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R O M A N-B E IL AGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“
DER AUFSTAND
VON J. OPATOSCHU
Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
(Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien)
19. Fortsetzung
„Was weiter?“ fragte Mordechai kühl.
„Was weiter?“ Der Kommissär verlor die
Herrschaft über sich. „Eine Sense, Panowie,
kann kein Gewehr ersetzen! Überdies will der
Bauer nicht mittun und tut nicht mit! Und es
ist ein frevelhaftes Spiel! Ein paar Hitzköpfe,
die an die Stelle Wielopolskis treten wollen,
haben das Feuer angefacht; was schert es die,
wenn Polens beste Jugend abgeschlachtet
wird wie das liebe Vieh? Ihr müßt nämlich
wissen, gegen jeden Polen mit einer Sense
kann der Russe zwanzig, dreißig Mann mit
guten Gewehren einsetzen! Ich sage Euch,
schade um Euer junges Leben! Folget dem
Rate eines guten Polen — kehret zurück zu
Eurem Studium ... Ihr kommet doch von
Belgien oder von Frankreich ... Eure Studien
werden Polen mehr Nutzen bringen als Euer
Blut, das Ihr zwecklos vergießen wollt ...
Nicht durch das Schwert wird Polen erlöst
werden, sondern durch Gottes Wort... und
ihr, die Jugend, welche an den Hochschulen
studiert, sollt die Erlösung bringen ...“
Wirzbicki konnte nicht an sich halten. Mund
und Lippen verzogen sich wie bei einem Kind,
das weinen will, und er brach los:
„Entschuldigen Sie, Herr Kommissär, wir
sind nicht hergekommen, um Ihre Moralpre¬
digten anzuhören! Geben Sie uns gefälligst
unsere Pässe, wir wollen weiterfahren!“
Der Kommissär sprang auf, wich einige
Schritte zurück, als wollte er einem drohen¬
den Schlage ausweichen, und griff nervös nach
einer kleinen Glocke, die auf dem Tische
stand. Aus einer Seitentür trat ein Beamter.
Der Kommissär, der sich jetzt sicher fühlte,
setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und
fuhr in deutscher Sprache zornig los:
„In diesem Falle dürfen Sie nicht Weiter¬
reisen! Ihr Paß hat kein Visum! Sie werden
zurückfahren! So eine Frechheit!“
Er schleuderte Wirzbickis Paß auf den
Tisch, griff nach dem Mordechais und fragte,
ohne aufzublicken:
„Sie haben auch kein Visum?* 4
„Nein!“
„Welcher Konfession? Jude?“
„Jude.“
Schweigend setzte der Kommissär seine
Unterschrift unter Mordechais Paß und schob
ihn achtlos zur Seite. Der Paß fiel zu Boden.
Der Kommissär entschuldigte sich und ver¬
schwand im Nebenzimmer.
Als sie gingen, bebte Wirzbicki vor Wut:
„So ein näselndes Subjekt! Erschießen
möcht‘ ich so einen Polen wie einen Hund!
Ist nicht der einzige Wasenmeister in Polen!
Da siehst du, sie sitzen in allen Grenzorten!
Was ist nun zu tun, Alter?
„Warum jammerst du?“ Mordechai lächelte.
„Er ist doch ein braver Pole!“
„Was?“ Wirzbicki riß die Augen auf.
„Polnisches Blut ist ihm zu teuer, darum
hat er dir den Paß nicht unterschrieben. Jü¬
disches Blut darf vergossen werden, deshalb
war er so gnädig, meinen Paß zu unterschrei¬
ben!“
„Erschießen sollte man ihn!“ In Wirzbicki
kochte es noch immer. „Höre, Alter, es wird
wohl das beste sein, du fährst nach Krakau,
und ich fahre eine Station zurück und von
dort flugs über die Grenze.
„Nein, Juschko, ohne dich fahre ich nicht.
In etwa zwanzig Minuten geht ein Zug nach
Preußen, mit dem fahren wir zusammen eine
Station zurück, und dort wollen wir sehen,
was sich tun läßt.“
Der jungfräuliche Schnee blinkte schmei¬
chelnd, geradezu einladend von den Gärtchen,
die rings um den Bahnhof lagen. Ein Mädchen
mit frostgeröteten Wangen ging vorüber und
warf den beiden Jünglingen einen kurzen
Seitenblick zu. Sie vergaßen, daß' sie sich in
einer unangenehmen Lage befanden, und gin¬
gen mit leichten, lebhaften Schritten den Bahn¬
hof entlang, Wirzbicki summte einen Gassen¬
hauer.
Auf den Gleisen rollte fauchend und pfei¬
fend eine Lokomotive hin und her und stieß
riesige Rauchwolken in die Luft, die eine Zeit¬
lang übereinander hängen blieben und sich
dann in Spiralen immer niedriger senkten, bis
sie vom Schnee verschluckt wurden, auf dem
sie schwarze Pünktchen hinterließen.
Jenseits der Gleise tauchten Schmuggler