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Das jüdische Klatt.
Nr. 1.
liege, und daß die Frau nichts sei ohne Mann und der Mann
nichts ohne Frau und beide nichts ohne Gott.
Dort wälzt noch der Wahrheitssucher die schweren Folianten
und sucht nach einer Lebensanschauung — nicht in Plato, nicht
in Kant, nicht in Schopenhauer, nicht in Nietzsche —, sondern
in Bibel und Talmud; denn er ist naiv genug, den Worten der
Alten zu glauben: „Suche immer nur in der Thora; denn alles
ist in ihr! Alles! Sogar wissenschaftliche Kritik, soweit sie inner¬
halb des Judentums Berechtigung hat.
So war es zur Zeit, als das alte Heiligtum, die Thora, noch
souverän dastand.
Willst du nicht das alte Heiligtum neu befestigen helfen?
Generalversammlung der Vereinigung Iradi-
lionell-geseheslreuer Rabbiner Deutschlands.
Berlin, den 24. Dezember 1912.
Die Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutsch¬
lands hat für gestern und heute eine Generalversammlung ihrer
Mitglieder einberusen. Von den ca. 120 Mitgliedern waren 61
erschienen und zwar:
Auerbach- Halberstadt; B ä h r - Prenzlau; Bamberger S.-
Hanau; Bamberger M. L.-Schönlanke; Bamberger S.-
Wandsbeck; Barth-Berlin; B a ß f r e u n d-Trier; Bahfreund-
Pinne; Berliner-Berlin; B i b e r f e l d-Berlin; B l e i ch r o d e-
Berlin; Bondi-Mainz; C a r l e b a ch - Leipzig; C o h n - Rawitsch;
E p p e n st e i n - Berlin; F r i e d m a n n - Wongrowitz; Gallin er-
Beuthen; G r a d e n w i tz - Tarnowitz; H a n o v e r - Köln; Hildes-
h e i m e r - Berlin; H o f f m a n n - Berlin; H o f f m a n n n - Emden;
H o r o v i tz - Frankfurt a. M.; Kaatz-Zabrze; K a h n - Mergent¬
heim; Klein-Nürnberg; Kohn-Ansbnch, K r a u h - Schildberg;
Kramer-Karlsruhe; L e r n e r-Altona; v y E.-Berlin; L e w y
W. - Charlottenburg; Mannheimer-Oldenburg; Mannes-
Schwabach; Mi ch a l s k i - Recklinghausen; Munk-Berlin; Munk-
Marburg; Münz- Berent; N e u w i r t h - Mainz; N e u w i r t h -
Bingen: N i sch k o w s ki -Kattowitz; N o b e l - Filehne; Petu-
ch o w s k i - Berlin; Pick- Berlin; Plato- Hamburg; R o f e n a ck -
Bremen; R o s e n t h a l - Köln; R ö s e l - Tilsit; S ch w e i z e r - Wei-
kersheim; S i l b e r b e r g-Berlin; S i l b e r b e r g-Schrimm; Stein-
Schweinfurt; U n n e - Mannheim; W e i l l - Berlin; W e i l - Buchs-
weiler; W e y l - Czarnikau; Weinberg-Neumarkt; Winter-
Myslowitz; W o h l g e m u t h-Berlin; Wolf-Köln; Wrefchner-
Samter.
Zunächst erstattet der Vorstand den Bericht über seine
Tätigkeit in den abgelaufenen zwei Geschäftsjahren. Die Ver¬
einigung beklagt den Verlust von zwei lieben Kollegen, von
Landrabbiner Dr. L ö b S 'T in Emden und Rabbiner Dr. Aron
Ackermann S"ftn Brandenburg a. H., von denen der erstere
auch dem Vorstande der Vereinigung seit ihrer Gründung ange¬
hört hat. Der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Hoffmann, wid¬
mete beiden warme Worte des Nachrufes und gelobt liebevolles
Gedenken. Die Versammlung hört stehend diesen Nachruf an. —
Hingegen ist die Vereinigung durch den Zutritt von 19
neuen Mitgliedern gewachsen. — Während fast der
ganzen Dauer der Berichtsperiode beschäftigten die halachische
Kommission (die zurzeit aus den Herren Rabbiner Dr. Nobel-
Halberftadt, Vorsitzender, Rabbiner Dr. Ehrentreu - Mün¬
chen, Oberrabbiner Dr. F e i l ch e n f e l d - Posen, Rektor Dr.
