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Romanbeilage des „Jüdischen Echos**
Nr. 21
„Gelobt sei Jesus Christus!“
„In Ewigkeit, Amen, Großmütterchen!“
„Die Alte krächzte wie ein Rabe“, sagte
Wirzbicki, als sie vorüber war.
„Was liegt da?an?“
„Ein schlechtes Vorzeichen!“
„Unsinn, Joschko! Schließ’ lieber den Man¬
tel, der Frost beißt tüchtig!“
„In so einer Nacht im Felde liegen und auf
den Feind warten...“ Wirzbicki beendete den
Satz mit einem Pfeifen.
„Es wird mehr als eine solche Nacht sein...“
„Ich wollte, wir wären schon so weit!“
„Geduld, du wirst bald so weit sein!“
„Hör’, Alter!“ Wirzbicki faßte Mordechai
beim Arm. „Offen und ehrlich, du weißt, daß
ich jederzeit bereit bin, mein Leben für Polen
zu lassen, was sagst du, gibt es wenigstens
eine Hoffnung, daß wir siegen?“
„Alles ist möglich, Joschko. Und wärest du
sicher, daß die Sache hoffnungslos ist, ein
frevelhaftes Spiel, wie es der Kommissär
nannte, würdest du dann nicht mitgehen?“
„Ich würde gehen...“
Auf einer Anhöhe erhob sich ein mächtiges
Gebäude mit langen Seitenflügeln. Es stand
am Ende eines alten Parkes; die kahlen Äste
der Bäume ließen ihn schütterer aussehen, als
er in Wirklichkeit war. Von dem Gebäude her
kam ein mit Schnitzwerk verzierter, mit zwei
glänzenden Pferden bespannter Schlitten ge¬
fahren; die Tiere warfen wiehernd die Köpfe
empor, als ob sie sich von den schmalen Zäu¬
nen losreißen wollten, und von ihren Hufen
stob der Schnee nach allen Richtungen.
Im Schlitten saßen zwei Damen, offenbar
Mutter und Tochter. Die jüngere musterte mit
großen, schwarzen Augen die beiden Frem¬
den. Sie schauten einander an und betraten
den Gutshof.
Ein älterer Jude in kurzer Pelzjacke und
gerippter Samthose ritt ihnen entgegen:
„Wen suchen Sie, Panowie?“
„Den Besitzer.“
„Den alten Pan Bliasch?“
„Ja, Panie!‘
„Darf ich wissen, was Sie von ihm wün¬
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„Es tut uns sehr leid, Panie... es handelt
sich um eine ganz private Sache ...“
Wirzbicki zog seine Visitenkarte hervor
und reichte sie dem Reiter.
„ Bitte!“ Er deutete auf Mordechai. „Das
hier ist mein Kamerad, Herr Alter... Haben
Sie die Güte, uns dem Herrn Bliasch zu
melden...“
Als der Reiter den Namen „Alter“ hörte,
betrachtete er Mordechai, als wäre ihm des¬
sen Name bekannt; dann deutete er mit der
Hand auf seine Brust:
„Was kann Bliasch für Sie tun?“
„Wir sind zu Ihnen gekommen, Herr Bliasch
j.. tM Mordechai machte eine Verbeugung.
„Wir haben gehört, daß ... Sie Pole sind...
so sind wir gekommen... wir kommen um
Rat und Hilfe... Ich will ganz offen sein ...
wir wollen uns dem Aufstand anschließen. An
der Grenze hat uns der Kommissär, der selbst
Pole ist, zurückgeschickt. Er hatte Mitleid mit
uns und wollte nicht, daß wir nutzlos unser
Blut vergießen. Um die ganze Wahrheit zu
sagen,“ Mordechai lächelte, „mir, dem Juden,
hat er gestattet, die Grenze zu überschreiten,
und hat nur meinen Kollegen, der Katholik ist,
zurückgeschickt. Wenn wir auch zurückfah¬
ren wollten, hätten wir kein Geld zur Reise ...
So sind wir gekommen..
„Sie sind gewiß müde, meine Herren.“
Bliasch saß ab und übergab sein Pferd einem
Knecht. „Treten Sie ein, zunächst werden Sie
sich waschen und mit uns speisen, alles übrige
werde ich schon besorgen.“
Mordechai bemerkte, daß auf Bliaschs
Samthose die Schaufäden eines Tallis-Koton
baumelten.
„Magda!“ rief Bliasch.
Ein Mädchen kam aus der Küche und ver¬
neigte sich:
„Was befiehlt der Herr?“
„Führe die Herren in den linken Flügel!“
Und zu den beiden Fremden gewandt: „In
einer halben Stunde wird gegessen... Bitte
keine Widerrede! Auf Wiedersehen!“
Der „praktische Salman“
Mordechai und Wirzbicki kamen sofort in
bessere Stimmung, als sie sich gewaschen und
die Kleider abgebürstet hatten. Jetzt warteten
sie nahezu ungeduldig darauf, zum Essen ge¬
rufen zu werden; nach den langen Reisetagen
und dem Empfang an der Grenze tat ihnen
Bliaschs menschenfreundliche Art wohl; sie
vergaßen, was vorher gewesen. Wirzbicki pfiff
vor sich hin, und Mordechai schaute durch den
offenen Fensterladen zu den alten, kahlen Ei¬
chen hinüber, die die Aussicht auf die Kuh-
und Pferdeställe verdeckten. Die mächtigen
Äste lehnten sich an die Mauern der Stein¬
flügel und blickten auf die zwei runden,
festungsähnlichen Türme nieder.
Fortsetzung folgt.