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Das Jüdische Echo
Nummer 34 24. Äugust 15. Jahrgang
Zionismus und Sozialismus
Auf dem Brüsseler Kongreß der 2. Internatio¬
nale hat sich, wie wir bereits in der letzten Num¬
mer berichteten, eine interessante Szene abge¬
spielt. Auf Anregung von Emile Vandervelde und
der Poale Zion war ein Antrag auf Errichtung
einer Palästinakommission der Arbeiter-Inter¬
nationale gestellt worden; es sollte also auf die¬
sem Wege eine Förderung der Aufbauarbeit der
jüdischen Arbeiterschaft in Palästina durch die
2. Internationale in die Wege geleitet werden.
Dieser Antrag widerspricht gewiß nicht den so¬
zialistischen Anschauungen, im Gegenteil, er ist
durchaus von sozialistischem Geiste erfüllt. Den¬
noch entstand eine äußerst scharfe Opposition.
Und wer war diese Opposition? Namhafte Sozia¬
listenführer jüdischer Abstammung, darunter Dr.
Friedrich Adler, Otto Bauer und der Men¬
schewik Abramowitsch. Und wer war für
diese Zusammenarbeit? Die hervorragendsten
nicht-jüdischen Arbeiterführer: Vandervelde
und der Führer der britischen Arbeiterschaft und
ehemalige Minister Henderson, welcher sogar
mit der Demission drohte, wenn die Palästina¬
arbeit aus dem Programm der 2. Internationale
ausgeschaltet würde.
Es ist eine alte Geschichte...; die negative
Protektion, deren sich das Judentum bei „arri¬
vierten“ Juden erfreut; die hysterische Feind¬
schaft gegen ein lebendes, lebenwollendes Juden¬
tum, welche sozialistische oder kommunistische,
deutschnationale oder tschechischnationale Juden
mit aufgeregter Beflissenheit betätigen. Wir erle¬
ben ja gerade auf sozialistischem Gebiet ein weit
größeres Beispiel in Sowjetrußland, wo" die jüdi¬
schen Bolschewiken-Führer seit Jahren die wü¬
tendste Verfolgung alles positiven jüdischen, sei
es nun religiösen oder nationalen oder kulturel¬
len Lebens betreiben.
Es gehört mit zu dem historischen Schicksal
des Zionismus, daß er in die Zeit des sich ver¬
wirklichenden Sozialismus gekommen ist, und daß
er daher in steter Idealkonkurrenz mit dem So¬
zialismus um seine Existenz kämpfen muß. Das
Wesentliche an dieser Konkurrenz ist die weit¬
gehende Analogie beider Bestrebungen: Sie wol¬
len beide Gerechtigkeit; Besserung der Lage der
Menschheit; sie wollen beide ein Ideal verwirk¬
lichen: haben beide ein eminent sittliches Ziel.
Darum ist diese Konkurrenz zwischen Zionismus
und Sozialismus etwas weit Gefährlicheres, als
etwa die Konkurrenz zwischen Zionismus und der
liberal-jüdischen Assimilation war, die an der
Wiege der zionistischen Bewegung gestanden ist.
Diese Konkurrenz war wesentlich leichter, denn
sie war in Wirklichkeit keine Konkurrenz zweier
sittlich-revolutionärer Ideen; die liberale Assimi¬
lation war eine einfache Defensivposition dem
Zionismus gegenüber und hat es trotz aller Ver¬
suche zu keiner lebendigen, wirkenden Ideologie
gebracht.
Wir können zwei große Wege dieser Idealkon¬
kurrenz zwischen Sozialismus und Zionismus fest¬
stellen, die einander durchaus entgegengesetzt
und auch menschlich von ganz verschiedenem
Wertrange sind; eine negative und eine positive.
Von der negativen Idealkonkurrenz ist das Er¬
eignis auf dem Brüsseler Kongreß ein einleuch¬
tendes Beispiel. Die Konkurrenz zwischen Sozia¬
lismus und Zionismus führt bei gewissen jüdischen
Persönlichkeiten auf hysterischem Wege zu einer
heftigen Negation der jüdischen Komponente, zu
jener negativen Protektion des Judentums, von
der ich anfangs gesprochen habe.
Weit interessanter und sittlich überragender
sind die Fälle der positiven Idealkonkurrenz, mit
der wir es innerhalb der zionistischen Bewegung
ständig zu tun haben. Es treten Zionismus und
Sozialismus zu positiver gemeinsamer Arbeit zu¬
sammen; so entstanden unsere zionistisch-sozia¬
listischen Parteien und so entstanden vor allem
die neuen Formen eines zionistisch-sozialistischen
Lebens in Palästina, die ein wahres schöpferi¬
sches Produkt des Zusammenwirkens dieser zwei
idealen Tendenzen der Menschheit sind, eine
schöpferische Synthese höchster Ordnung, gebo¬
ren aus der positiven Idealkonkurrenz von Zio¬
nismus und Idealismus.
Freilich hat auch diese Synthese eine stete Ge¬
fahr in sich. Es kann im Konkurrenzkampf der
Ideen die eine verblassen, und das Schwerge¬
wicht sich zugunsten einer dieser Komponenten
verschieben. Und man kann da ein Gesetz be¬
obachten, vor dem man nicht die Augen ver¬
schließen darf: wenn eine der beiden Komponen¬
ten verblaßt, so ist es meist die zionistische.
Und es entstehen jene Tendenzen im Zionismus,
in welchen der Sozialismus eine positive Protek¬
tion erhält; man kann das insbesondere in der
Entwicklung unserer Jugendbewegung beobach¬
ten.
Wie kommt es, daß die zionistische Kompo¬
nente sich als die weniger widerstandsfähige er¬
weist? Das sollte uns zu denken geben.
In einer jeden Bewegung gibt es zwei Pole,
in deren Spannung die Kraft und die Intensität
dieser Bewegung liegt; das ist der Wert und
die Not; der Wert ist der ideale Pol der Bewe¬
gung; die Not die unbefriedigende Situation, in
welcher sich praktisch dieses Ideal momentan be¬
findet.
Der Wert-Pol der sozialistischen Bewegung
ist das sozial-gerechte Leben, in welchem alle
Menschen die Möglichkeit haben, sich so zu er¬
nähren, daß sie an allen guten und wahrhaftigen
Gütern des Lebens teilhaben können, der Not-
Pol ist die Lage der ausgebeuteten Arbeiter, des
arbeitslosen, hungernden Menschen, der Prole¬
tarier in den Bergwerken und in den Schwitz¬
stuben. Ein einfacher Gegensatz, den jeder ver¬
steht.
Wie ist es im Zionismus? Der Wert-Pol ist ein
schöpferisches Judentum, das kulturell aus dem
Reservoir natürlicher und seelischer Anlagen so¬
wie aus Schicksal, Leistung und Erlebnis des jü-