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Das jüdische Statt
Nr. 1.
Inhalt.
Leitartikel: Die heilige Sprache. — Der Boykott der Juden in
Polen. — Statistik und Sozialpolitik. — Aus aller Welt. —
Korrespondenzen. — Kinematograph. — Wochenkalender. — Ge¬
betszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Briefkasten. —
Vermischtes. — Bücherbesprechung. — Qu’est-ce que la Vie humaine
ici-bas et le question de l’au-dela. — Gedalja. — Inserate.
Zu
Die fieilige Sprache.
Ich bin Joseph, den ihr hierher verkauft habt. Wie nieder-
geschmettert waren die Brüder Josephs von diesen Worten. Alle
Milde, mit der Joseph den furchtbaren Eindruck dieser Worte zu
verwischen suchte, war vergeblich. Je gütiger seine Worte waren,
desto grausamer zerfleischten sie wie spitze Stacheln ihr Gewissen.
Erst bei den Worten: „Euere Augen sehen und die Augen meines
Bruders Benjamin, daß mein Mund (d. h. in hebräischer Sprache)
zu euch redet", stutzten sie und erwachten aus ihrer Versteinerung.
Wahrhaftig er hat Recht, dachten sie. Er spricht in unserer Mutter¬
sprache zu uns, er ist also doch unser Bruder und er liebt uns wie
ein Bruder. Die warmen Laute der hebräischen Sprache hatten
das Eis gebrochen.
Daß die hebräische Sprache eine solche Gewalt auf israelitische
Herzen haben kann, tut uns heute noch wohl. Wir fühlen es heute
noch: Die hebräische Sprache ist ein Band, das die Zerstreuten
Israels zusammenhält, ein Mittel brüderlicher Verständigung
über den ganzen Erdenrund. Dabei sind wir stolz und glücklich
darüber, daß die hebräische Sprache die Sprache unserer Gebete
geblieben ist. Wir wissen, in der ganzen Welt, in Paris, in Lon¬
don, in New-Dork und Bombay finden wir eine Synagoge, wo
wir uns zu Hause fühlen, wo wie die milde Rede einer Mutter
die süßen Laute der hebräischen Sprache uns umfangen. Wo wild¬
fremde Juden in der weiten Welt zusammentreffen, kann ein
trautes, tiefes Wort wie Schema Israel ein brüderliches Erken¬
nungszeichen werden. Es wiederholt sich im kleinen immer
wieder die Erfahrung, der damals in jenem historischen Augen¬
blick Joseph mit den Worten Ausdruck verlieh: Mein Mund redet
zu euch.
Mein Mund redet in heiliger Sprache zu euch. Diese
Auffassung der Worte Josephs ist für einen jeden von uns an¬
sprechend und geläufig. Soviel die Zeit auch hinweggeschwemmt
haben mag, die Verehrung für die heilige Sprache sitzt uns tief im
Herzen. Vor einigen Jahren wagte es der badische Oberrat, an
die hebräische Sprache als Gebetssprache Hand anzulegen. Wie
ein Sturm der Entrüstung erhob sich und wehrte das frevlerische
Attentat auf eines unserer natürlichen Judenrechte ab.
Aber was ist zu machen? Vielleicht ist es doch nicht wahr,
daß Joseph hat sagen wollen: Ihr sehet ja, ich rede hebräisch zu
euch, vielleicht ist auch heute wie in Josephs Zeiten das Hebräisch¬
sprechen immer noch kein vollgültiger Ausweis für die Zuge¬
hörigkeit zum Judentum? Kein Geringerer als der Ramban be¬
streitet es bestimmt. Es ist nicht möglich, sagt er, daß der Ge¬
brauch der hebräischen Sprache auf die Brüder Josephs einen
irgendwie entscheidenden Eindruck machen konnte. Haben nicht
die Kanaaniter hebräisch gesprochen? War es nicht natürlich, daß
ein hoher Beamter der ägyptischen Regierung die Sprache des
Nachbarvolks voll beherrschte? Nein, sagt Ramban, Joseph wollte
etwas ganz anderes sagen, als er sprach: Eure Augen sehen und
die Augen meines Bruders Benjamin, daß mein Mund zu euch
redet.
