Page
2
Das jüdische Klatt.
Nr. 18
Hin Justizmord an einem Inden
in Amerika?
Leo Frank ist vor einigen Jahren aus Brooklyn nach Atlanta
(Georgia) übergesiedelt. Dort hat er 'geheiratet und wurde Direktor
einer Kleiderfabrik. Wegen seiner hervorragenden Charaktereigen¬
schaften und seiner angesehenen sozialen Stellung wurde er zum
Präsidenten der dortigen Bnei-Brith-Loge gewählt. Eines Sams¬
tagabends, nach Auszahlung der Löhne, war eine christliche
Arbeiterin, Mary Phagan, nochmals in das Fabrikgebäude
gekommen und wurde dort ermordet. Zur Zeit des Mordes be¬
fanden sich, wie die Untersuchung feststellte, nur zwei Menschen
im Fabrikgebäude, der Direktor Leo Frank und ein in der
Fabrik angestellter Neger, Jim K o n l e y. Es war ganz natür¬
lich, daß sich der Verdacht der Polizei sofort aus den Neger
wandte, da die gewöhnlichen Neger zu Sittlichkeitsverbrechen ge¬
neigt find. Dieser aber lenkte den Verdacht auf Frank zurück,
indem er behauptete, von Frank den Auftrag erhalten zu haben,
die Leiche des ermordeten Mädchens beiseite zu schaffen. Da ge¬
schah das Unerhörte. Dem Neger wurde Glauben geschenkt. Es
entwickelte sich in der von Katholiken bevölkerten Gegend eine
antisemitische Hetze, die Gemüter wurden aufgeregt, das Volk
wurde fanatisiert, die Ermordung des christlichen Mädchens mußte
gerächt werden durch die Verurteilung des Juden.
Wenn man bedenkt, daß in jener Gegend die Neger bei den
Weißen nur eines sehr geringen Vertrauens gewürdigt werden,
daß gerade der Neger, der als Ankläger auftrat, schon dreimal
wegen Meineids verurteilt ist, daß gerade dieser an der Anklage
interessiert ist, um den Verdacht von sich selber abzuwälzen, wenn
man andererseits erwägt, daß Frank sich in Atlanta der höchsten
Achtung erfreute und weder Motiv noch Voraussetzung zu einem
so gräßlichen Verbrechen bei ihm in Frage kommt, ist es von
vornherein klar, daß eine Verurteilung Franks auf Grund der
einzigen, verdächtigen Zeugenaussage des Negers nur die Folge
einer ungeheuerlichen, durch die Zeitungen geschürten antisemi¬
tischen Verhetzung sein konnte.
Das Ungeheuerliche geschah. Die Geschworenen haben sich
aller vernünftigen Erwägungen entschlagen, die unzweideutig auf
die Unschuld Franks hinwiesen; die Geschworenen haben unter
dem Druck der von Glaubenshaß erhitzten öffentlichen Meinung
die zu einer klaren Erkenntnis der Sache nötige Ruhe verloren,
das Gerichtsgebäude war von einer wild sich geberdenden Volks¬
masse umlagert, die stürmisch die Verurteilung verlangte, die Ge¬
schworenen waren weder vorurteilsfrei noch unerschrocken genug,
um der Menge zu trotzen. So geschah das Unglaubliche. Das
goldene Buch der amerikanischen Justiz wurde mit der Verurtei¬
lung eines Unschuldigen zum Tode befleckt.
In Kiew hat doch schließlich die Macht der Gerechtigkeit auf
die Mehrheit der Geschworenen gewirkt und zu dem Freispruch
des Beilis geführt. Man atmete erleichtert bei dieser Kunde auf,
denn von der russischen Barbarei war ein Zerstampfen des Rechts
zu befürchten. Wer hätte aber geglaubt, daß in dem freien, auf
den felsenfesten Boden der Menschenrechte gegründeten Amerika
es je dem Glaubenshaß möglich werden könnte, Recht und Ge¬
rechtigkeit mit Füßen zu treten! Man sieht, auch im freiesten Lande
kann der wildeste Antisemitismus Orgien feiern. Frank wurde
zum Tode verurteilt, zum ersten Male in Amerika wurde ein
Weißer auf Grund der alleinigen Aussage eines Negers verurteilt.
Aber Amerika ist schließlich doch das großartige freiheitliche
Land, in dem Gerechtigkeit kein leerer Wahn sein darf.
