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Moses Mendelssohn—Gotthold Efraim
Lessing: Nathan der Weise
ZUR 250. WIEDERKEHR IHRES GEBURTSTAGES. GEWIDMET DER LESSING-LOGE, BRESLAU —
EINER DER SCHATTENBILDER MEINER KINDHEIT
Am 1. Oktober 1933 wurde ln Berlin lm „Jüdi¬
schen Kulturbund“ Nathan der Welse aufgeführt.
Damit wurde der Schlusspunkt für eine Epoche
gesetzt, von der der Religionsphilosoph Julius
Guttmann sagte, dass in ihr in Deutschland
modernes Judentum geboren wurde. Auch der
amerikanische Rabbi Simon Noveck unterstreicht,
dass Deutschland der Geburtsplatz des modernen
Judentums ist. (Great Jewish Personalities in
modern times, S. 7).'
Einen Tag vor der Aufführung des „Nathan
der Weise“ war Jom Kippur. Während der Seelen¬
feier sagte in seiner Ansprache Dr. B. Gottschalk
in Köln: „Der morgige Tag ist für die Geschichte
der deutschen Juden von besonderer Bedeutung.
Beginnt doch der viel genannte „Kulturbund“ an
ihm seine Arbeit. In der Reichshauptstadt soll
vor nur Jüdischen Menscheii, gespielt von nur
Jüdischen Menschen, „Nathan der Weise“ über die
Bühne gehen.
Wir wollen nicht verschweigen, dass wir die¬
sem Ereignis mit geteilten Gefühlen gegenüber-
stehen... Wir wollen an das Stück und seinen
Verfasser denken. War doch Lessing für seine
Zeit der Mensch, nach dem wir heute immer wie¬
der ausschauen und den wir immer wieder freu¬
dig begrüssen, wenn wir ihm auf unserem Wege
begegnen, der Nichtjude voll Weitherzigkeit und
edlem Sinn. ...Er hat Mendelssohn, der Ja für
„Nathan“ das Vorbild abgab, in die deutsche
Literatur eingeführt“.
Als diese Worte gesprochen wurden, brach für
die Mehrheit der Juden in Deutschland ihre gei¬
stige Welt zusammen. Unter den Ruinen lagen die
Trümmer des Zwischenspiels der Jüdischen Ge¬
schichte: Moses Mendelssohn und das Ende einer
Emanzipation.
Es ist schwer heute — 46 Jahre später — und
noch dazu als Bürger eines souveränen Staates
der Juden — nachzuempfinden, was damals zer¬
brach. Als am 1. Oktober der Vorhang zur Auf¬
führung des „Nathan“ hochging, ahnte niemand,
dass am Ende auch wir gleich Nathan, nachdem
ihm das Weib und sieben hoffnungsvolle Söhne
genommen worden, „unversöhnlichen Hass schwö¬
ren". Aber allmählich kam seine Frömmigkeit
wieder. Er überwand sein grosses Leid und ent¬
schloss sich — wie auch wir — zu dem Bekennt¬
nis: „Ich will, willst Du nur, dass ich will“.
DU — das war Gott.
Mit der Aufführung schliesst die Epoche ab,
die mit der Freundschaft zwischen Lessing und
Mendelssohn begann. 150 Jahre, in denen Juden
in Deutschland sich bemühten, den begonnenen
Dialog fortzusetzen. Der „Nathan“ wurde zu einer
Symbolfigur.
Noch im Jahre 1935 sagte der Grosspräsident
des deutschen Distrikts der B’ne Brith-Logen
Dr. Leo Baeck in seiner Festrede zum 50. Stif¬
tungsfest der Lessing-Loge in Breslau: „Es ist für
uns eine Bedeutung Lessings geworden, dass er
das Wort Jude zu einem Ehrennamen, zu einem
Adelsprädikat gemacht hat. Er hat eines seiner
ersten Stücke „Die Juden“ genannt, und wer es
damals las, für den musste dies ein ganz Neues
sein. Und in Lessings „Nathan“ ist es dasselbe.
