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bi»den, klug zu sein ; und religiöse Uebuug und Lehre, wie wir
sie uugcschcur üben, wird wohl höher stehen als jedes philoso-
phirende Wortgcplänkel.
(5s vcrlangr uns also, wie gesagt, so wenig nach zwei¬
schneidiger Apologetik, die nur der eigenen Partei Genugthnung
gewährt, die Gegner aber schwerlich überzeugt, as wir nach
dem übrigen Apparat.religiöser Poleinik lüstern sind, welche finstere
Zeitalter zur Unterstützung glanbcnswankendcr Gemüther und
Uebersanatisirnng der Herzen ins Werk gesetzt haben. Dennoch
aber bei aller friedliebenden Selbstvcrlängnung hieße es uns doch
vielleicht zu viel zninmben, sollten wir Bekenner des Zndcnthnms
die Ernten; und Lebensfähigkeit der jüdischen Kirche als eine
bloße Thatsache hinnebmcn und uns begnügen, eine Idee zu kul-
dtivirerr, ohne deren Werth und Tragweite im Range moderner
Entwicklung ernstlich zu würdigen. Niemand lebt gerne im llnkla-.
'ftcn, Unverstandenen und Halben; denn Klarheit, sich Rechenschaft
geben von dem, waS man ist und will, ist eben ein Bedürfnis der
menschlichen Natur. Ein Zudemhum als eine bloße Thatsache, als
eine nackte, fremdartige Erscheinung, als ein blos Ueberliesertes und
Ueberkommenes, als ein Bestand obne Wirksamkeit, erscheint uns
nicht mit Unrecht als ein leerer Schatten, als eine Nichteristenz
in der geistigen Welt. Wir könnten unmöglich einem religiösen
Systeme unsere Sympathien erhalten, welches keinen andern An¬
spruch an uns hätte, als uns eine schwere Last, ein hohles Un¬
terscheidungszeichen zu /ein. —
Glücklicherweise ist eine solche Entsagung nie möglich, mit
dem Wesen des freien Denkens unvereinbar, und würde eine
solche Verlegenheit des aufrichtigen Anhängers des Iudentbnms
nur so lange dauern, als er seine Religion nur in abstracto,
nur in dem landläufigen Schematismus ins Auge faßte, nur
etwa im Lichte theologischer Lehrbücher, und, wenn es hoch
kommt, eines anphilosovhirteu Systembegriffes. Eine eingehende
Betrachtung der Geschichte und der historischen Momente, d. h.
der geistigen, Bewegungen der letzten Jahrhunderte,und des We¬
sens ihrer Mächte, müßte sie bald schwinden machen, und wer die
Resultate der .^iMpfe ernstlich durchdachte und aus die letzten
Ouellen der religiösen und politischen Erscheinungen znrückginge,
würde bald wabrnebmen, daß die angebliche Absorption des In-
denlhumö und sein Einschrumpsen in den engen, nationalen Schran¬
ken nicht so absolut zu nehmen, daß vielmehr das Iudcnthnm als
ein geistiges Prinzip noch immer eine wirkende Kraft sei. Die Er¬
fahrung und Beobachtung des wirklichen Ganges der Dinge
gewährt auch hier wie in vielen anderen Dingen ganz andere
Resultate als das tradirre Svstcm. Sebcn wir es nicht, daß
das Indenthum, als solches so wenig genannt, und als Kirche
ohne politisches Gewicht, doch durch seiner Bekenner geistige
Fähigkeit und' Thätigkeit, durch die Denkmäler seines Genies
lange Jahrhunderte gewirkt hat und noch immer wirkt? Das
Indcnrbnm, das von den Systemen längst rödtgesagre, hat fast
alle Systeme übörlebt und seine angebliche Verwahrlosung und
Verkrüpplung ergab sich nur als eine Maske, hinter der das
ffrische, warme Leben nur um so voller pnlfirte! Die Thar-
sache, .nicht wie im Altcrthnme eine äußere politische Nolle zu
spielen, wird durch die aridere, viel prächtigere ausgewogen, daß
san alle gcinigen Bewegungen der letzten Jahrhunderte, mit Aus¬
nahme der Naturwissenschaften, rheilS durch das klassische Alter¬
st"" in seinen Nellen, rheils und noch mehr durch die kaum
fühlbare, aber nichts desto weniger wirksame mittelbare Ein-
sinl.nabitt- des lebendigen Indcnthnms veranlaßt und gebildet find.
