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Nro. C, Prag, dm 15, Dczcmbcr 18 64. I. Jahrpiil;.
Agcniur in Wim: ' G'cittnifüi'pu für oüc jcitQciitiißcit Interessen , Agrn.nr in Brümn
Hmstld und Lniitr. ' des Jndcnthnmcs. ü. Epstriii.
Preis mit Zustellung ins Haus: Ganzjährig 7 fl., halbjährig 3 fl. 75 kr., vierteljährig 1 fl. 95 kr.
Erscheint jeden Donnerstag. — Ncdal'.tionsburcau: Fleischmarllt tlr. Consc. 702—1, 1. Stock.
Mit Recht fordert man von einer Zeitschrift, daß sie nicht blos gute, gediegene Aufsätze bringe, sondern auch, daß
ihr Inhalt mannigfaltig sei. — Wie aber diesen beiden, gleich billigen Anforderungen entsprechen bei allzu kärglich-zugemessenem
Raume? Denn gründliche und eingehende Besprechungen dulden am wenigsten den Setzermaßstab als ihren kompetenten Censor.—■
Aus diesem Grunde haben wir daher den geschichtlichen Rückblick, den wir unseren Lesern bereits unter dem Titel „der Nationali¬
tätenkampf in Böhmen und das Jndenthum" mitzutheilen begonnen, und der voraussichtlich eine längere Reihe von Artikeln um¬
fassen dürfte, für jene Zeit zurückgelegt, wo die Gewandung unseres Blattes sich bequemer gestalten und uns eine größere Anzahl
von Spalten zur Verfügung stehen wird — also bis nach Neujahr, wo unser Journal, wie 'bereits angezeigt, mindestens
lVi Druckbogen wöchentlich umfassen wird. — Jene freundlichen Leser aber, die sich für diese Angelegenheit und dergleichen
Erörterungen interessiren — und deren sind gewiß nicht wenige, trotzdem man uns Juden so gern Mangel an Patriotismus
'vorwirft — sollen bei dem Aufschübe nichts verlieren, da wir bestrebt sein werden, die fvälere Arbeit zu-einer nach Form wie
Haltung ganz selbstständigen mnz-gestalten.
cheschichlliche Verdienste des Zudenthmnsiim neuern Zeitalter.
Unter dern^ Titel .„Apologetik des Judenthumsh 'brachte
jüngst die Augsburger Allg. Zeiruug in ihrer Beilage eine scharf
eingehende,, wenn anch^nlcht gerade erschöpfende Kritik der von
. Dr. Geiger in Breslau herausgegebenen „Vorlesungen über Zu-
denchmu." Der Gegenstand dieser Kritik wie das Blatt selbst,
in welcher die Kritik erschien, ließen uns dieselbe von um so grö¬
ßerem Interesse erscheinen, als bei der geringen Rücksichtsnahme
dieses Blattes für speciell jüdische Literatur es offenbar weniger
Per Verfaffer und sein Buch selbst sind, welche wie bei gewöhn¬
lichen literarischen Embegleitungsartikeln die Recension veranlaßt
haben, als vielmehr die Tendenz und die Weltanschauung, die
beide vertreten. Daß die Allg. Ztg. und ihr Recensent sie sol¬
cher Besprechung werth hielten darüber sind wir ebenso weit ent¬
fernt uns zu ärgern, alS sie überboch anzuschlageu. Die Allg.
Ztg. und ihr Recensent scheinen dabei von der Ansicht ansge¬
gangen zu sein, einer Tendenz und Knltnrerscheinung, wie sie in
genannten Vorlesungen in ziemlich verlockender Form und unge¬
wöhnlichem Auflvande von Raisonnement und Gelehrsamkeit her-
vorrritt, ihrerseits entgegentreten und durch eine entsprechende
Analyse die Wirknn? dieses literarischen Produkts in etwas
reduciren zu muffen. Daß daS die wahre Absicht des Artikels
ist, mögen nstr einerseits ans der milden humoristischen Haltung
desselben wie andererseits aus den Verwahrungen und Elanseln
er>ehen, mit denen der Recensent den polemischen Theil zu um¬
hüllen für gut befunden.
Es sind nun wohl die Zeiten vorüber, wo eine beabsichtigte
Apologetik des Zndenthnnis ans jüdischer Seite den Gegenstand
sowohl ängstlicher Gewissens- als verfänglicher Opportumtatser-
wägungen abgeben mußte, und wo die Bekenner Mosiö ihr re¬
ligiöses System eben so wenig'mit'neuen Gründen und Argu¬
menten stützen, als die'verfallenen,Maue.u ihrer Synagogen'Her¬
stellen durften. Auch jene viel näheren Zeiten sind vvrüberlwö
Begriff und Name, Jude und Jndenthum von der gebildeten und
mittlerweile tolerant gewordenen Welt für eine Art' Mäkel oder
Schmutzfleck angesehen wurde,'den man auf jede Weise reinzu-
waschen sich bemühen mußte, und wo Heinere: Einweihung des
Hamburger Spitals für arme, alte, kranke Juden den Gegenstand
dieser Vorsorge als mit vierfacher Krankheit und Leiden behaftet
dichterisch apvstrophircn konnte. Noch einmal, diese Zeiten sind
vorüber, wo jeder gebildete Jude sorgfältig vermied/ Accent auf
sein Jndenrhnm zu legen, und so seine Persönlichkeit im Werthe
zu komprcmittiren. Bekennen und Achtung für das Bekenntniß
empfangen, ist eine Pflicht und ein Recht, welche wir ebenso frei-
müthig üben, als bereitwillig an anderen respekliren müssen.
D nnoch dürstet uns nicht nach einer noch so trefflichen
dogmatisch-philosophischen Apologetik; einmal, weil es ziemlich
überflüssig ist, etwas vertheidigen zu wollen, welches in feiner
Eristenz und Erhaltung selbst seine beste Vertheidignng hat;
anderseits muß ja jede Apologetik und werm auch noch so leise
anftretend, ihrer Natur nach in eine Polemik übergehen, welche
nicht verfehlen kann, empfindliche Saiten in den Gemüthern selbst
freisinniger christlicher Bekenner zu berühren, und den Stachel der
Entfremdung, wenn auch nur schwach und leise, in die raisonniren-
dcn Geister hineinzusenken. Es hieße Toleranz und religiöse Libe¬
ralität leicht corrnmviren, wollten wir sie auf diese Weise be¬
nützen, wollten wir ohne Noch uns da vertheidigen, wo man uns
hoffentlich nie mehr angreifen wird. Der Gewinn der religiösen
Geschichrswiffenschast selbst kann uns nicht von der Pflicht ent-
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