Eine Zeitlang dauerte in Atlanta die von dem Glaubenshaß
geschürte feindselige Stimmung fort. Die Judenschaft allerdings
zweifelte nicht einen Augenblick an der Unschuld Franks. Einige
Wochen nach seiner Verurteilung wurde er wieder zum Präsi¬
denten der Bnei-Brith-Loge gewählt. Frank legte gegen das
ihn verurteilende Urteil Berufung ein. Er wurde auch in der
zweiten Instanz zum Tode verurteilt. Die Volksstimmung herrschte
auch in diesem Gericht über die Richter. Dies beweist der Satz
des Präsidenten, mit dem er die Verurteilung Franks begründete:
„Ich halte die Schuld Franks für sehr zweifelhaft. Allein die
Geschworenen haben ihn verurteilt; sie mögen es mit ihrem Ge¬
wissen abmachen."
Auch der oberste Gerichtshof hat die Revision verworfen und
die Vollstreckung des Urteils auf den 17. April anberaumt. Als
die Verkündigung dieses Urteils Frank mitgeteilt wurde, verließ
ihn zum ersten Male seine Ruhe und er rief erregt: „Das ist doch
mein Geburtstag!"
Trotzdem gaben weder Frank noch seine Freunde die Hoffnung
auf Wiederherstellung des Rechts auf. Die hervorragendsten An¬
wälte der Vereinigten Staaten stehen Frank zur Verfügung.
Diese betrieben die Ermöglichung der Wiederaufnahme des Ver¬
fahrens vor dem obersten Gerichtshöfe der Vereinigten Staaten
in Washington.
Inzwischen trat auch in Atlanta ein Umschwung der öffent¬
lichen Meinung ein. Das öffentliche Gewissen wurde beunruhigt.
Die Zweifel an der Gerechtigkeit des Urteils wurden dichter
und stärker. Die Presse begann eine Umkehr. Die Geistlichen
selbst traten an die Spitze der neuen Bewegung und verlangten
für Frank eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Der geschickteste
Privatdetektiv der Vereinigten Staaten, Burns, mit seinem Stabe,
kam nach Atlanta, begann auf eigene Faust die Untersuchung,
stieß auf Unregelmäßigkeiten der Polizei, deckte deren Kunstgriffe
auf, die darin bestanden, Verdachtsmomente gegen Frank zu
schaffen und die Spuren, die auf eine andere Person deuten, zu
unterdrücken. Burns behauptet, bereits im Besitze der Wahrheit
zu sein und den Mörder zu kennen. Er hat sein umfangreiches
Beweismaterial dem Generalanwalt in Washington und dem
Staatsanwalt des Staates Georgia überwiesen.
Auf Grund dieses Beweismaterials hat nun tatsächlich das
Gericht die auf den 17. April festgesetzte Hinrichtung Franks auf¬
geschoben und die Untersuchung aufs neue ausgenommen. Burns
hat am 15. April seinen Bericht dem Gericht übergeben. Dieser
dürfte bald veröffentlicht werden. Burns behauptet, fein Bericht
werde die größte Ueberraschung bringen. An der Unschuld Franks
läßt er nicht den geringsten Zweifel. Dagegen will er genau und
sicher wissen, wer der Täter ist.
Charakteristisch für die demokratische Verfassung der Union
ist es jedenfalls, daß es schließlich doch gelungen ist, den wilden
Strom des Vorurteils und des Hasses zurückzudrängen, das öffent¬
liche Gewissen auszurütteln, die klare Einsicht an die Stelle
dunkler überhitzter Gefühle zu setzen, und so die Bedingungen
vorzubereiten, die die Herbeiführung eines gerechten Urteils er¬
möglichen. Die Strömungen und Gegenströmungen, die Atlanta
aufgeregt haben, sind denen des Dreyfus-Prozesfes ähnlich. Auch
Frank ist ein Opfer des Judenhasses, der wie man sieht auch in den
freiesten Ländern entfesselt werden kann.
Wir reproduzieren im folgenden (nach der Wiener National¬
zeitung) die interessanten Berichte amerikanischer Blätter über
diesen sensationellen Prozeß.
Ein Interview mit Detektiv Burns.
Eine der größten Zeitungen von Chicago, „Tribüne", veröffent¬
licht nachstehendes Interview mit Burns über den gegenwärtigen Stand
seiner Recherchen. Dieses Interview, welches durchgehends von der
amerikanischen Presse reproduziert wurde und viel Sensation ver¬
ursachte, lautet: „Ich habe die Ausforschung des Mörders der Mary
Phagan nicht zu dem Zweck übernommen, um die Unschuld Franks
zu beweisen. Im Gegenteil! Ich habe ausdrücklich erklärt, daß es