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RomanbeHage des '„Jüdischen Echos'
Nr. 5
sehen, welche er unterwies, mit denen er die
Gründe der chassidischen Lehre, die er alles
Grobsinnlichen entkleidete, durchging; nach
des Rabbi Hinscheiden fuhren die Chassidim
zu diesen Schülern.
Reb Itsche war einer von ihnen — der
Liebling des Rabbi von Kozk. Obwohl er
stets allein war, die Menschen zu meiden und
die Einsamkeit zu suchen schien, gewann ihn
jeder lieb, der in seinen Umkreis kam. Man
liebte ihn, weil er freundlich war, die Fehler
der Menschen nicht sah, die offen in die Au¬
gen fallen, und für jeden ein warmes Wort
hatte. Seine schwarzen, tiefen Augen durch¬
drangen die Menschen auf den ersten Blick
und er sah sofort, wozu ein anderer Jahre
braucht, und was die meisten Menschen über¬
haupt nicht bemerken. Wer mit ihm sprach,
fühlte, daß Reb Itsche in jede Falte seiner
Seele schaute und daß das verborgenste Ge¬
heimnis für ihn offen lag; darum fühlte sich
jeder vor Reb Itsche sündig und öffnete ihm
sein Herz hastig, wie ein Kind vor der Mut¬
ter sein Herz ausschüttet. Ging man von ihm,
so wollte man ihn möglichst bald wieder
treffen.
In Kozk wußten alle, daß Reb Itsche die
Menschen mied und das Alleinsein suchte,
weil er die Ankunft des Messias zu erfor¬
schen suchte. Der Rabbi hatte schon öfters
hingeworfen, Reb Itsche brauche Vereinsa¬
mung; „Menschen kennt er schon zu viele,
er muß ein bißchen die Bäume kennenlernen.“
Als der Rabbi das wieder einmal sagte, war
gerade Abraham „Schreiber“ in Kozk und
klagte dem Rabbi, daß er so weit von einem
Orte der Gelehrsamkeit wohne. Da antwor¬
tete ihm der Rabbi: „Nimm Reb Itsche zu
dir, so wirst du Gelehrsamkeit bei dir haben
und Segen wird auf deinem Hause liegen.“
Voll Freude bat Abraham Reb Itsche zu
Gaste. Als Reb Itsche in den Wald kam,
räumte ihm Abraham das schönste Zimmer
mit all seinen Büchern ein und hütete ihn wie
einen Edelstein. — So saß Reb Itsche schon
das zweite halbe Jahr im Walde, fuhr nicht
ein einzigesmal nach Kozk und lernte.
Mordechai hatte vom Vater und von Chas¬
sidim viel über Reb Itsche gehört — er wußte,
Reb Itsche sei ein Kabbalist und ein großer
Denker; vom ersten Tage an aber begegnete
ihm Reb Itsche mit freundlicher Vertraulich¬
keit, sprach mit ihm wie mit einem Erwach¬
senen, behandelte ihn als seinesgleichen und
kehrte nie hervor, daß er der große Denker
sei; so gewann ihn Mordechai vom ersten
Tage an lieb.
Reb Itsche ersuchte ihn, er möge, so oft
er Lust hätte, zu ihm ins Zimmer zu kommen,
ungescheut eintreten, er werde ihn nicht stö¬
ren. Bald gewöhnte sich Mordechai an Reb
Itsche und begann nach und nach ihm alles,
auch seine geheimsten Gedanken, zu erzäh¬
len. Reb Itsche rügte ihn nie und sagte nie:
Tu’ das nicht; sondern immer, wenn ihm
Mordechai etwas erzählt hatte, begann er
mit ihm von chassidischer Lehre zu sprechen
und sprach dabei so, daß Mordechai in sei¬
ner Rede stets eine Antwort auf seine
schlechten Gedanken fand. Mit der Zeit schloß
sich Mordechai fest an Reb Itsche an, suchte
ihn oft auf, schaute "lange Zeit auf ihn und
fühlte, daß kein Übel hereinbrechen könnte,
so lange er mit Reb Itsche unter einem Dache
weilte; dann ging er wortlos wieder weg;
seine Seele aber war stets beruhigt.
Nach der Prozession hatte Mordechai das
Lernen ganz aufgegeben. Tagelang streifte
er im Walde umher und dachte an Rachel.
Stundenlang saß er beim Taubenschlag und
sah den Tauben zu, wie sie sich paarten.
Wenn der Abend kam, entbrannte ein Höllen¬
feuer in allen seinen Gliedern. Er hielt es im
Zimmer nicht mehr aus, jede Weile kam er
mit einer Ausrede ins Försterhaus und spähte
dort nach, wie der Förster mit seiner Frau
schlief. Und wie zum Trotz wollte es nicht
Nacht werden, keiner im Hause ging schla¬
fen; wie ein gefangenes Wild lief Mordechai
von einem Zimmer ins andere; vor Zorn warf
er sich in sein Bett und zog die Decke über
die Ohren. Sein Kopf brannte wie im Fieber,
er redete unaufhörlich wirre Worte vor sich
hin, die an Rachel gerichtet waren, bis end¬
lich im Hause alles schlief. Dann stieg er
barfuß leise durch das Fenster und lief zu
Rachel, die einen halben Werst entfernt
wohnte. So ging es Tag um Tag. In der
ersten Zeit war Mordechai so glücklich, so
sehr mit sich beschäftigt, daß er alle Men¬
schen entbehren konnte, sogar Reb Itsche.
Mordechai merkte, daß man ihm nachspio¬
nierte; Rachels Vater, der Pächter, wurde
ein zu häufiger Gast. Da beschloß Mordechai,
sich Reb Itsche anzuvertrauen. Aber er
schämte sich, daß er schon so lange nicht
bei ihm gewesen, ihm sogar ausgewichen
war. Als man aber zu Hause offen zu spre¬
chen begann und die Mutter einmal sagte,
wenn er nicht aufhören werde, sich mit dem
Mädchen herumzutreiben, so werde man den
Pächter fortschicken, da wußte Mordechai
keine Hilfe mehr und ging schnurstracks zu
Reb Itsche.
Als er diesmal eintrat, fand er Reb Itsche
in ein Buch vertieft. Matt von der Hitze saß