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Literaturblatt
der
Jüdischen Rundschau
Beilage zu Q
״*.Jüdische Rundschau‘
Jahrg. XII. Mo. 7
Herausgegeben
von
Ir. Heinrich £oewe.
Q Redaktion:
BERLIN N. W. 52,
Melanchthonstrasse 4 .
No. 4 . Berlin, 1. Adar5667 — 15. Februar 1907 Jahrg. Ilj
Die Juden Frankreichs und die grosse
französische Revolution.
(Fortsetzung.)
Der Kaiser brachte kein Wohlwollen für diese mit. Erregt durch eine Rede
Beugnots, die darin gipfelte, dass die Entziehung der Gleichberechtigung der
Juden einer verlorenen Schlacht auf dem Felde der Gerechtigkeit
gleichkäme, stellte er seine Grundsätze dahin auf, dass die Juden
nicht den Katholiken und Protestanten gleichgestellt werden dürften,
dass sie keine Bürger des Landes und dem Lande, in welchem sie
wohnten, gefährlich wären. Er betonte die Gefahr, welche Frank-
reich dadurch drohte, dass grosse Massen von Juden den Schlüssel
des Landes, Eisass und Strassburg, in ihren Händen hielten. Er
sah sie als Spione an und empfahl, nur 50 000 Juden dort zulassen,
ihnen aber den Handel zu verbieten, weil sie diesen in wucherischer
Weise trieben. Aber schon in dieser Rede hob der Kaiser hervor, dass
nicht die theoretischen Deklamationen der Judenfreunde und ihrer
Feinde bei der endgültigen Lösung bestimmend sein dürften, sondern
nur die Frage drr Nützlichkeit für das Staatswohl. Er milderte
übrigens seine Auffassung in ganz kurzer Zeit, so dass das Dekret
vom 30. Mai 1806 uns schon mancherlei Wandlungen zeigte.
Er betonte die Tatsache des jüdischen Wuchers und die Not-
Wendigkeit, den Untertanen, welche durch die Habgier der Juden
ins Elend versetzt wären, zu Hilfe zu kommen. Man müsste sich be-
mühen, in den Juden ״das Gefühl der bürgerlichen Moral wieder zu
beleben, welche leider in einer zu grossen Zahl derselben durch
den Zustand der Erniedrigung ertötet worden ist, in welchem sie
lange Zeit geschmachtet haben, einem Zustand, den zu unterhalten
oder zu erneuern nicht in unserer Absicht liegt.“ Der Kaiser be-
stimmte nun, dass in Paris eine Versammlung der vornehmsten
Juden zusammentreten solle, damit diese über die Mittel beriete,
״um ihre Brüder zur Ausübung der• Künste und der nützlichen Be-
rufsarten anzuliegen, um die schändlichen Beschäftigungen, denen