Uns ist die hebräische Sprache die heilige Sprache, sie ist das
Gefäß für den kostbaren Inhalt unserer Religion. Keine noch
so meisterhafte Uebersetzung reicht an sie heran. Keine Sprache
besitzt Ausdrücke, die die Vorstellungswelt wiederspiegeln, die wir
mit einfachen hebräischen Worten verbinden, wie Chesed, Emes,
Zedoko, oder Tephillo oder gar Tauro. Die hebräische Sprache
ist uns die heilige Sprache, weil in ihr die zehn Worte verkündigt,
die ganze Thora offenbart wurde, weil in ihr der Name Gottes
und der Geist Gottes sich ausprägte, weil in ihr die Flammen¬
glut der Propheten- und Psalmenworte sprüht. Es wäre nicht
einmal zu viel gesagt, wenn wir die heilige Sprache zu dem
allerheiligsten rechneten.
Aber selbst ein allerheiligstes kann entweiht werden, wenn es
zum Fetisch herabsinkt. Diesen Mißbrauch treibt man heute in
zionistischen Kreisen mit der heiligen Sprache. Nie hat sich in
der hebräischen Sprache der Zauber unserer nationalen Kultur
erschöpft. Es mag Völker geben, wie die Böhmen oder Ruthenen,
die mit Angst und Schrecken ihre nationale Kultur entfliehen
sehen, und die äußersten Anstrengungen machen, durch Behaup¬
tung ihrer nationalen Sprache ihre nationale Existenz festzu¬
halten. Wir sind gottlob nicht soweit und werden nie soweit
kommen. Unsere nationale Existenzberechtigung liegt in unserer
Thora. Sie eigentlich ist unser. Nationalgut und unser nationaler
Boden . Die Beherrschung der hebräischen Sprache ist zwar ein
unschätzbares Mittel für die Erhaltung der Thora in unserer
Mitte, ebenso wie der Besitz unseres nationalen Bodens in Erez
Israel die eigentliche Voraussetzung für die ungeschmälerte Er¬
füllung der Thora ist. Aber es wäre ein verhängnisvoller Irr¬
tum, zu glauben, daß die heilige Sprache als Sprache des Volkes
für unsere nationale Existenz unentbehrlich ist. Nie ist die Thora
mehr in alle Schichten des Volkes gedrungen, als zur Zeit des
zweiten Tempels und dies war die Zeit, wo die heilige Sprache
bei den Volksmassen in Vergessenheit geriet und durch die ara¬
mäische ersetzt wurde. Und das Monumentalwerk des Juden¬
tums, der Talmud, ist doch auch nicht in hebräischer Sprache ver¬
faßt. Gerade in dieser Zeit blühte die hebräische Sprache ab,
aber der Baum Israels brachte die herrliche Frucht des völkischen
thoratreuen Lebens hervor, die weder von den Stürmen des
Jahres 70 noch des Jahres 135 vernichtet werden konnte. Was
die Sprache an Kraft verlor, gewann die Thora. Die Meister
des Talmuds haben zwar herrliche hebräische Gebete verfaßt,
die heute noch zum ehernen Bestand des Gottesdienstes gehören,
aber das Volk hatte die hebräische Sprache verloren. Dagegen
wurde es ein Meister im Glauben und Erfüllen. Der nicht he¬
bräisch abgefaßte Talmud lebt und wirkt, hat uns gehalten und
gehoben, hat fromme, heilige Helden erzeugt, hat uns verjüngt,
wird uns verewigen.
Mit Ramban müssen wir daher gestehen: Es ist nicht wahr,
daß Joseph sagen wollte, weil ich hebräisch rede, erkennt ihr, daß
ich zur Familie Jakobs gehöre. Es ist einfach nicht wahr, daß
schon allein der Gebrauch der hebräischen Sprache ein Zeichen
nationaler Kraft ist. Man entweiht die heilige Sprache, wenn
man ihr den Vorrang vor der Thora zugesteht. Man schändet
sie, wenn man sie als Waffe gegen die Thora gebraucht.
Maimonides sagt, die hebräische Sprache heißt deshalb die
heilige Sprache, weil sie keinen Ausdruck für unsittliche oder un¬
ästhetische Handlungen hat. Was würde er aber dazu sagen,
wenn er sehen würde, wie heute die hebräische Sprache mißbraucht
wird, um den Glauben zu ersticken?
Wenn in Palästina zionistische Schulen errichtet werden, die
mittelst der heiligen Sprache das Gift des modernen Unglaubens
den Kinderherzen einimpfen, mittelst der heiligen Sprache die
Thora ihrer Heiligkeit entblößen, wenn die heilige Sprache als
Axt benutzt wird, um den Bau der Ewigkeit niederzureißen, ist
das noch heilige Sprache?
Die Kenntnis des Sprachenschatzes der Thora und der Bibel