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CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR
VON SCHALOM ASCH
*
Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
(Copyright by Dr Präger, Pressedienst, Wien)
Fortsetzung und Schluß.
Lederer setzte sich. Dr. Salkind nahm ihm
gegenüber Platz. Er faßte den Alten bei der
Hand und begann, als spräche er mehr zu sich
als zu seinem Gegenüber:
„Jeder Mensch ist krank, Mister Lederer,
und jeder Mensch ist gesund. Wenn man
über die Vierzig ist, so bilden sich im Körper
gewisse Gifte — das wissen Sie ebensogut
wie ich. Doch davon will ich jetzt nicht spre¬
chen — wie geht es Ihnen? Wie bekommt
Ihnen die Ruhe? Ich fürchte, ich fürchte —
der Müßiggang bekommt Ihnen nicht gut. Sie
haben noch zuviel Energie in sich, Mister
Lederer. Und Energie verlangt Aktion, das
habe ich schon Ihrem Herrn Sohn gesagt.
Vielleicht war Ihr Entschluß, sich vom Unter¬
nehmen zurückzuziehen, zu früh. Reisen, län¬
gere Zeit reisen — das würde Ihnen gut tun.
Es würde Ihre Imagination, Ihre Energie,
ihren Intellekt, der solange an Tätigkeit ge¬
wöhnt war, beschäftigen. Denn sehen Sie —
die Maschine Mensch ist genau so konstruiert
wie jede andere Maschine. Sie muß wie jede
andere Maschine in ständiger Bewegung sein,
sonst rostet sie. Habe ich nicht recht, Kollege
Fleischmann? Wir waren zusammen zum
Konsilium bei einem Partus — ein sehr
schwieriger Fall. Da habe ich den Kollegen
in meinem Auto mitgenommen und er ist mit
zu Ihnen heraufgekommen — Sie haben doch
nichts dagegen, Mister Lederer?“
Doktor Fleischmann, den Doktor Salkind
auf diese Weise vorstellte, sprach die ganze
Zeit kein Wort, sondern betrachtete Mister
Lederer unaufhörlich. Ernst und aufmerksam
beobachtete er mit seinen tiefen schwarzen
Augen, die durch schwarze Brillengläser
blickten, jede Bewegung, jedes Wort und jede
Geste des alten Lederer.
„So, so! Sie sind also nicht gekommen,
um mich zu untersuchen, ob ich bei vollem
Verstand bin oder nicht?“ — wandte sich
Lederer an den schweigsamen Doktor mit
den schwarzen Augen.
Der schweigsame Doktor antwortete nicht.
An seiner Stelle war Dr. Salkind gekränkt:
„Mister Lederer, was fällt Ihnen ein? Sie
beleidigen uns!... Sagen Sie, bitte, .sehen Sie
nicht manchmal Ringe vor den Augen? —
Schämen Sie sich nicht, es zu sagen, das
kommt häufig vor, es hängt mit den Nieren
zusammen...“
* *
*
Im kleinen Speisezimmer, wo die ganze
Familie — Lederers Frau mit vom Weinen
geröteten Augen, die beiden Söhne und die
Tochter — versammelt war, erstattete Dr.
Salkind Bericht über die Symptome, die er
durch seine und seines Kollegen Beobachtun¬
gen an dem alten Lederer festgestellt hatte:
„Direkt krank ist er noch nicht. Doch die
ersten Symptome sind zu konstatieren. Die
Krankheit ist im Vorstadium. Erst beginnt
die Einbildungskraft ihre Tätigkeit und später
entwickelt sich der Verfolgungswahn. Das ist
die Folge der lange andauernden Überan¬
strengung. Wir haben häufig solche Fälle in
unserer Praxis. Die Nerven, das Hirn, der
Verstand — alle geistigen Kräfte sind ge¬
wöhnt, tagaus, tagein zu arbeiten und plötz¬
lich haben sie kein Betätigungsfeld. Da be¬
helfen sie sich mit Surrogaten: mit Phanta¬
sien und Wahnideen.“
„Aber daß er in den Shop zurückgehen
will! Daß er von neuer Arbeit im Shop
spricht!? — fragte Frau Lederer.
„Das meine ich eben!“ — fuhr Dr. Salkind
in seiner Erklärung fort. „In Amerika ent¬
wickelt sich eine neue Krankheit. Man 'kann
sie als ,Shopkrankheit‘ bezeichnen. Sie be¬
steht darin, daß Personen, die ihr ganzes Le¬
ben im Shop verbracht haben — ob als Ar¬
beiter, als Unternehmer oder in beiden Funk¬
tionen, ist einerlei, es ist auch gleichgültig, in
welcher Branche — den Shop, welcher Art er
auch sei, nicht loswerden können. Auch dann
nicht, wenn sie schon genügend Geld er¬
worben haben, um außerhalb des Shop leben
zu können. Aber auch bei armen Arbeitern,
die von den Zuwendungen ihrer Kinder sor¬
genlos leben können, tritt derselbe Fall ein.
Es hilft einfach nichts — diese Leute sehnen
sich in den Shop zurück. Der Shop zieht sie
an wie ein Magnet. Er läßt ihnen keine Ruhe.
Sie sind eben zu lange im Shop gewesen,
um ihn für den Rest ihrer Tage entbehren zu
können..