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Romanbeilage des „Jüdischen Echos'
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Reb Itsche ohne Rock, den „Talliskoten“ ver¬
schoben, mit offenem Hemd und rieb mit
einer Hand den behaarten Körper, schloß im
Lernen oft die Augen und las mit feuriger
Stimme, fast schreiend:
„ ... to chasi... erhebe dich und sieh, in
dem unteren Himmelsparadiese gibt es einen
Ort, den kein Auge noch gesehen. Er ist aus¬
gemalt mit den schönsten Farben. Tausend
Paläste sind dort verborgen und keiner be¬
tritt sie, außer Moschiach, der stets im Him¬
melsparadiese weilt. Um das ganze Paradies
stehen Streitwagen für die Frommen, und
Moschiach herrscht über sie und über viele
Armeen von Seelen der Frommen. Am Neu¬
mond, am Sabbat und am Feiertag betritt er
alle Paläste und weilet in ihnen. In großer
Weite gibt es dort einen noch verborgenen
Ort, der ganz unbekannt ist; er heißt Eden,
und niemand weiß, wie es dort aussieht. Mo¬
schiach durchwandelt den Ort Eden, bis sich
vor ihm ein anderer auftut, der da heißt »Vo¬
gelnest 4 . An diesem Ort sind die Bilder aller
fremden Völker gemalt, die gegen die Juden
Böses sannen. Moschiach geht hin, hebt die
Augen und ersiehet die Väter, so dort weilen
seit der Zerstörung, er ersiehet Rachel, Trä¬
nen sind in ihren Augen und Gott selbst trö¬
stet sie, aber sie läßt sich nicht trösten. Dann
erhebt Moschiach seine Stimme und weint,
und das ganze Himmelsparadies erzittert und
alle Frommen weinen mit ihm. Er jammert
und schreit, schlägt an die Himmelstüren, und
der Himmel über dem Paradiesgarten mit
den hundertfünfzigtausend Armeen erzittert,
bis des Moschiach Ruf den Thron der Herr¬
lichkeit erreicht. Dann winkt Gott dem Vo¬
gel, der auf der dritten Stufe des Thrones
der Herrlichkeit steht, und der geht zu sei¬
nem Nest und setzt sich neben Moschiach.
Vom Throne der Herrlichkeit ruft es dreimal,
und Moschiach steigt empor und Gott schwört
ihm zu, durch ihn auszurotten alle bösen
Könige der Welt und für der Juden Leiden
Rechenschaft zu fordern. Er spricht von all
dem Guten, das er seinem Volke tun wird.
Dann geht alles an seinen Ort zurück und
Moschiach birgt sich wieder in seiner Behau¬
sung wie vorher ...“
Mordechai sah, wie Reb Itsches wächser¬
nes Gesicht mit der großen, durchfurchten
Stirn aufleuchtete, wenn er Moschiachs Na¬
men nannte. Mit einem Male fühlte Sich Mor¬
dechai klein und nichtig, eine sündige Seele;
er zitterte an allen Gliedern, als hätte man
ihm Hände und Füße abgehackt, vergaß,
warum er gekommen war, und hörte weiter
zu mit Leib und Seele.
„-Nach zwölf Monaten wird sich Mo¬
schiach im Himmelsparadiese zu erkennen
geben, alle Frommen werden ihn krönen und
mit Gewaffen umgürten, darauf heilige Got¬
tesnamen eingeritzt sind. Ein furchtbarer
Stern wird am Himmel erscheinen, purpur¬
farben. Er wird auch bei Tag leuchten und
strahlen vor den Augen der ganzen Welt.
Und eine Feuersäule wird sich erheben von
Norden her bis in den Himmel und wird dem
Stern gegenüberstehen durch vierzig Tage,
und die ganze Welt wird in Furcht erbeben.
Dann wird der Stern mit der Flamme Krieg
führen vor aller Augen. Eine Stimme wird
sich erheben unter Donner und Blitz, daß die
Erde davon erbebet und viele Armeen und
Heere daran sterben. Und am gleichen Tage
wird in Rom eine Flamme auflodern, die wird
viele Burgen, Paläste und Türme verzehren.
Dann wird eine Stimme anprallen an die
Zweige der Bäume des Gartens und laut ru¬
fen: ,Stehet auf, ihr Heiligen, stehet auf vor
dem Moschiach! Gekommen ist die Zeit, da
der Mann seine Frau zurücknimmt. Er will
mit der Welt abrechnen für das Leid, das der
Frau geschah, er will sie erheben und den
Staub von ihr schütteln ...‘ Dann werden alle
aufstehen und ihn wieder mit Gewaffen um¬
gürten.. Abraham zur Rechten, Jizchak zur
Linken Jakob vorne; und Moses, der treue
Hirte, wird mit allen Frommen um ihn tan¬
zen. Wenn er gerüstet ist, wird Moschiach
wieder in das »Vogelnest 4 gehen und dort
sehen das Bild der Tempelzerstörung und
aller Frommen, die damals umgekommen.
Da wird er die zehn Kleider der Rache her¬
vorholen und sie vierzig Tage lang verbor¬
gen halten. Dann wird es vom Throne der
Herrlichkeit nach dem »Vogelnest 4 und dem
Moschiach rufen. Sie steigen empor, und
Gott ersiehet den König Moschiach, in die
Kleider der Rache gehüllt, in Gewaffen ge¬
rüstet, und er küßt ihn aufs Haupt. Da wer¬
den die dreihundertneunzig Himmel erbeben.
Gott winket dann einem Himmel, der seit
den sechs Tagen der Schöpfung verborgen
gewesen. Und er nimmt aus dem Palast eine
Krone, auf der heilige Gottesnamen einge¬
graben sind. Mit dieser Krone ist Gott ge¬
krönt worden, als die Juden das Meer durch¬
schritten, in ihr nahm er Rache an Pharao;
die Krone setzt er dem Moschiach auf und
küßte ihn wieder; da umringen ihn die heili¬
gen Streitwagen und die Armeen des Para¬
dieses. Von ihnen allen wird er gekrönt wer¬
den. Und er tritt in einen Palast und sieht