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Literaturblatt
der
Jüdischen Rundschau
Beilage zu
״Jüdische Rundschau“
Jahrgl XII. No. 2
Herausgegeben
von
Dr. Heinrich £oewe.
Q Redaktion:
BERLIN N. W. 52,
Melanchthonstrasse 4.
No. I. Berlin, 25. Tebeth5667 — 11. Januar 1907 Jahrg. III
Geschichten des Rabbi Nachman
Dass •sich geistige Richtungen in Familien forterben, ist eben
so natürlich, wie sich Gesichtsformen und Körperhaltung vererben.
Bei siehr individuell veranlagten Stämmen tritt das mehr noch in die
Erscheinung als bei andern Nationen, bei denen der Individualismus
weniger hervortritt• Am markantesten zeigt sich das bei den
alten Athenern. Aber nächst ihnen kann man diese Tatsache bei
dem hebräischen Stamme und seinen Nachkommen feststellen. Die
dem Rabbi Nachman von Martin Buber nacherzählten Geschichten*)
weisen zwiefach auf diese Vererbung von Ideen und Anlagen
b*ei den Juden hin. Einmal ist Rabbi Nachman ein Urenkel des
Rabbi Israel, der sich unter dem Namen Baal Schern Tobh (abge-
kürzt Beseht) in der Geschichte des Judentums verewigt hat und
er ist nicht bloss der letzte grosse Meister im Chassidismus, den
jener geschaffen hatte, sondern er vertritt in der Chassidischen
Gruppe unserer östlichen Brüder denselben Geist, der seinen Ur-
grossvater gegen das starre rabbinische Judentum in die Schranken
gerufen hatte. Derselbe milde Geist zeichnete ihn aus, ebenso
wie die Macht der Phantasie und tiefreligiösen Inbrunst an den
grösseren Urgrossvater erinnerte. Man stellt sich den Ba) Schern
tobh gründlich verkehrt vor, wenn man ihn für dfe Entartung ver-
antwortlich macht, die den Chassidismus innerlich auflöst. Wenn
auch das ״Wundertun“ nur ein Ausfluss der Mystik ist, d«eren
Meister Rabbi Israel war, so lag ihm diese Abkehr vom echten
Judentum noch fern. Sein eigentlicher geistiger und Geftiütszu־
stand kommt vielmehr in einer kleinen Geschichte zum Ausdruck,
die mir über ihn von einer polnischen Jüdin 'erzählt wurde, und die
ich darum nicht für unwahr halte, weil ich sie nur gehört und nicht
grade gelesen habe. An einem Kolnidre-Abend wird der Baal
*) Di e Geschichten des Rabbi Nachman. Ihm nacherzählt von Martin
Buber. Frankfurt a. M.: Literarische Anstalt Rütten & Lohniing 1906. (153
S.) 8. Preis geheftet 3 Mk.; in künstlerischem Leinenband 4,50 Mk.,
auf holl. Büttenpapier 15 Mark.