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Romanbeilage des „Jüdischen Echos"
Nr. 20
auf, die riesige Bündel mit Waren trugen. Auf
dem freien Platz neben den Gleisen machten
sie halt, warfen die Bündel in den Schnee und
setzten sich darauf. Einer zog aus dem Stiefel¬
schaft eine große Flasche, tat einen kräftigen
Schluck, fuhr mit der flachen Hand über den
Flaschenmund und ließ die „Mutter“ im Kreise
weitergehen.
Händler kamen, dicke Zigarren im Munde.
Die Schmuggler begannen kauend die Bündel
aufzupacken. Juden, Christen, Männer, Frauen
kamen von allen Seiten. Sie ergriffen, was
ihnen in die Hand kam, einer entriß dem an¬
deren die Stücke.
Die Schmuggler und ihre Gehilfen, die keine
Zeit fanden, zu notieren, was jeder nahm,
drängten die Menge von den Bündeln und
schlugen mit Schals und Kleidern um sich.
Doch es nützte, nichts; sie stürzte sich wieder
auf die Bündel, und schrie:
„Mir noch einen Schal!“
„Ich nehme das Stück Seide!“
„Nein, ich!“
„Schau, daß du weiterkommst, Hexe, sonst
schlage ich dir den Schädel ein!“
„Eher werden dir die Hände abfallen, krät¬
ziges Biest!“
Ein Bündel flog durch die Luft. Unzählige
Hände griffen danach; das Bündel löste sich
im Fluge; Leibchen, Hemden, Strümpfe fielen
in den Schnee. Die Leute krochen auf allen
Vieren, um die Stücke zu erhaschen, und
stürmten auf die Händler ein, die lächelnd
dabeistanden. Mordechai kam das Bild des
reichen Gutsbesitzers in den Sinn, der an
Markttagen auf den Hauptplatz kommt und
Geldmünzen in die Menge schleudert, um die
diese sich zu Füßen des lächelnden Gutsherrn
balgt.
Wirre Rufe gellten durch den stillen Morgen.
„Ihr habt vier Schals genommen, nicht drei!“
fuhr einer der Besitzer, ein Chassidim in mitt¬
leren Jahren, auf eine forsche, junge Frau los,
die solche Mengen Ware um ihren Leib wik-
kelte, daß man sie kaum noch erkennen konnte.
„Wir beide sollen so leben, Reb Mojsche
Leib, wie es drei Schals waren, drei, so wie
ich drei Kinderchen habe, um die ich zittere!
Was meint Ihr von mir?“ Mit der Rechten
suchte sie Reb Mojsche festzuhalten, der im¬
mer wieder zurückwich, und die Linke streckte
sie nach den Leuten aus, wie um sie als Zeu¬
gen herbeizurufen:
„Vier, vier, vier!“ wiederholte Mojsche Leib
eigensinnig und steckte die Finger in die Oh¬
ren, um die Einwände der Frau nicht hören zu
müssen.
„Ihr haltet mich nicht für glaubwürdig?“
„Nein!“
„Nun denn nicht! 4
„So lege endlich die Schals weg! Hörst du?
Wenn ich um einen Schals komme, ist der
ganze Gewinn zum Teufel!“
„Und ich mit meinen drei Schwälbchen habe
kein Recht zu leben!“ Die Frau faßte Mojche
Leibs Hand. „Ich schwöre Euch, Reb Mojsche»
ich habe nichts genommen!“
„Wo ist also der Schal hingekommen?“ 1
„Wenn Ihr mir nicht glaubt, suchet bei mir!“
„Das werde ich auch tun!“
„Bitte, bitte!“ hurtig strich sie ihren Rock
zurecht und lüpfte ihn ein wenig. „Suchet nur,
Reb Mojsche, suchet!“
Reb Mojsche verzog den Mund, als hätte
er eine bittere Pille geschluckt, schloß halb
die Augen und winkte mit der Hand:
„Geht, geht! Das hat ja keine Scham im
Leibe!“
„Dann saget nicht, daß ich vier Schals ge¬
nommen habe!“
„ Nein, Ihr habt sie nicht genommen ... ich,
ich, Mojsche Leib, habe sie genommen! Seid
Ihr’s zufrieden?“
Ein Polizist kam herbei, begrüßte die Händler
mit Scherzworten, gab Ratschläge und sagte
einem Mädchen etwas ins Ohr; die in der Nähe
standen hörten es und bogen sich vor Lachen.
Wirzbicki, der die ganze Zeit regungslos
den Schmugglern zugeschaut hatte, spuckte
plötzlich in weitem Bogen aus, als müßte er
etwas Ekelerregendes abschütteln. Mordechai
war gekränkt, obwohl unter den Schmugglern
mehr Christen als Juden waren. Er bemerkte
auch den langen Kasriel unter ihnen und
wollte Wirzbicki erzählen, daß die jüdischen
Schmuggler, die jetzt wie Hunde auf allen
Vieren krochen, bei Nacht im Eisenbahnwag¬
gon ihr Werktagswesen abgeworfen und, ge¬
radezu rein geworden; einander chassidische
Geschichten erzählt hatten. Doch Mordechai
sah ein, Wirzbicki würde das nie verstehen;
das jüdische Wesen war ihm zu fremd.
Die Ware war verteilt, und die Käufer
rechneten mit den Schmugglern ab. Ein Grenz¬
soldat kam herbei, zählte die Personen, welche
Schmugglerware mitführten, und schnalzte
mit der Zunge zum Zeichen, daß alles in Ord¬
nung sei. Die Schmuggler stellten sich grup¬
penweise auf.
„Kann’s losgehen?“ fragte einer, der das
Kommando zum Aufbruch nicht gehört hatte.
„Wer soll das wissen, wenn die da gröhlt
wie ein Schwein“, antwortet ein anderer, auf
die noch immer fauchende Lokomotive deu¬
tend.
Fortsetzung folgt.