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Hat das jüdische Recht den Zeugeneid?
Das alte, bekannte Sprichwort „wenn Könige bauen,
haben die Kärrner viel zu thun" bewährt zwar noch immer
seine Wahrheit, auf geistigem Gebiethe aber, in einem ganz
andrem Sinne als sonst.
Sonst verstand man darunter: Wenn irgend ein den¬
kender Kopf am Webestuhle der Wissenschaft und der Kunst
saß und das Schiffchen mit den blitzenden Gedanken mit
großem Fleiße und kunstgeübter Hand hin und her warf und
so ein bedeutendes Kunstwerk vollendete, da kamen die klei¬
nen Geister, die Kärrner, und stahlen, wie einst Prometheus
einen Strahl aus der Sonne, einen blitzenden Faden aus
dem Kunstgewebe und verarbeiteten ihn nach ihrer Art und
Weise, wie eben Kärrner arbeiten können.
Heute verstehet man wieder etwas ganz Anderes dar¬
unter. Wenn nehmlich von irgend einem großen Künstler ein
kunstvoller Riesenbau ausgeführt in seiner Vollendung da¬
stehet, da kommen tausend und tausend Kunstrichter, berufene
und unberufene, die einen aus Liebe zur Kunst, die anderen
aus Liebe zum Nichten und Urtheilen und untersuchen den
Riesenbau. Der Eine hat das große, ganze Kunstwerk im
Auge, beurtheilt es nach den Regeln der Kunst mit Künst¬
lersinn und Künstlerauge. Der Andere wieder, der weder
Beruf zur Kunst noch Sinn für dieselbe hat und darum das
große Ganze gar nicht beurtheilen kann, untersucht irgend
ein Feusterchen am Nebengebäude, findet am linken Flügel
irgend einen Nagel, der beim Einschlagen etwas schief ge¬
gangen und erhebt ein furchtbares Geschrei gegen das ganze
Kunstwerk. Und das ist meist die Beschäftigung der Kärrner
unserer Zeit. Mir kam immer ein solches Richtcramt zu lä¬
cherlich vor, als daß ich einem solchen Kärrner gleichen
wollte. Doch wenn an verschiedenen Gebäuden mehrerer
Könige, die alle so kunstvoll aufgeführt, am- selben Flügel
desselben Fensterleius derselbe Nagel überall schief sitzt, dann
scheint er doch nicht zufällig schief gegangen zu sein, dann
ist doch wohl eine bescheidene Frage erlaubt nach der Ur¬
sache dieser sonderbaren Uebereinstimmung. Eine solche beschei¬
dene Frage stellen wir heute an alle jene Kunstrichter die
bei der Beurtheilung des großen Ganzen nickt Zeit gewin¬
nen konnten, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern.
Jost in seiner allgemeinen Geschickte des israelitischen
Volkes Band 2. S. 14, wo er von den Funktionen der ehe¬
maligen isr. Richter spricht, erzählt: „Der Geschäftsgang be-
„stand in Eintragung der über die Person des Angeklagten
„sprechenden Zeugnisse, Vereidigung und Verhör der
„Zeugen."
Meines Wissens wurden Zeugen niemals beeidigt. Nach¬
dem zwei glaubwürdige Zeugen vor einem Richtercollegium ein
Zeugniß abgelegt, mußte sich dieses Collegium durch die vor-
zunchmenden nwn und rvn'pn jb. h. durch strenge
Erforschungen, Ergründungen und Untersuchungen von der
Wahrheit der Aussage überzeugen. Bestanden die Zeugen in
diesem Kreuzfeuer der Fragen, war der Beweis hergestcllt.
'X 'd nny
Sollte etwa der gelehrte Jost an nvryn nyntJ' gedacht
haben? Eine solche Verwechslung ist kaum anzunehmen.
Unter tinpn verstehet man, wenn die Parthei Jeman¬
den auffordert ihr Zeugenschast zu geben, der Ausgeforderte
aber jede Mitwissenschaft ableugnet, die Parthei denselben
beschwört und der Anfgefordcrte schwört selbst, daß er von
der in Rede stehenden Sache nicht wisse.
Niemals wurde aber der Zeuge weder von dem Richter
noch von der Parthei beschworen, die Wahrheit zu sagen.