Jude, das ist auch hier das Wort von der Ehre
und Würde“. Der Vorhang war heruntergegangen,
Israel E. Loefwenstein, Jerusalem.
aber Lessing und sein „Nathan“ gaben Mut zum
geistigen Widerstand.
Hatte Lessing ein Vorbild für seinen „Nathan“?
Hier unternahm er den kühnen Versuch, eine
Verständigung zwischen den Anhängern verschie¬
dener Konfessionen anzubahnen — auf der Grund¬
lage der Menschenliebe. Juden wie Nichtjuden
haben oft den Nathan mit Moses Mendelssohn
identifiziert. Der Literaturhistoriker Gustav Kar-
peles schreibt in seiner Geschichte der Jüdischen
Literatur: „Indem Lessing die Idee, dass das rein
Menschliche über alle Satzungen und religiösen
Vorurteile siegen müsse, zu erhabenem Ausdruck
brachte, hat er einen unberechenbaren Einfluss auf
das deutsche Geistesleben ausgeübt; indem er
aber zum Träger dieser Idee einen Juden machte
und in diesem unverkennbar seinen Freund Men¬
delssohn zeichnete, hat er selbst seine von Vor¬
urteilen unbestochene Liebe, seine echte humane
Gesinnung und Beinen Wahrheitseifer bekundet“
Auch in einem im Rahmen der Kantstudien im
Jahre 1919 erschienenen Heft: „Moses Mendelssohn
im Urteil seiner Zeitgenossen“ von Beathe Berwin
kommt zum Ausdruck, dass Lessing seinem Freunde
Mendelssohn kurz vor seinem Tode ein unvergäng¬
liches Denmal im „Nathan“ gesetzt und er als
das Urbild uns immer gegenwärtig ist.
Konnte Moses Mendelssohn das Urbild des
„Nathan der Weise“ sein? Steht Nathan noch im
Judentum? Hat sein Dichter uns Juden von innen
gesehen. Ein Christenmädchen, Recha, wurde im
Hause Nathans „nicht sowohl in seinem als viel¬
mehr in keinem Glauben auferzogen und sie von
Gott nicht mehr nicht weniger gelehrt, als der
Vernunft genügt“. Der geistige Habitus, Aus¬
drucksformen Charakterzüge mögen Jüdisch sein.
Auch die antichristlich gemeinte Äusserung: „Be¬
greifst Du aber, wie viel andächtig schwärmen
leichter, als gut handeln ist“, konnte von einem
Juden gesprochen werden. In einem Aufsatz an
die Herrenhuter hat es Lessing noch deutlicher
gesagt: „Was hilft es recht zu glauben, wenn man
unrecht lebt“. Moses Mendelssohn hat diesem
Gedanken einen wesentlichen Teil seines „Jerusa¬
lem oder über die religiöse Macht im Judentum“
gewidmet. Hier treffen sich der Ghettojude aus
Dessau und Vater der Haskala mit dem Pastoren¬
sohn, der zum Vorkämpfer der Aufklärung und
des Deismus wurde.
Dabei waren sie doch sehr verschieden. Les¬
sing ist der Kämpfer mit seiner Freude am Gei¬
steskampf. Mendelssohn wird zum Kampf heraus¬
gefordert, weil er unter dem Druck frederiziani-
scher Judengezetze sich „im moralischen so wenig
wie im physischen Sinne zum Kämpfer geschaffen
fühlte“. Aber beide verkehren mit Menschen aus¬
serhalb ihrer Religion. Sie sind Bekenner des
Humanitätsideals. Und doch religiöse Menschen.
Man kann also — so lehrt der Pastorensohn Les¬
sing — ohne Vermittlung des „Sohnes“ zum „Va¬
ter“ kommen. Die Tür steht Jedem — auch den
Juden — offen. Ende des 18. Jahrhunderts gehörte
Mut dazu, dies der Welt zu sagen. Kein Wunder,
dass der Nathan — nach dem Tode von Lessing —
1783 in Berlin durchfiel.
