Seite
'*4
2
Das Jüdische Echo
Nr. 1
Ansehen der bayerischen Judenheit in keiner
Weise dienen, wenn 99 Prozent der bayerischen
Steuerzahler sich bei Entrichtung ihrer kirchlichen
Umlagen durch Angliederung an die Staatssteuer
den in unseren modernen Steuergesetzen nach fi¬
nanziellen, sozialen und bevölkerungspolitischen
Gesichtspunkten festgelegten Maßstäben und Nor¬
men unterwerfen, während das restliche eine Pro¬
zent, das die jüdischen Steuerzahler umfaßt, noch
nach chaotischen, jeder Progression und jedweder
Differenzierung zwischen fundierten und gesicher¬
ten Einkommen entbehrenden veralteten Grund¬
sätzen seine Kultusumlagen erhebt. Es ist schlech¬
terdings unmöglich, einen gerechteren Besteu¬
erungsmaßstab ausfindig zu machen, als die Ver¬
teilung der Lasten gemäß der Staatssteuer und
die parteipolitisch meistens liberal orientierten
Führer unserer Großgemeinden können sich im
Zeichen 'der gewaltigen und einschneidenden
Steuerreformen, mit welchen derzeit die Gesetz¬
gebung in unserem weiteren und engeren Vater¬
lande befaßt ist, keinen Tag länger der Pflicht ent¬
ziehen, in ihren eigenen Gemeinden Wandel zu
schaffen und die Abbürdungen der kirchlichen
Lasten in Angleichung an die auf moderner So¬
zial- . und Steuerpolitik aufgebaute einschlägige
Staatssteuerreform in Zukunft vorzunehmen.
Die Revision muß bald kommen,
wenn sie nicht zu spätkommen soll,
wenn unsere notleidenden Landgemeinden vom
Untergange gerettet, wenn eine moderne Kirchen¬
umlageerhebung unseren Kultusgemeinden Be-
wegungs- und Entwicklungsfreiheit auf sozialem
und philanthropischem Gebiete sichern und wenn
neuen schweren Kämpfen religiös - dogmatischen
Charakters, wie sie andernfalls nach Beendigung
des Burgfriedens in den Großgemeinden zweifels¬
ohne wieder entbrennen werden, vorgebeugt wer¬
den soll. Im Hinblick auf die früheren Erklärungen
des Leiters des bayerischen Kultusministeriums
darf daher der Hoffnung Ausdruck verliehen wer¬
den, daß bei der bevorstehenden Beratung des
Kultusetats im Landtag die Zusage erneuert werde,
den im Herbst 1919 zusammentretenden Kammern
den Entwurf einer neuen israelitischen K.-G.-O.
bestimmt vorzulegen.
Ein deutscher Rabbiner.
Rabbiner Dr. Pinchas Kohn aus Ansbach, der an¬
geblich im Aufträge der jüdischen Orthdoxie
Deutschlands die Juden Polens über Religion und
Politik belehrt, machte kürzlich einen politischen
Ausflug nach Skandinavien.
Für die Zwecke der Aufklärung der großen
-Öffentlichkeit über die jüdische Frage in Polen
verfaßte er ein Elaborat, das uns das Jüdische
Preßbureau in Stockholm zusendet. Wir betrach¬
ten das Schriftwerk als für die Persönlichkeit des
Herrn Rabbiner Dr. Kohn und für seine Politik so
bezeichnend, daß wir die unverkürzte Veröffent¬
lichung dieses Schriftstücks für notwendig halten.
