Desch, an das Massen¬
elend in der indischen und indonesischen Welt
und in Südamerika. Ja, selbst in dem reichsten
Staat der Welt, in den USA gibt es einen nicht
zu übersehenden Prozentsatz der Gesamtbevölke¬
rung, der unter dem Existenzminimum dahinvege¬
tiert. Und dies keineswegs nur im farbigen Bevöl¬
kerungssektor. Wir erinnern uns, dass der Präsi¬
dent Kennedy s.Zt. dieses Problem als das schwie¬
rigste und schmerzlichste der amerikanischen In¬
nenpolitik ansah und im Begriffe war, Sofortmass¬
nahmen zu ergreifen... Aber das Problem ist bis
heute nicht gelöst. Wenn dennoch die westliche
Welt einiges aufgetan hat — u.a. „Brot für die
Hungernden“ — so freuen wir uns als jüdische
Menschen darüber. Wir waren trotz unserer Min¬
derzahl in vorderster Front, um die „Entwicklung"
in aller Welt, wo notwendig, zu fördern. Aber es
erging uns wie den Nachkommen der Jakobsfami¬
lie in Ägypten. Bald nach dem Tode Josefs wusste
die altägyptische Staatsftihruung nichts mehr von
dem, was Josef vollbracht hatte. Oder jedenfalls
sie tat so als ob sie das nicht mehr wüsste.
Ja, die Angst vor den Juden — die Judo¬
phobie — wie es der Arzt Leo Pinsker in seiner
„Autoemanzipation“ erkannt hat, spielt im Verlauf
unserer Schicksalsgeschichte eine entscheidende
Rolle. Zum ersten Mal in Ägypten. Im ganzen
europäischen Mittelalter. Im zaristischen Russland.
In Deutschland sowie in ganz Mitteleuropa in der
Epoche unserer Jugend. Und nun sogar heute in
den „armen“ neuen Staaten, denen wir alle Gutes
gegeben. Anstatt es uns zu danken, lassen sie sich
von denen aufhetzen, welche in Wirklichkeit brutal
und ausnützerisch ihre Armut zu politischen Zwek-
ken missbrauchen. Dazu gehört, dass man die be¬
treffenden Staaten empfänglich macht für das
Gift des Judenhasses. In Afrika und anderswo.
Derart oder ähnlich sind die Reflexionen, wel¬
che sich beim aufmerksamen Leser der Haggada
am Pessachfeste einstellen; dieselben mögen ein
wenig rhapsodisch wirken; aber doch basieren sie
auf geschichtlichen und gegenwärtigen Tatsachen.
Wir haben den 1. April 1933 sowie April 1945
erlebt. Beide sind Schicksalsdaten ersten Ranges
um die Pessachzeit. Sodann Pessach 1948 und Pes¬
sach 1949: Von schwerer Bedrängnis zur Aufrich¬
tung und Konsolidierung.
B’chol dor wador omdim alenu...
Zu jeglicher Zeit versucht man ISRAEL auszulö¬
schen, aber eine höhere Macht lässt es nicht zu.
ISRAEL wird errettet. Es wehrt sich und hat sich
zu bewähren — heute mehr denn Ja.
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