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Nr. 6
Komanbeilage des „Jüdischen Echos'
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Vater. Er schnaubte wie ein atemloser Hund:
„Vater, da wird gar nichts helfen, auch
Prügel nicht, ich werde Rachel heiraten!“
„Nicht solange ich lebe, Mordechai,“ — der
Vater drohte mit der Hand — „vorläufig bin
noch ich der Vater und ich habe, glaube ich,
noch etwas zu sagen, du Taugenichts! Zum
Teufel will ich dich jagen, hörst du? Schande
willst du mir antun?“ — schrie der Alte und
faßte Mordechai bei der Gurgel. „Lebend be¬
graben will ich dich lieber, als Simche den
Pächter zum Schwäher haben!“
„Laß los!“ Mordechai riß sich aus den Hän¬
den des Alten. „Laß los, wenn du nicht
willst, daß ich eine Sünde begehe! Geh lieber
nach Hause, Vater, die Wut frist in mir;
ich kann nicht gutstehen für mich, Vater!
Geh nach Hause.“
„Den Vater willst du schlagen?“
Mordechai sah sich um, erblickte einen Ast,
riß ihn ab, daß ein Stück Rinde mitging, und
drohte:
„Totschlägen will ich jeden, der mir un¬
ter die Hand kommt!“
Der alte Abraham wich zurück. Er schaute
auf Mordechai, der mit dem Ast in der Hand
dastand, und dachte daran, daß er selbst
nicht besser gewesen war, daß der Sohn dem
Vater nachgeriet; es war schon immer so
bei ihnen in der Familie. Nicht umsonst ge¬
hören sie zum Priesterstamm. Sein Zorn ver¬
rauchte.
Als Mordechai sich beruhigt hatte, war
keiner mehr im Walde. Müde irrte er zwi¬
schen den Bäumen umher, warf immer wie¬
der den Kopf empor, als wollte er summende
Bienen verjagen, und blieb stehen. Lange
Zeit stand er unter einem Baume und horchte
gespannt; er wollte wissen, ob es in seinen
Ohren so sauste oder ob der Wald rauschte.
Das Geräusch kam von allen Seiten — von
den Bäumen, vom Himmel, von der Weichsel.
Aus dem Bauernwald drangen unterdrückte
Geräusche, wie Flügelschlagen und Zähne¬
knirschen. Tief im Walde schrie eine
Schnepfe; es klang kläglich wie Kinderwei¬
nen. Im Scheine des Mondes blinkte bald da,
bald dort zwischen den Bäumen die Weichsel
und leuchtete wie Wolfsaugen;' Mordechai
fühlte, wie ihn kalter Schweiß bedeckte und
vor Schreck kletterte er auf einen alten
Baum.
Er blickte auf den Wald, der sich von
Osten nach Westen bis über Plozk hinaus
zog. Er sah zwischen den Bäumen grünliche
Lichter aufleuchten, hörte den Schlag großer
Flügel und spürte, wie der große furchtbare
Wald erwachte. Pfeifend fuhr der Wind ein¬
her, als wäre ein Dämon aus seiner Höhle
ausgebrochen, und der Wald schüttelte sich.
Die weiten Felder, der Wald, der mit Wol¬
kenfetzen bedeckte Himmel — all das sah
riesengroß aus, weitete sich in die Nacht hin¬
ein und atmete mit tausend Düften; da fühlte
sich Mordechai schwach und hilflos wie ein
Kind. Er hörte Schritte, lehnte sich fester
an den Baum und sah, wie von allen Seiten
riesige Menschen auf ihn zuschritten; und
dort, wo die jungen Birken standen, wanden
Mädchen in langen weißen Hemden ihre sil¬
berfarbenen Zöpfe und riefen ihn.
Mordechai wußte, daß es Bäume waren,
daß sie nie zu ihm kommen würden und daß
es lächerlich sei, Angst zu haben; dennoch
dämmerte in seinem Hirn eine alte Ge¬
schichte von einem Dorfschächter, der im
Winter an einem frostigen Freitagnachmittag
nach Hause eilte, um noch vor Sabbat bei
den Seinen zu sein. Er ging entlang der
Weichsel und trug auf der Schulter einen
Sack mit Lungen und Lebern. Aus dem
Walde kam ein Wolf und kreuzte des Schäch¬
ters Weg; da nahm der Schächter sein Mes¬
ser in den Mund und schwang sich auf den
Wolf; erschrocken rannte der Wolf entlang
der Weichsel über den Schnee bis in die
Stadt hinein.
Mordechai sah einen Wolf über den Schnee
rennen, auf dem saß ein Schächter, lang und
mager wie der Todesengel, ein blinkendes
Messer im Munde; und der Schnee wirbelte
bis zu den Wolken, wirbelte, wirbelte ...
Mordechai lachte laut auf, als er merkte,
daß er auf einen Baum geklettert war; tief
im Walde äffte ein Kobold sein Lachen nach.
Gegenüber auf einem Baume saß eine Eule
mit schwarzem, krummem Schnabel und ei¬
nem Paar Augen wie kalte Lichter. Der Vo¬
gel blickte auf Mordechai. Mordechai hob
die Hand und wollte den Vogel erschrecken,
der aber rührte sich nicht, sondern blickte
unverwandt auf Mordechai, daß es ihm kalt
über den Rücken lief. Vor Schreck sprang
Mordechai vom Baume und begann durch
den Wald zu laufen. Er erinnerte sich, daß
ihn der Vater aus dem Hause gejagt, daß man
ihm Rachel genommen hatte; mit beiden
Händen griff er sich in die Haare und heulte
wie ein hungriges Tier.
Das Rauschen im Walde wurde stärker.
Mordechai lief zum Bauernwald. Er fühlte
einen salzigen Geschmack im Munde, sein
Zahnfleisch blutete. Bei jedem Geräusch ei¬
nes Blattes, eines Vogels schien es ihm, als
jagte ihm ein Wolf nach. Aus dem Buche