Wir haben wiederholt auf das bedenkliche Trei¬
ben der zur Rettung der polnischen Juden nach
dem besetzten Gebiet verschriebenen deutschen
Rabbiner hingewiesen. Die neuen Auslassungen
des Dr. Kohn beweisen deutlicher als alle früheren,
daß er bei seiner Tätigkeit keineswegs nur oder
in erster Linie die jüdischen Interessen vertritt
— obwohl man dies von einem Rabbiner erwar¬
ten sollte. Am allermerkwürdigsten muß es er¬
scheinen, daß Dr. Kohn sich offenbar den polni¬
schen Antisemitismus, der selbst vornehmen Polen
als eine Schande erscheint, zu eigen gemacht hat;
nennt er doch z. B., mit echt polnischer Termino¬
logie, die litauischen Juden ein „zersetzendes Ele¬
ment“. Nur aus dieser antijüdischen und propolni¬
schen Stimmung heraus ist es wohl zu verstehen,
daß Dr. Kohn die jetzige wirtschaftliche Depres¬
sion in Polen aus der Evakuierung so vieler Juden
durch die Russen erklärt — was offenbar ein Ver¬
such ist, die wirklichen Ursachen dieser Depres¬
sion zu verschleiern. Sind doch von der Eva-
kulation nicht mehr als etwa 50 000 Juden betrof¬
fen worden, während — dank dem wirtschaft¬
lichen Boykott der Polen — etwa P/s Million Ju¬
den am Verhungern und zum Teil bereits verhun¬
gert sind.
Bemerkenswert ist das Geständnis über die
geringe Bedeutung der Assimilatoren. Daß die
konservative Masse durch Dr. Kohn politisiert
worden ist, ist natürlich eine lächerliche Übertrei¬
bung. Nur ganz kleine Kreise in Warschau und
einigen in der Nähe gelegenen Städten sind über¬
haupt von Dr. Kohn erreicht worden. Wahrschein¬
lich stützt sich Dr. Kohn in diesem Urteil auf seine
Zeitung „Das jüdische Wort“. Diese Zeitung hat
die Juden wohl untereinander verhetzt und die
jüdischfen Differenzen vergrößert, jede Nummer
ergibt aber, daß die Zeitung keinen politisierenden
Einfluß auf die Masse ausgeübt haben kann. Daß
übrigens der Herausgeber des „Jiid. Wortes“, das
sich erst kürzlich nicht entblödete, die Führer der
nationalistischen Parteien mit ehrenrührigen Ver¬
leumdungen zu bedenken, anderen jüdischen Zei¬
tungen einen Revolverton vorwirft, entbehrt nicht
der Komik. Wertvoll ist das Geständnis, daß Dr.
Kohn die polnischen Juden „im propolnischen
Sinne“ politisieren wollte. Andrerseits war es.
wie man deutlich sieht, nicht Kohns besondere
Liebe für die Polen, die ihn veranlaßte, die ortho¬
doxe Masse zum Verzicht auf ihre nationalen
Rechte und Interessen zu verleiten.
Wie wenig Mühe sich Dr. Kohn gegeben hat,
die Verhältnisse in Polen wirklich kennen zu ler¬
nen, beweist schon die Tatsache, daß er die Duma¬
wahlen von 1912 und den darauf folgenden Boy¬
kott in das Jahr 1905 verlegt.
Warum die Nationaljuden die Gemeindeverfas¬
sung bekämpfen, ist in diesem Blatte mehrfach
dargelegt worden. Die Verordnung bedeutet den
Verzicht auf die Anerkennung der jüdischen Na¬
tionalidee, was im Gegensatz zu dem deutschen
Billiger, künstlerischer
Wandschmuck
sind die Kunstdrucke der Münchner „Jugend".
Aus dem Gebiete des Vierfarbendruckes Hat die
„Jugend" bahnbrechend gewirkt und dje von ihr
herausgegebenen Kunstdrucke sind in Millionen
von Exemplaren auf der ganzen Welt verbreitet.
Die Sammlung umfaßt einige taufend Blätter,
unter denen jeder Geschmack Passendes zum
Preise von 80 Pfennige bis I Mark, je nach
^ Größe findet. Ein großer illustrierter Katalog
^ mit tausend verkleinerten Abbildungen (Preis
U 4 Mark) erleichtert die Wahl. Die Iugend-Kunst-
X drucke sind durch jede Buch- und Kunsthandlung
- oder durch den Unterzeichneten zu beziehen
Verlag der „Ingen d"
München, Lessing st raße 1
&
L"
KV:-'
:rr,
rer*';
fe'.:
.c:
■V..‘
f •: ..
fei’.
k
:V.
S:'
b'
t