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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“
DER AUFSTAND
VON J. OPATOSCHU
Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
(Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien)
20. Fortsetzung
„Ein dreckiger Beruf, sag ich dir!“
„Was?“
„Gar nicht! Mach Beine!“
Die Schmuggler zerstreuten sich über die
Felder...
Kasriel trat mit einer Verbeugung auf Mor-
dechai zu und sprach ihn in einem Gemisch
von Polnisch und Jiddisch an.
„Kann ich vielleicht etwas für Sie tun, Pa-
nie? Ich merke schon, der ,Haman‘ hat Euch
zurückgeschickt... Sie glauben natürlich, er
sei ein Deutscher, keine Spur! Ein Pole ist
er! Ihr seid nicht die einzigen; gestern erst
hat er es mit drei jungen Herren ebenso ge¬
macht. Wäre nicht Reb Bliasch zu Hilfe ge¬
kommen und hätte sie über die Grenze ge¬
bracht, so würden sie noch heute hier sein ...
Ja ... wer weiß ... vielleicht...“
„Wo wohnt der Herr Bliasch?“
„An der Grenze. Die Goluminer Güter ge¬
hören ihm. Wenn Ihr wollt... Doch sprecht
zu Bliasch ganz offen, sagt ihm die Wahrheit!
Er stammt selber, so heißt es, aus Russisch-
Polen, er wird Euch gern einen Gefallen tun...
Also“, der lange Kasriel lachte über das ganze
Gesicht, „der Russe wird wirklich verjagt
werden?“
„ Man tut’s schon!“
„Gott gebe es!“
„Und was sagt man hier bei Euch dazu?“
fragte Mordechai neugierig.
„Meint Ihr die Gojim? Sie reden auch mehr
als sie tun! Ein paar Stadtleute und ein paar
Gutsbesitzer, das ist alles; die Masse rührt
sich nicht!“
„Und die Juden?“
„Die Juden kümmern sich nicht darum!“
Kasriel dämpfte seine Stimme. „Es heißt frei¬
lich, daß Bliaschs Sohn ein ganzes Regiment
unterhält und irgendwo bei Plozk kämpft, und
der Sohn des Baders Mojsche hat seine Frau
und seine sechs Kinder verlassen und ist zu
den Aufständischen gegangen. Und sonst, die
Grenze ist offen und so macht man ein paar
Groschen, solange es geht... Der Gerer
Rebbe hält, so sagt man, zu den Russen...
„Reb Itsche Mei'r?“
„Ja, Reb Itsche Mei'r. Der Pan ist wohl auch
aus Kongreßpolen?“
„Ja.“
„Aus unserer Gegend?“
„Nein.“
„Woher?“
„Aus der Gegend von Plozk.“
„Und geht wirklich und wahrhaftig mit?“
„Wohin?“
„Ich meine ... nun ... in den Aufstand...“
„Ja.“
„Sooo..
Überrascht schob Kasriel seinen Hut zurück
und warf einen langen Blick auf Mordechai,
der ebenso Zweifel wie Hochachtung aus-
drücken konnte. Dann streckte er Mordechai
die Hand entgegen:
„Gott helfe euch, daß Ihr heil wiederkommt!“
„Amen!“ Mordechai drückte warm die Hand
des Juden ...
„Wer ist das, ein Bekannter?“ fragte Wirz-
bicki.
„Nein, irgendein Jude“, erwiderte Morde¬
chai lächelnd und erzählte Wirzbicki das
ganze Gespräch; dabei fiel ihm eine spaßhafte
Geschichte ein.
Krasnopolski ging einst mit einigen Kolle¬
gen über die Marszalkowska in Warschau, da
kam ihm sein Vater im langen Kaftan entge¬
gen und sprach ihn an. Als die Kollegen ihn
fragten, wer der Jude sei, der ihn ange¬
sprochen hatte, antwortete er, das sei ein
Pächter seines Vaters.
„Es hat keinen Sinn, daß wir fahren!“ ent¬
schied Wirzbicki, nachdem er Mordechais Be¬
richt gehört hatte. „Ehe der Kutscher sich
rührt, sind wir längst beim Pan Bliasch.“
„So gehen wir!“ Sie schlugen einen Seiten¬
pfad ein, der zwischen Feldern führte.
Eine alte Frau, spindeldürr, mit einer Vogel¬
nase im spitzen Gesicht, kam den beiden
Wanderern entgegen. Im Vorübergehen hob
sie den vorgeneigten Kopf, warf einen Blick
auf die Fremden und krächzte: