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Ar. 1.
ffitafl bt« 4. Sänet 1866.
III. Jahrgang.
s Aben-la«-.
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«räaamrratianSbrtraa aaaffähria Z si., halbjährig t si. 50 kr., mertchahrig 80 kr. im, Postmsendang uad Ziistellang m’l
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Sriefe eines Vraußigen,
auch eine „Eauserie" von Rabbiner Ehrentheil in Horic.
III.
Während die Prager in jüngst verflossenen Tagen ge¬
wiß fteudig erregt Gelegenheit nahmen, dem verehrten durch
die Gnade .Sr. Majestät ausgezeichneten gelehrten Greise
H. E r n st W e h l i persönlich ihre Theilnahme zu bezeigen,
blieben auch wir D r a u ß i g e n bei diesem erfreulichen
Ereignisse nicht theilnamslos, denn Herr Ernst Wehli wußte
sich zu allen Zeiten die Hochachtung und die Anerkennung
der Dr. außigen durch seine Leutseligkeit wie durch seine
ünponirende hohe Bildung zu erwerben, und wie wahre
Bildung sich bei Beurtheilung der Menschen niemals an
topografische Verhältnisse bindet, so ließ auch er und lässt
n»ck immer jedem Verdienste Gerechtigkeit wiederfahren
selbst wenn es ein D r a u ß i g e r ist, an den er seinen
Maaßstab zu legen hat. Möge sein edles frommes Herz in
der mit dem Verdienstkreuze geschmückten Brust noch lange
Jahre schlagen, und möge er noch lange die Zierde der böh¬
mischen Judenschast bleiben. — Jedem Verdienste seine An¬
erkennung zu zollen, habe ich so eben als eine hohe Tugend
bezeichnet und darum mein Freuud! werden Sie mich wohl
nicht mißverstehen, wenn ich in diesen Zeilen meinen Unmuth
und meine sittliche Entrüstung ausspreche angesichts der
Ueberhebung und Verhimmelung eines Verdienstes, wie wir
dies vor einigen Tagen auf dem Forum der Ocffentlichkeit
zu Gesichte bekamen; in einer der jüngsten Nummern der
„Presse" lesen wir nehmlich ein „E i n g e s e n d e t" das
sich folgendermaßen vernehmen lässt. Dem „Frankfurter
Journal" schreibt man „die bedeutendste Erschei¬
nung auf dem Gebiete der jüdischen Li¬
teratur der Gegenwart ist unstreitig das
iu Mainz erscheinende Journal „der
Israelit u. s. w. —", nun können wir cs wohl schon
vertragen wenn wie zum jüdischen Neujahre auch zum
bürgerlichen Neujahre, einer für die Journale so bedeu¬
tungsvollen Zeit, ein wenig in die Posaune g e-
st o ß e n wird — aber auf eine derartige Tekiah gedolah
waren wir denn doch nicht gefasst — und muß es doch wohl
jedem Unbefangenen als eine Versündigung gegen den Geist
der jüdischen Literatur erscheinen, wenn inan sich nicht scheut
ein Blatt als die bedeutendste Erscheinung, der jüdischen Li-
teratur auszurufen oder auch nur ausrufen zu lassen — ich
verkenne de etwaigen Verdienste dieses Blattes nicht, ob ich
auch nicht mit demselben durch Dick und Dünn gehe, aber
8it » 106(18 in rebus! man halte Maaß, und entweihe das
Heiligthum unserer Literatur nicht durch derartige Fanfaro-
naden die wahrlich zur Hebung unseres Ansehens sehr wenig
beitragen, und eher geeignet sind uns bloß zu stellen. —
Zurückweisung j.nes famosen „Eingesendet" kann mir
selbst H. Lehmann der Herausgeber des „Israelit"
nicht übel nehmen, umsoweniger als ich die Leistungen des
„Israelit" für die Bedrängten in Jerusalem, deren das
Eingesendet rühmend erwähnt gerne anerkenne und sie zu
würdigen weiß, „cuique suum!" —
IV.
Kennen Sie mein Freund! Dr. Zimmermanns
Buch „Der Mensch u. s. w." gewiß Sie kennen es. Sie
haben eS auf dem Lesepulte in^üdischen Häusern viel öfter
liegen gesehen als Grätzs Geschichte des Judenthums
und LöwS „Mafteach;" hat es doch schon in kurzer Zeit
4—5 Auflagen erlebt, nur an einem Orte es ist leider noch
nicht aufgelegt worden, nehmlich in — Ofen. Doch wie
konnte ich eben noch scherzen? ist eS doch die gerechteste Ent¬
rüstung die Jeden erfüllen muß, der da in dem erwähnten
Buche blättert und den frechen Cynismus wahrnimmt mit
dem der Verfasser, der Naturforscher, Filosof und zum Ueber-
flufte auch ein. wenig Bibelforscher sein will, unseren
unsterblichen Psalmendichtcr David gradezu einen
Strassenräuber nennt (S 150) und dies darum weil
eS in der Schrift heißt, es versammelten sich um ihn Un¬
glückliche, Unzufriedene u. s. w. so lebte denn Da¬
vid — sagt der saubere Doctor — lange Zeit vom Strassen-
raube, was sagen Si zu dieser bodenlosen Unwissenheit
und hirnlosen Frechheit mit der ein gelehrt sein wollender
Vielschreiber über biblische Gestalten — über einen „David"
urtheilt? kann es uns dann Wunder nehmen wenn er fer¬
ner David dem Nabal sagen lässt, so lange deine
Hirten bei uns waren, haben wir ihnen kein
Schaf genommen — und dabei die Bemerkung macht
„ein sonderbarer Rechtstitel dies" —als wenn
dies wirklich so in der Bibel stünde, während er doch nur
einfach seine Bitte darauf stützt, daß er den Hirten Nabals
stets Beistand geleistet und Schutz gewährte, so daß
ihnen von Andern nichts genommen wurde — wie ja
dies die Knechte Nabals später selbst zu Abigail sagen
Chomoh hoju olenu u. s. w. „sie waren für uns
eine Schutzmauer"— doch woher soll einem'Bibel¬
forscher so vrel Bibelkenntniß kommen? „ealuininare audac-
ter" nur darauf losschimpfen, nd die biblischen Charak¬
tere 'm den Koth ziehen, das ist geistreich, pikant,
etc. ob man dabei der Wahrheit freventlich ins Gesicht
schlägt, darauf kömmt es nicht an. — Nun ich glaube ein
solches Fürgehen richtet sich selbst und H. vr. Zimmermann
hat es mir jetzt recht klar gemacht, was die Titelvignette
des Bnches ein Menschenbild mit einem dichten Schleier
über dem Haupte, bedeutet, und warum er sie seinem Buche
Vordrucken ließ, es soll heißen, es begehre kein Mensch zu
schauen, was dieses Buches Schleier bedeckt mit Nacht und
Grauen. — Leben Sie wohl mein Freund! und wollen Sie
der Sie jetzt ein D r i n n i g e r (sit venia) sind, den
Draußigen doch recht gut bleiben.
l LEO. BAEUK.
1 INS.tIT.UTBS
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