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LITERATURBLATT
No. 11
wegen verfolgt, der• zu den Grossen gerade dieses Volkes gehört. Sie ver-
stehen es beide besser als die Juden, dass es ein weiterer Ehrentitel zu
den Geistesgrössen des jüdischen Stammes ist, dass er diesen grossen
Dulder und Dichter aus seinen Reihen erzeugt hat. Aber, die Wortführer
der protestantischen Theoiogie haben für sich, dass sie von ehrlichem
Willen geleitet sind und! nur historische Tatsachen übersehen, weil sie in
einem schiefen Gesichtswinkel die Geschichte des Judentums betrachten.
Ein .gleicher schiefer Gesichtswinkel ist es, aus dem sie auf die ganze
Entwicklung des Alten Testaments sehen und wie sie den Verlauf des
biblischen Zeitalters der Hebräer kritisieren. Das hat sie zu der zer-
störenden Kritik verführt, die nun doch wohl bald einer historischen auf-
bauenden Kritik Platz machen wird. Diese Kritik wird sich aller religiösen
Rücksichten zu entschlagen haben sowohl der positiven wie der negativen.
. Die den eigenen Glaubensvorstellungen entstammenden Bedenken“, von
denen Eschelbacher in seinen Schrift über ״Das Judentum im Urteile der
modernen protestantischen Theologie“*) spricht, müssen ausscheiden. Denn
diese nicht der Wissenschaft, sondern dem Gemütsleben entspringenden Be-
denken haben in wissenschaftlicher Betrachtungsweise ebenso wenig Platz
wie die entgegengesetzten Erwägungen entstammenden zerstörenden Ein-
flüsse.
Mit grosser Sachkenntnis w r endet sich Eschelbacher in seiner Schrift
gegen die falsche und von Voreingenommenheit geleitete Auffassung de־׳
modernen Theologie, die im Judentume statt einer eigenen Kulturmacht,
die aus sich verstanden und begriffen werden will, nichts anderes sieht
als eine ״Vorstufe der christlichen Religion“. Wie unwissenschaftlich wäre
eine Betrachtungsweise, die im Römertum eine Vorstufe des Deutschtums
sehen wollte. Wie würde der Buddhist angesehen werden, der im Christen-
turne eine Vorstufe für den Buddhismus erblicken wollte? Aber für das
Judentum gelten nun einmal andere Regeln, als andern Völkern und Kultur-
kreisen gegenüber. In anschaulicher und vo !11 grosser Kenntnis zeugender
Darstellung verfolgt Eschelbacher die Entwicklung der wissenschaftlichen
Anschauungen über das Alte Testament und das alttestarnentarische Volk.
Mit grossen Zügen und doch klar und deutlich entwirft er ein Bild, das sich
bemüht, objektiv zu sein, das apologetisch ist und doch danach strebt, in
der modernen protestantischen Theologie einen wissenschaftlichen Gegner,
aber keineswegs einen Feind zu sehen. So weit Apologetik Wissenschaft
ist, wurde Eschelbacher der Wissenschaft gerecht. Dass er das nationale
Gefüge des alten und neuen Judentums nicht genügend zu würdigen weiss.
verdriesst den am wenigsten, der seine Wirksamkeit kennt, 1 die■ diesem
nationalen Gefüge mehr Festigkeit gibt, als die Tätigkeit vieler und der
meisten seiner Bercufsgenossen.
/ *) Das Judentum im Urteile der modernen protestantischen Theologie.
Ein erw, Vortrag von Rabb. Dr. Joseph Eschelbacher. Leipzig: Fock 1907.
(Schriften, hrsg. v 011 ׳ der Gesellschaft zu!״ Förderung der
Wissenschaft des Judentums.)