Man wird uns hoffentlich keiner nllzugroßen Kühnheit in
unfern Behauptungen bezichtigen, wenn wir ein solches Ver¬
dienst für das mißachtete Indenthum in Anspruch nehmen, da
die Facta selbst in Aller Bewußtsein sind, nur i» anderer Form
gefaßt, dargerhan und dem Bewußtsein übermittelt; dieser Um¬
stand aber wohl keine Tathsache ändern oder ncgiren kann. Oder
hat jemand gelängner, daß Lurbers Bibelübcrsetznzigtn ans dem
Originale das Hauptwerk, der Hanptgrnndstcin, die Urbasis des
deutschen wie jedes Protestantismus überhaupt bilden? oder daß
Spinoza, bis zum vorigen Jahrhundert der größte moderne Phi¬
losoph, der erste freie und konsequente Denker gewesen? Kann
man behaupten, daß die moderne Bildung im Gegensätze zum
proreitantischen ans dem Urquell der Tradition schöpfenden Geiste
steht, und daß moderne Freiheit und Reckt im Widerspruche zum phi¬
losophischen Ideale der ewigen Rechlsnorhwendizkeit und Mensck-
gottähnlichkeir entstanden find? Im Gegentheile! Und hat mau
jenes nie gelängner und dieses-nie behauptet, so wird man auch
consequcnterweise wohl nichrverweigern, den Einfluß des jndischenEle-
menreS zuzugcstehen, das an diesen Tchatsachen einen Haupttheil har.
Wir wollen uns deutlicher erklären: Der Protestantismus
in seiner ursprünglichen Natur (und er hat diese Ursprünglichkeit
nirgend ganz abgelegt) — ist offenbar nichts als ein Znrück-
greiftn von einer neuern Tradition ans eine ältere reinere Tra¬
dition gewesen, nichts anderes sagen wir, als ein Vertauschen die¬
ser neuen Tradition gegen eine ältere, eines weniger gebilligten
gegen ein bester geglaubtes Positives. Er mußte dies sein, wenn
er seinen rechtlichen Prozeß, seinen rechtlichen Protest bewähren,
nicht in eine offene Empörung ausarten, wenn er seinen Cha¬
rakter als religiöse Bewegung aufrecht erhalten und schützen wollte.
Aber diese Taktik und die Möglichkeit derselben setzt das Dasein
und die Erhaltung einer altern Tradition neben der neuern vor¬
aus: setzt voraus, daß dieses Positive dein andern entgegengehalten
und mit ihm verglichen werden konnte. Wir stehen keinen Augen¬
blick an auszusprechen, daß das Verdienst der Erhaltung dieser Tra¬
dition für sich wie rür die moderne Welt ein speziell jüdisches
Verdienst ist: ein Verdienst, das in seiner ganzen Größe nur anS
den Verfolgungen und Anfeindungen ermesten werden kann, die
das Indenthum während des MiltelalterS erleiden mußte. '
Die hebräischen Schriften des Alterthnmcs, auch des ersten
Mittelalters, ans welchen uns die freie Bibelforschung, die
Entbindiliig des Gottesworts, das freie und klare Denken über
religiöse und andere Dinge geworden find, nären wohl mit dem
Iudeilthnme untergegangen und beseitigt, wenn dcffen Wider¬
standskraft geringer, hiirgegen »'ein Hängen an der Welrlust größer
gewesen wäre. Dem Laien völlig nilbekannt, als ketzerische Monu¬
mente mißachtet von der Unwissenheit; —■ von der hierarchischen
Politik gleich den heiligen Schriften der ältesten Anhänger deS
Ehriirenthnms, gleich den Schritten der geistbegabren Gaostiker ver¬
pönt, wären sie nur in kümmerlichen Ueberreslen und in anerorita-
tiven vielleicht intcrpolirrcn Uebertragnngcn :,nd Auszügen zugänglich.
Das Indenthum in seinem felsenfesten Ansharren bewahrte sie
ftlr die Zeit, die sie hervorholen und als Waffe benützen sollte-,
es hütete den Schatz, den Nieniand kannte uitb über den sich
die Well in fremmcv Unwissenheit hinwegfttzre, mir der Treue
eines an seinem Platze sterbenden Postens^ Nun der Schatz
nach »'einem besten Weitbe in nirser Eigcnthnm gebracht ist,
»'pricht man wohl »ilit Gleichgiltigkeit, ja mit geringschätzigem
Mitleid von der Bewahrung eines Gutes, daS sich uns »'o voii
selbst verirehr! Aber wenn L iroer, der Fn'orer der Reformation