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Romanbeilage des „Jüdischen Echos'
Nr. 6
Kiefernnadeln und dürre Zweige ihre Füße
zerstachen; sie drückten ihre Hände fester,
blieben bei jedem Baume stehen, küßten ein¬
ander und stammelten:
„Meine Rachel.“
„Mein Bub.“
Der Wald wiegte sich leise. Durch die
Wipfel zog wie durch Harfensaiten ein leiser
Wind, da erbebte der Wald und tönte weit
und dunkel.
Der Mond stand überm Walde und spielte
mit den kleineren Bäumchen und Blättern. —
Zwischen den hohen Bäumen sammelten sich
die Schatten wie schleichendes Wild, wie
Scharen bleicher Vögel.
Das Paar setzte sich unter eine erblühte
Linde und wurde sofort mit kleinen wei߬
gelben Blüten überschüttet; glücklich faßten
sie einander bei den Händen und aus den
jungen Herzen, aus den halbgeöffneten Mün¬
dern drang ein stummes Singen, stumme
Freude in die Nacht.
Mordechais Lippen betäubten wie duftende
Lindenblüten Rachels Sinne; sie fühlte, daß
sie ihren letzten Atemzug in die Nacht
hauchte und zu nichts ward; leicht wie ein
Windhauch umwand sie Mordechai und flü¬
sterte zärtlich:
„Ich hab’ so Angst vor deinem Vater.“
„Brauchst nicht Angst haben, Rachel!“
„Aber dein Vater ist reich!“
„Deshalb?“
„Und ich bin eine Pächterstochter ...“
„Geh, sprich nicht so, Rachel! Wenn du
willst, sage ich morgen dem Vater, daß ich
dich lieb habe; gut?“
„Nein sag’ ihm nichts.“
„Warum?“
„Weil ich ein armes Mädel bin! Und dein
Vater ...“
„Was, mein Vater?“
Rachel grub ihre weißen Zähne in die Un¬
terlippe und umfaßte Mordechai mit beiden
Händen:
„Hast du mich lieb?“
„Meine Rachel!“
„Sehr lieb.“
„Mein Kätzchen!“
„Und wenn er nicht will?“
„Wer?“
„Dein Vater.“
„Er wird wollen!“
„Und wenn nicht?“
„Wenn nicht?“
„Wirst du mich sitzenlassen?“
„Ich — dich? Niemals!“
„Mein guter Bub!“
Sie küßten einander. Mordechai nahm Ra¬
chel auf den Schoß.
„Wenn mein Vater nicht wollen wird, so
gehen wir beide fort, Rachel; gut?“
„Gut!“
„Wir werden in einer „Waldhütte“ woh¬
nen. Ich will frisches Heu schneiden, die
ganze Hütte will ich damit anfüllen, und wir
beide werfen uns ins Heu wie ins Wasser.
Siehst du, so!“
Sie streckten sich auf das Moos hin. Mor¬
dechai legte Rachels schwarzen Kopf, der
mit Lindenblüten übersät war, auf seinen
Schoß, riß einen Pilz aus der Erde und kühlte
mit dem feuchten flaumigen Hütchen Rachels
glühende Wangen, ihre müden Brauen. Ra¬
chel schloß die Augen und verzog die Unter¬
lippe:
„Ich will nicht in einer Waldhütte wohnen.
Sie werden uns fangen ...“
„Wo denn?“
„Wir wollen in einer Höhle wohnen!“
„Dort wohnen doch böse Geister!“
„Hast du Angst?“
„Ich?“ ...
Plötzlich sah Mordechai Funken vor den
Augen. Er wandte den Kopf, um zu sehen,
woher die Ohrfeige gekommen war; da
brannte schon eine zweite auf seinem Ge¬
sicht, daß er fühlte, wie ihm alle Zähne im
Munde wackelten. Er sprang auf. Der Vater,
in Hemd und Weste, ein Käppchen auf dem
Kopfe, stand vor ihm und schrie. Seine
Worte klangen abgehackt.
„Du wirst da keine guten Jahre haben, du
Verräter Israels! Ich will dir zeigen, dich
mit Mädels bei Nacht herumzutreiben! Zu
einem Schuster will ich dich geben, du Tau¬
genichts du! Wenn du dem Vater nicht ge¬
horchen willst, so geh hin, wo der Pfeffer
wächst!“
Mordechai stand da, die Fäuste geballt und
fühlte das Blut in den Schläfen hämmern; in
der Gegend des Herzens wurde es ihm son¬
derbar hohl, als wäre von dort etwas her¬
ausgerissen worden; er hielt sich mit aller
Gewalt zurück, um sich nicht auf den Vater
zu werfen, obwohl er gewiß war, daß es nicht
leicht sein würde, dem Vater beizukommen.
Indessen hatte der Pächter, welcher Mor¬
dechais Vater gefolgt war, die Tochter beim
Haar gefaßt und schleppte sie unter Geschrei
heimwärts.
Mordechai vergaß, daß der Vater dastand
und daß er ihn erschlagen könne; mit einem
Satze sprang er wie ein wildes Tier den
Pächter an, warf ihn nieder und würgte ihn.
Mit Mühe riß ihn der Vater vom Pächter
los; blutrot im Gesicht, die Fäuste geballt,
mit zitternden Knien stand Mordechai da und
fühlte: Jetzt, jetzt werfe ich mich auf den