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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“
DER LETZTE WALD)UDE
VON J. OPATOSCHU
Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
4. Fortsetzung
Nacht um Nacht berief er alle Winde,
alle Tiere und Vögel, gab in ihre Hut den
Wald, und er selbst schwebte von einer
Höhle in die andere, wo die Menschen wohn¬
ten, und küßte ihre blauäugigen Töchter —
da bevölkerte sich der Wald mit Göttern und
sie saßen auf jedem Baum, auf jedem Zweig.
Krakus merkte, daß ein Schwert an der
Wand rostete und trug darob großes Weh.
Er berief seine Scharen haariger Menschen
und zog mit ihnen fort auf Raub über die
schneebedeckten Berge jenseits der Weich¬
sel; die schöne Landana ließ er allein, denn
Krakus hatte mehr Freude daran, Menschen¬
köpfe mit seinem Schwert zu spalten als auf
seinem Lager mit der schönen Landana zu
ruhen.
Landana sehnte sich nach Krakus, wartete
auf ihn, wartete lange, weinte bei Nacht ihre
schönen Augen rot — aber Krakus kam nicht.
Der Waldvater konnte ihr Leid nicht mehr
mit ansehen und trocknete mit seinen Küssen
ihre Tränen.
Damals wurde Wanda geboren, das Kind
des Wassers mit den grünen Augen.
Jahre waren vergangen, Krakus kehrte
nicht wieder; Wanda, schön wie sieben Son¬
nen, wuchs heran mit Trauer im Herzen und
hatte Sehnsucht nach dem Vater.
Von den schneebedeckten Bergen jenseits
der Weichsel stiegen riesige Scharen nieder
wie Heuschrecken. Furcht ergriff die behaar¬
ten Menschen und sie kamen zu Wanda.
„Sei unsere Königin!“
Wanda sammelte ihre Scharen am Ufer,
erwartete den Feind und sang das Lied von
der Weichsel. Wenn ihre Finger über die
Harfensaiten strichen, begannen die Gräser
zu sprießen, die Bäume zu blühen, und Wald
und Wasser sangen mit.
Der Feind stellte seine Scharen auf. Prinz
Rüdiger trat vor Wanda hin, stieß sein
Schwert tief in den Boden und neigte sich:
„Schöne Prinzessin, ich habe noch nie
meine Schiffe während des Sturmes Anker
(Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin)
werfen lassen, und meine Scharen lachen des
Windes, lachen der verschneiten Berge ...
Sieh, hinter meinem blutigen Schwert ziehen
Krähenscharen... Schöne Prinzessin!“
Wanda hob die Augen.
„Ich will die Deine nicht sein, verfluchter
Deutscher!“
Der Prinz zog sein Schwert aus der Erde
und gab dreimal das Zeichen; aber seine Sol¬
daten waren geblendet von Wandas Schön¬
heit; sie konnten ihr nicht ins Antlitz schauen,
wie man der strahlenden Sonne nicht ins Ant¬
litz schauen kann, und rührten sich nicht
vom Ort.
Aus Kummer und Scham warf sich der
Prinz in die Weichsel.
„Jetzt bin ich dein!“ rief Wanda.
Und sie wurde die Königin der Weichsel.
Reb Itsche der Kabbalist
Mordechai stand beim Fenster und blickte
auf Reb Itsche, der bei einem eichenen Beth-
Hamidraschtisch saß und eifrig lernte.
Reb Itsche stand in den Dreißigern; er
war groß und schlank, hatte schwarze tiefe
Augen, ein wächsernes Gesicht, einen dichten
schwarzen Bart und einen Mund voll weißer,
ein wenig krummer Zähne, die aussahen wie
Bäume, die der Sturm verbogen hatte. Reb
Itsche war ein Kabbalist, ein chassidischer
Denker. Diese Sorte von Juden gibt es nicht
mehr. Sie tauchten auf, als der Chassidis¬
mus aufkam. Tallis und Tefillin unter dem
Arme, wanderten sie von Stadt zu Stadt,
überallhin, wo es eine jüdische Siedlung gab,
sprachen über die chassidische Lehre und
eroberten ihr mit ihrem starken Glauben und
ihrer großen Liebe Polen, Galizien und Wol¬
hynien. Bald nachdem der Streit zwischen den
Chassidim und ihren Gegnern aufgehört und
der Chassidismus weite Verbreitung gefun¬
den hatte, verschwanden die chassidischen
Denker. Die ersten chassidischen Rabbis
vererbten ihren „Stuhl“ selten ihren Kindern;
jeder Rabbi katte seine Schüler, junge Men-