Die Ursache, warum die Beeidigung der Zeugen für
übcrflüßig gehalten wurde, ist wahrscheinlich, weil doch bl
finiiO nptrü stehen, oder weil doch ein Jeder ohne dreß
'2'v ’iöljnyatP'iti ist; auch in dem Lehrbuche „die israeliti¬
sche Religionslehre von Dr. L. Philippson zweites und dritte
Abtheilung S. 165 wird von der Be eid igun g d er Zeu¬
gen gesprochen. Die Stelle lautet wörtlich „Auch stellt die
„Schrift mehrere Rechtssälle auf, in welchen der Eid gefor-
„dert werden soll, und wurde außerdem der Zeuge wegen
„seiner Aussage beschworen d. h. der Richter spracheine
„Schwurformel und der Zeuge ein Amen dazu." Am Auf¬
fallendsten ist die Hinweisung auf 3. M. 5, 1. Da doch
dort von nnyn njnap also von ganz was Anderem die
Rede ist. Noch deutlicher wird diese Beeidigung der
Zeugen in dessen Bibclwerk (x n xyi) hervorgehoben.
Im Commentar z. St. heißt es:
„Der Sinn des 1. Verses gründet sich darauf, daß
„bei den Hebräern der Richter die Zeugen beschwor,
„die Wahrheit zu sagen und wer nun sein Wissen nicht
„aussprach, hatte dieselbe Sünde, wie der, der ein falsches
„Zeugniß anssagte s. S. 415. „Seite 415 wird zwar bei
nny“ auf Rambam Hilch. Scheb. Abschnitt 1 hinge-
wiescn. Im Rambam wird aber nirgends gesagt, daß der
Richter die Zeugen beschworen, d i e W a hr h e i t z u s a g en
Derselbe Jrrthum findet sich in Wieners Realwörter¬
buch. Im Art. „Zeuge ix" 2. heißt es „der vor Gericht
„citirte Zeuge wurde durch ach'uration aufgefordert, der
„Wahrheit gemäß auszusagcu, was er wusste und
„sollte seine Aussage nicht verweigern Lev. 5, 1.
Wo ist die erste Quelle für diesen gemeinschaftlichen
Jrrthum?
M. Udler.
Rcliglonslehrer an den k. k. Gymnasien.
Sind die Ändrn Galtzirns realbefihfähig oder
nicht?
Zu dieser in unserem Jahrhunderte in unserer poli¬
tisch bewegten Zeit, sehr ausfallenden Frage veranlaßt uns
ein Leitartikel des neuen Fremden Blattes, der den Titel
„Goluchowski und die Juden" führt. Findet das genannte
Blatt gewissermaaßen eine Versündigung hierin, wenn es
die politische und confessionellc Gleichstellung der Juden in
Schutz nimmt, entschuldigt es diese Partheinahme damit,
daß sie gleichsam Soldaten sind, die die allgemeine
politische und religiöse Freiheit verfechten, so sind wir um so
mehr berechtigt ja moralisch verpflichtet für unsere Glau¬
bensgenossen in Polen die Lanze eiuzulegen. Graf Golu¬
chowski stellte im galizischen Landtag den Antrag behufs Er-
theilung der unbeschränkten Realbesitzsühigkeit an galizische
Israeliten. Wir sind weit entfernt zu diesem dem
Lande und Staate nur heilbringenden Schritt jenes polni¬
schen Grafen, der vor Jahren seinen Einfluß dadurch gel¬
tend machte, unsere Glaubensgenossen von den Begünsti¬
gungen die ihren Mitbrüdern zu Theil ward, theilweise zu
cxkludiren, einen Commentar zu liefern, sondern begrüßen
diesen aus Menschenrecht beruhenden Schritt Geluchowski's.
Wir wollen nicht eingchen, ob er von seiner frühem Ansicht
diesen Volksstamm zurückzusetzen, deßhalb abgekommen ist,
weil ihn die letzte Wahlbewegnng, bei der die Juden Gali¬
ziens wie ein Mann gegen den Lembergcr Kandidaten stimm¬
ten oder er es für zweckentsprechender hält mit der in Ga¬
lizien zahlreichen jüdischen Bevölkerung in friedlichem Ver¬
hältnisse zu leben; es ist dieser Schritt jedenfalls von hoher
Bedeutung und zeigt den versöhnlichen Charakter des Gra¬
fen, mit dem er seinen einst begangenen Fehler wieder gut
zu machen sucht. Die Juden Galiziens, die, was Schärfe des
Geistes, moralische Zähigkeit betrifft um mehr als eine Schu߬
weite ihren Mitbrüdern der andern Länder der Monarchie
voran, und in Einer Beziehung nur vernachlässigt sind, woran
eben die frühern Verhältnisse Schuld waren, die sie dem
Fortschritte des Aeußerlichen entzogen. Der Samum, des
Despotismus, unter dem ihre nachbarlichen Glaubensgenossen