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LITERATURBLATT
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germanischer Herkunft ist, und es weiterhin nicht, gleichwertig ist, ob ein
wendischer Volksstamm im germanischen Volke aufgeht, oder ein zum
grossen Teile aus rassenzähen Semiten bestehender sich in dem germa-
nischen Volke aufzugehen bemüht.
Während also nach Lazarus alle Unterschiede zwischen deutschen
Ariern und deutschen Juden fortfallen oder ohne Bedeutung sind, hebt er
als einigend hervor die gleiche Sprache, das gleiche Vaterland, die gleichen
erworbenen Rechte, dasselbe Gesetz, dieselbe Bildung. In gleicher Weise
aber hätten sich die Juden unter allen Himmelsstrichen assimiliert — ein
Philo schrieb griechisch, Maimonides arabisch, Spinoza lateinisch und
Mendelssohn deutsch.
Zunächst sei in parenthesi bemerkt, dass man zwischen Akkomodation
und Assimilation wohl zu unterscheiden hat. Gerade die Semiten bieten
ein hervorragendes Beispiel von hoher Akkomodationsfähigkeit bei mini-
maler Assimilation.
Manches wird nun bei Lazarus verständlich, wenn man bedenkt,
dass seine Schrift: ״Was ist national?“ im wesentlichen eine Streit-
schrift gegen Treitschke war. Hs sollte bewiesen werden, dass man
uns weder auf Grund unserer Religion noch unserer Abstammung unsere
staatsbürgerlichen Rechte zu kürzen befugt sei.
Es scheint mir nun, dass — abgesehen von einigen Irrtümern, wie
in der Frage der Religion — das in seiner Schärfe (fast könnte man sagen:
Uebertreibung) höchst merkwürdige Resultat vor allem dadurch verschuldet
ist, dass Lazarus die komplizierte nationale Frage zu schematisch beurteilt
— dass er in diesen so weitschichtigen Fragen, deren Beantwortung das
Wesen eines unter höchst abnormen und komplizierten Verhältnisse leben-
den Volkes erschöpfen soll, fortwährend nach der Devise ״entweder —
oder“ operiert. Hat er eine Erscheinung beobachtet, so schliesst er. dass
eine andere, wesensungleiche, vielleicht entgegengesetzte, ausgeschlossen
sei. Diesen Geist atmet vor allem der Satz: ״Es gibt schlechterdings keinen
Juden, der nur noch einen jüdischen Geist hat.“ Tatsächlich zeigt das
Leben des jüdischen Volkes oft scheinbare Gegensätze in sich vereint. Wir
halten an den obigen Beweisen fest, die unseres Erachtens einen Zweifel
an der Existenz der jüdischen Nation nicht zulassen. Aber können oder
wollen wir deshalb jene von Lazarus hervorgehobene Tatsache ignorieren,
dass wir in den deutschen Kulturkreis tief eingedrungen sind, ebenso wie
einst Philo in den griechischen? Dass wir nicht nur Kultur an sich,
moderne Weltkultur, sondern ein gut Teil spezifiisch deutscher Kultur in
uns aufgenommen haben? Schliessen sich denn solche Tatsachen gegen-
seitig aus, wenngleich ihre Kombination im Leben der anderen Völker
etwas ungewönliches darstellt? Hierin liegt eben das Rationelle der
Trennung von zwei verschiedenen Formen der Nation (wenngleich ihre
Namen nicht ganz treffend gewählt sind). Auch ist nicht zu übersehen,
dass selbst unsere völlige Assimilation, wenn sie möglich oder gar voll-
zogen wäre, auf die Frage, ob es eine jüdische Nation gebe, ohne jeden
Einfluss wäre; denn diese Frage findet in dem Wesen und Verhalten der