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Literaturblatt
der
Jüdischen Rundschau
Beilage zu
״Jüdische Rundschau“
Jahrg. XII. N0.53
Herausgegeben
von
Sr. Heinrich £wwe.
p Redaktion:
BERLIN N. W. 52,
Melanchthonstrasse 4 .
No. 18. Berlin, 8.Tebeth5668 — 13. Dezember 1907 Jahrg. III
Spinoza*)
Von Elias Auerbach.
Das Leben der Grössten wird immer wieder Dichter finden,
die es gestalten. Das tiefe menschliche Bedürfnis nach der Er-
Kenntnis von Ursache und Wirkung drängt !immer wieder hierher;
denn nichts fügt sich diesem Erkenntnistriebe so schwer als das
Genie, dessen Werke, auch wenn sie !in sich von kristallener Klar-
heiit siind, doch sich stets wie etwas Unbegreifliches und Unver-
mitteltes aus ihrer Zeit und deren Denken heraus heben. Und wo
der suchende Blick des Gelehrten durch unübersteigliche Schranken
gehindert wird weiter zurückzugehen als bis zu den Taten und
Lebensäusserungen des Genius, da vermag noch das schauende
Auge des Dichters tiefe Eiinblicke zu tun und tun zu lassen in das
Werden und Wachsen der Menschen und Gedanken.
Ein anderer unsäglicher Reiz noch liegt in dem dichterischen
Wiederaufbau eines grossen Lebens. Indem wir den genialen
Menschen leben und wandeln sehen, beginnen wir ihn als unseres-
gleichen zu fühlen und uns als im Grunde seinesgleichen. Der
Genius, der nur aus seinen Werken zu uns spricht, erzwingt Nieder-
werfung und Anbetung, und in der Tat ist er beii allen Völkern mit
dem Attribut des Göttlichen geschmückt worden. Zur wahren
Erhebung können diese Gefühle erst werden, wenn wir einen Weg
zur Seele des Genies finden, einen Weg,,der für uns gangbar ist.
Bei Spinoza iist alles dazu angetan, um einen Djichter zu
locken. Der Mann, der, wie Heine so schön sagt, diie Brillengläser
schliff, durch welche die späteren Philosophen sahen, muss in der
kurzen Spanne seines Lebens Ungeheures erlebt haben, ehe er
aus dem Zögling rabbindscher Schulen zum einsamen Pantheisten
wurde. Eine Entwicklung, die heute ein alltägliches Ereignis ׳ist,
war damals eine weltgeschichtliche Wendung. Nur ein gewaltiger
Kampf nach aussen nnd innen kann zu dem tiefen Frieden führen,
ף Spinoza. Roman von Otto Hauser. Stuttgart. Verlag
von Ad. Bonz u. Co. 2. Auflage 1907. Deckel, Titelblatt und Buchschmuck
von J. V. Cissarz.