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grossen Mehrheit der Nation, nicht in dem der westeuropäischen Minder-
heit ihre Entscheidung.
Es bedarf keiner nationalen Konzession, um die Integrität unserer
staatsbürgerlichen Rechte zu verteidigen. In verschiedenen europäischen
Ländern sind die Juden — unbeschadet ihrer oben bewiesenen Zugehörig-
keit zur jüdischen Nation — so weit in die fremden Kulturkreise hinein-
gewachsen (ähnlich, aber intensiver wie die Polen in die deutsche Nation),
dass sie, zumal im Besitz der Bürgerrechte, ein Bestandteil der deutschen
Nation geworden sind. Nun berühren sich zwar (gerade in Deutschland)
die Tendenzen und Ideenkreise der Staats- und ״Kulturnation“ in vielen
Punkten; besteht doch im Deutschen Reich der Hauptbestandteil der Be-
völkerung, also der Staatsnation, aus Deutschen, aiso aus Angehörigen der
Kulturnation. Gleichwohl wird die Staatsnation eine Anzahl politischer,
sprachlicher, geographischer, wirtschaftlicher und besonders allgemein-
kultureller Prinzipien und Interessen in sich aufnehmen, die eben nur für
das Deutsche Reich Bedeutung und Giltigkeit haben, und sie wird anderer-
seits so manche Interessen der deutschen ״Kulturriation“ ignorieren. Weit
deutlicher tritt noch diese Differenz in Oesterreich und in den Vereinigten
Staaten Nordamerikas hervor. In eine solche Staatsnation können nun die
verschiedenen kleineren Nationalitäten organisch hineinwachsen, und zwar
umso leichter, je gemischt-rassiger die Gesamtbevölkerung des Staates ist;
das hindert sie aber nicht, an den Traditionen und Hoffnungen ihr§r eigenen
Kulturnation festzuhalten. Keineswegs ist also der jüdisch-nationale
״Deutsche genötigt, sich zur Verteidigung seiner staatsbürgerlichen Rechte
auf eben seine Staatsbürgerschaft zurückzuziehen, auf seine allezeit treu
erfüllten staatsbürgerlichen Pflichten hinzuweisen — 0 nein, er hat ge-
niigend deutschen Geist in sich aufgenommen, um — in dem modernen
Sinne der Staatsnation — bis zu einem gewissen Grade als deutsch-
national gelten zu können. Gewiss liegen diese Verhältnisse also sehr
kompliziert. Aber wir sagten schon, dass die Klärung oft eine Komplikation
einer Frage bedeutet, dass sie jedenfalls nicht immer eine Vereinfachung
derselben herbeiführt. Wir können bedauern, dass die Situation der euro-
päischen Juden eine so komplizierte ist, aber müssen sie begreifen und
durch Definitionen oder in kurzen Sätzen festzulegen suchen. Die Ideal-
lösung wäre die Errichtung des jüdischen Nationalstaates in Palästina.
Unsere heutige nationale Situation ist fast unter allen Völkern ohne Beispiel
und bietet ein Spiegelbild der Zerrissenheit der jüdischen Nation. Sie lässt
uns aber die Möglichkeit offen, nach dem Grade unserer Angleichung an das
moderne Kultur-Milieu eine Art deutsch-nationalen Gefühls empfinden zu
können. Solange die Heisssporne in Volksversammlungen mit den extremen
Schlagworten: ״Wir Juden sind eine Nation, wir.׳ sind Juden, aber nicht
Deutsche! — Nein, wir Juden sind keine Nation, wir gehören zur deutschen
Nation!“ operieren, gelangt man nicht zur Erfassung der eigenartigen
nationalen Situation. —
Viele Gedanken werden einer Nachprüfung bedürfen, andere sind un-