Hoffman n-Berlin, Oberrabbiner Dr. L e r n e r-Altona besteht)
verschiedene Fragen, zuletzt die der F e u e r b e st a t tu n g. In
den bisher von vier Mitgliedern erstatteten, dem fünften Mit-
gliede vorliegenden außerordentlichen umfangreichen Gutachten
werden alle einschlägigen Fragen genauestens vom Standpunkte
des Religionsgesetzes aus geprüft. Sobald das letzte Gutachten
erstattet sein wird, werden diese zu kurzen Repliken nochmals den
übrigen Herren zugehen und sodann das Material den Mitglie¬
dern der Vereinigung zugänglich gemacht werden. Im Anschluß
hieran wird angeregt, daß auch von den übrigen, der halachischen
Kommission vorliegenden religiösen Fragen bzw. Entscheidungen
alle Mitglieder in Kenntnis gesetzt werden mögen, damit sie sich
ihrer in analogen oder ähnlichen Fällen bedienen können. — Auf
der VH. Generalversammlung (Dezember 1910) ist der Vor
stand ersucht worden,
„eine Erklärung, welche die unterscheidenden Merkmale zwischen
glaubenstreuem und liberalem Judentum knapp und scharf um¬
schreibt, in möglichst kurzer Zeit auszuarbeiten, den Mitgliedern zur
Unterschrift zuzusenden und mit den Unterschriften zu veröffent¬
lichen."
Im Verfolg dieses Auftrages hat der Vorstand Herrn Rab¬
biner Nobel in Halberstadt, als Vorsitzenden der halachischen
Kommission, um einen Entwurf gebeten. Herr Rabbiner Nobel
bat eine sehr klare Darstellung entworfen, die aber den Umfang
einer „Erklärung", wie solche der Beschluß fordert, um ein Be¬
trächtliches übersteigt. Es ist zweifelhaft geworden, ob in der
gewünschten Kürze und doch unzweideutig die Merkmale darzu¬
legen möglich sei. Es war dies um so schwieriger, als eine sichere
Unterlage für die Normierung dessen, was „liberal" ist, nicht
vorhanden war. Durch die Veröffentlichung der „Richtlinien"
sei nach dieser Richtung die Arbeit immerhin erleichtert. — Die
Tätigkeit des Vorstandes war in der Zwischenzeit mehrfach in
Anspruch genommen. U. a. in dem Prozeß eines Rabbiners mit
seinem Gemeindevorstande, und zwar durch Erteilung eines um¬
fangreichen Gutachtens. Der gen. Rabbiner hat mitgeteilt, daß
dieses Gutachten wesentlich zum günstigen Ausgange beigetragen
habe. — Durch Rundschreiben und zwar wiederholte Rund¬
schreiben ist der Vorstand wegen der Stellungnahme zur „Agu-
dah" und zu den „Richtlinien" mit seinen Mitgliedern in Be¬
ziehung getreten. Zunächst wird über die Tätigkeit in Sachen
der „Richtlinien" referiert:
Abgesehen von der großen Wichtigkeit der Angelegenheit über¬
haupt, der Entrüstung, die das ganze gesetzestreue Judentum Deutsch¬
lands nach dem Bekanntwerden der Richtlinien erfüllt hat, mußte die
Vereinigung dem Drängen weiter Kreise nachgeben, mit einer Er¬
klärung gegen die Richtlinien hervorzutreten. Ursprünglich war ge¬
plant, daß diese, am 12. November versandfertige, Erklärung nur
vom Borstande erlassen werde, auf vielseitigen Wunsch wurde sie
jedoch zuvor allen Mitgliedern zur Rückäußerung zugestellt. Eine
mündliche Besprechung war auf den 18. November einberufen worden
und von ca. 25 Mitgliedern besucht. Nach Versendung des ersten
Erklärungsentwurfes wurde bekannt, daß die Vereinigung liberaler
Rabbiner ihre Bereitwilligkeit erklären würde, in Bezug auf die Ehe¬
gesetze ihre Beschlüsse einzuschränken. Eingehende Erwägungen hatten
sowohl den Vorstand als auch die durch Rundschreiben befragten Mit¬
glieder es für unmöglich ansehen lassen, diese doch höchstens in einem,
wenn auch äußerst wichtigen Punkte, erfolgende „Einigung" für aus¬
reichend zu erachten, um von einer klaren Stellungnahme gegen die
Richtlinien Abstand zu nehmen. Es erschien dann die bekannte Er¬
klärung, der sich 111 von unfern Mitgliedern angeschlossen haben. Als
dann einige Gemeindevorstände die bekannte Gegenerklärung er¬
lassen hatten, hat der Vorstand sofort eine Erwiderung entworfen,
diese sämtlichen Mitgliedern zugehen lassen und, nachdem sie von
diesen gebilligt worden war, in der nächsten Woche veröffentlicht.
Von seiten der Versammlung wird dem Vorstande der Dank
ausgesprochen für die energische, prompte und verständnisvolle
Erledigung, die diese für den Fortbestand des gesetzestreuen