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MITTEILUNGEN
des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
Schriltlcitung: M. Rosenfeld, München
Nr. 3 München, 12. März 1926
Die Schulschlußfeier in der israelitischen Volksschule
Von M. Sonn. Hauptlehrer (Buttenwie
m ,
Der Schluß des Schuljahres naht heran und er¬
innert wohl nicht nur mich, sondern alle Volks¬
schullehrer an die Verordnung des Staatsmini-
steriums für Unterriehl und Kultus vom 24. Januar
1925, worin die alljährliche Schulschlußfeier für
bayerische Volksschulen vorgeschrieben wird.
Der Zweck der Schulfeier ist in dieser Verord¬
nung nur allgemein angegeben: „Die Schulfeier soll
in den Anwesenden eine ihrem Anlaß entsprechende
gehobene Stimmung erzeugen und den Schülern
einen nachhaltigen Eindruck vermitteln."
Auch die Richtlinien für die Durchführung dieser
Feier sind kurz und sehr zweckmäßig angedeutet:
..Die Vorträge und Vorführungen der Schüler sind
regelmäßig den Unterrichtsaufgaben des letzten
Schuljahres zu entnehmen, so daß die Vorbereitung
der Schulfeier nur kurze Zeil in Anspruch nimmt."
Alle kehlenden sind wohl darin einig, daß der
Austritt aus der Volkshaupt-, bzw. aus der Volks-
forthildungsschule in seiner Wichligkeil und Be¬
deutung vom Schüler meistens nicht und ersl dann
erkannt und geschätzt wird, wenn man ihn beson¬
ders darauf aufmerksam macht und auf den Ernst
des Lehens hinweist. Bedeute! doch — gerade heut¬
zutage — der Schulentlaßschein für manchen Kna¬
ben und manches Mädchen die Pforte zur unein¬
geschränkten langersehnten Freiheit, soferne nicht
ernste, vernünftige Eltern der .lugend Einhall gef
bieten. — Darum ist eine Schulfeier so recht dazu
geeignet, Schüler und Eltern auf die Bedeutung
dieser Wende des Lehens hinzuweisen. So erfolgte
in meiner Schule schon, immer die Verteilung der
Schulentlaßzeugnisse mit Ansprache, Lied und Ge¬
sang. Der letzte Schullag sollt ein Markslein sein
und bleiben im Lehen des Schülers.
Auch in den israelitischen kleinen Volksschulen,
in welchen sich Lehrer und Schüler so recht ver¬
wachsen fühlen, sollen und können vir der mini¬
steriellen Verordnung leicht gerecht werden und
dabei doch auch dem spezifisch „Jüdischen" Rech
nung tragen. Allerdings müssen hei dieser Feier bei
geringer Schülerzahl nicht nur die Austretenden,
sondern sämtliche Schüler etwas darbieten. Auch
soll sich die Vorführung nicht mit Ansprache, Ge¬
dicht und Lied erschöpfen, sondern auch Stoffe aus
anderen Unterrichtsgebieten, aus biblischer Ge¬
schichte und Aulsalz, aus Geschichte und N T atur
künde bieten. Durch das Ganze aber muß ein
Grundgedanke ziehen, der die einzelnen Darbietun¬
gen verbindet. Dadurch isl, wie hei der Schlu߬
prüfung, „den Schülern Gelegenheit gegeben, Fro¬
hen der erreichten Schulbildung abzulegen." Dann
erhallen auch die Eltern, die zur Schlußfeier ein¬
geladen werden, einen kleinen Einblick in die Schul
und Lehrarheil und lernen den Werl einer israeli¬
tischen Volksschule desto höher schätzen. — l ud
wenn auch die Schlußfeier ohne theatralische Aul¬
führung sehr wirkungsvoll gestaltet weiden kann,
so möchte ich doch eine solche Vorführung nicht
vermissen. Bietet doch der Stoff aus der biblischen
Geschichte die beste Grundlage zu derartigen Dar
Stellungen, die man im Unterricht seihst oft zur Ver-
anschaulichung verwendet. Eine unterrichtliche Not¬
wendigkeit gab mir Veranlassung, die Geschichte
„Wie Jakob den Segen erhält'" zur theatralischen
Vorführung zu bearbeiten, die alsdann anläßlich
der Schulschlußfeier im vergangenen Jahre unter
vielem Beifalle dargestellt winde. 1
Im verflossenen Jahr war der Grundgedanke bei
der Schlußfeier meiner Schule „Heimat- und Eltern¬
liebe". In diesen Rahmen paßte das „Theaterstück":
..Wie Jakob den Segen erhält"' sehr gut.
Das Programm enthielt folgende Punkte:
1. Lied: In der Heimat.
2. Ansprache des Schulleiters.
3. „Wie Jakob den Segen erhält."
4. Gedicht: „Hab deine Eltern lieb!"
5. Gedicht: ..Wenn du noch eine Muller hast."'
('). Handwerksleute: Zimmermann, Schreiner.
Schmied, Büttner in ihrem Gewände vorstel¬
lend.
7. Hullenw iesen zui Zeil Napoleons, 1 n . . ...
... Di- i r - Aufsatze.
Der tapfere Blücher. I
8. Gedicht: Heimkehr aus Frankreich.
9. Lied: Stimmt an —
10. Gedichte von der I [eimat.
11. Verteilung der Zeugnisse
12. Schlußlied.
Zw ischen den einzelnen Darbietungen wurden vom
Lehrer verbindende Worte gesprochen, so daß ein
einheitliches Ganzes entstand.
Die Schlußfeier fand damals ungeteilten Beifall,
so daß, einer spontanen Eingebung folgend, die An¬
wesenden ein Scherllein zusammentaten, um die
Kinder durch eine süße Gabe zu erfreuen. — Und
heule noch sprechen Schüler und Litern mit Begei
sterung von dieser schönen Schulschlußfeier. Es
möge damit gezeigt worden sein, wie man auch im
kleinen israelitischen Schulen wirkungsvolle Schul
leiern zu veranstalten und durchzuführen vermag.
1 Anmerkung der Schriftleitung: infolge Baum
mangels kann die dramatisierte Szene hier nicht ab
gedruckt werden, sie wird aber möglicherweise an
derweitig veröffentlich! werden.