Mendelssohn hat sich in zäher Arbeit zu einem
der wirksamsten Denker und beliebtesten Schrift¬
steller seiner Zeit entwickelt. Und er war ein Jude,
ein frommer Jude. So konnte er das Muster abge¬
ben für Lessings Nathan den Weisen. Aber es gibt
zwei Moses Mendelssohn-gestalten. Den geschicht¬
lichen Moses und den Moses wie er in der Gestalt
des Nathan in die Geschichte der Juden hinein¬
gewirkt hat.
Wer war der geschichtliche Moses Mendels¬
sohn? Ein Zeitgenosse der „Herrn Moses“ kann
uns eine Antwort geben. Salomon Maimon, der
1779 aus Polen nach Berlin kam. Er schrieb die
„Geschichte des eigenen Lebens“. Im 24. Kapitel
beschreibt er, wie gütig Mendelssohn für den
unbekannten Jüngling, der gerade aus dem Ghetto
kam, sorgte. Maimon, der selbst die traditionelle
Jüdische Erziehung erhalten hatte, rühmt an Men¬
delssohn nicht nur die hohen moralischen und
intellektuellen Qualitäten, sondern auch, dass er
ein guter Talmudist war. In den Schriften, in de¬
nen Mendelssohn zu jüdischen Fragen Stellung
nimmt, unterstreicht er die Verbindlichkeit der
am Sinai geoffenfcarten Gesetze des Judentums.
Das Judentum kenne keine geoffenbarten Lehr¬
meinungen, aber fordere die Erfüllung seiner theo-
kratischen Verfassung soweit es die Umstände
erlauben. Nach diesen Prinzipien hat er gelebt.
Gegen Ende seines Lebens kommt er in seinem
Werk „Jerusalem“ zu dem erstaunlichen Schluss:
„Wenn die bürgerliche Vereinigung unter keiner
anderen Bedingung zu erhalten ist, als dass wir
vom Gesetz weichen, so tut es uns herzlich leid.
Von dem Gesetz können wir mit gutem Gewissen
nicht weichen — und was nützen Euch Mitbürger
ohne Gewissen“. So schrieb ein „konservativer
Reformator“ noch vor der so heiss ersehnten
Emanzipation. Er verzichtet auf die Emanzipation,
auf die bürgerliche Gleichheit, wenn diese mit
dem Preis der Untreue gegenüber der Religion
der Väter bezahlt werden muss. Der Lessingsche
Nathan spricht anders. Das Ziel der Humanität
ist — nach der Ringparabel — für jeden erreich¬
bar. Nicht die Religionen führen zum Ziel. Lessing
findet reine Menschlichkeit nur ausserhalb der
überlieferten Bekenntnisse. Sein Anliegen ist der
Kampf gegen die Intoleranz der Religionen. Alle
stehen auf einer Ebene. Keine so tief, um den
Weg zur Menschlichkeit zu versperren. Keine hoch
genug, um ihn zu öffnen. Für Nathan ist die
Quelle der Humanität die Vernunft, nicht der
Glaube und nicht das Gefühl. Die Vertreter der
positiven Religionen werden im „Nathan" nicht
sympathisch dargestellt.
Der Jude Nathan hat gegen den Vorwurf des
auserwählten Volkes und der Menschenmäkelei
seitens der Juden nichts anders zu antworten als:
„Verachtet mein Volk so sehr ihr wollt, wir beide
haben uns unser Volk nicht auserlesen“. Mendels¬
sohn trank bei Lessing nicht einmal eine Tasse
Tee. Der „Jude” Nathan ist ein Vertreter des
aufklärerischen Deismus.
Gibt es einen Judentyp, der dem des Nathan
entspricht. Keinesfalls gab es diesen Juden in der
Zeit Saladins, Ende des 12. Jahrhunderts, noch
finden wir ihn im 18. Jahrhundert. Nicht einmal
die Ringparabel hätte Mendelssohn von sich aus
angewandt. Allerdings liess, er sie im Munde eines
Nichtjuden gern gelten.
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