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Das Jüdische Echo
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Nr. 43
DER AUFSTAND
VON J. OPATOSCHU
Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
(Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien)
36. Fortsetzung
, „Woher hast du die Pelzei?“ Der Kosak
setzte ihm das Gewehr an die Schläfe.
Der Alte schwieg.
„Gib Antwort, oder ich erschieße dich!“
„Und wenn du mich erschießt, Hundesohn,
ich sage es dir nicht!“
Der Kosak schoß. Der Schlachtschitz fiel
mit dem Gesicht auf die feuchte Erde.
Zwischen den Bäumen kam langsam Reb
Abraham in seinem Schafpelz und der Pelz¬
mütze, groß und breitschultrig, näher; er
wollte wissen, woher der Schuß kam, den er
gehört hatte.
Der Regen schlug klatschend an die Stäm¬
me'und Zweige und verschlang alle anderen
Geräusche.
- Erst als Reb Abraham ganz aus dem Walde
trat, bemerkte er die Kosaken. Mit einer ra¬
schen Wendung wollte er sich wieder ins Ge¬
büsch zurückziehen; aber eine Stimme rief ihm
„'Hält!“ zu. Er blieb stehen. Ein Offizier und
Einige Kosaken ritten auf ihn zu:
„Bist du der Besitzer des Waldes?“
„Ja.“
• ( „Komm mit!“
Sie. führten Reb Abraham an die Stelle, wo
4,er tote Schlachtschitz lag, und wendeten den
Leichnam um.
„Kennst du den da?“
Reb Abraham betrachtete das beschmutzte
Gesicht des Toten und anwortete:
' „Ich kenne ihn nicht.“
„Du lügst!“ schrie ihn der Offizier an. „Du
hältst es mit den Rebellen!“
,, ,Reb Abraham schwieg.
Woher hat er die Pelze und Stiefel ge¬
bracht?“ fragte der Offizier weiter.
„Ich weiß es nicht.“
„Wenn dir der Strick um den Hals liegt,
^st du es gleich wissen! Sprich lieber die
Wahrheit!“
..,i„Wie kann ich die Wahrheit sagen, wenn
iRr mir nicht glaubet!“ erwiderte Reb Abra¬
ham. !
Natürlich glauben wir dir nicht! Der Rebell,
der da liegt, ist denselben Weg gefahren, den
du jetzt gekommen bist, und da erzählst du
uns, du wüßtest von nichts! Sprich, wenn du
nicht dasselbe Ende nehmen willst wie der
da!“
Reb Abraham schwieg.
„Legt ihm einen Strick um, das wird ihn
gleich reden lehren!“
Die Kosaken suchten und fanden jedoch
keinen. Einer bückte sich und begann, den
Strick von dem Bauernpelz des Toten zu
lösen,
Reb Abraham warf einen Blick auf den
Strick; sein Herz krampfte sich zusammen,
hob sich bis zum Halse und würgte ihn. Sein
Gesicht wurde blutrot. Ohne die Fragen zu
hören, welche der Offizier an ihn richtete,
murmelte er immer wieder:
„Ich weiß gar nichts .. Ich weiß gar nichts!“
„Hängt den Saujuden!“ stieß der Offizier
hervor.
Reb Abraham stand neben dem toten
Schlachtschitzen und sah zu, wie etwa fünfzig
Schritte entfernt die Kosaken damit beschäf¬
tigt waren, einen Baum als Galgen herzurich¬
ten; die Ruhe, die er kurz vorher verloren
hatte, kehrte wieder in ihm ein. Mit lauter
Stimme sprach er das Sündenbekenntnis und
schlug mit der Faust an seine Brust.
„Fertig!“ rief jemand.
Reb Abraham richtete sich hoch auf und
schritt erhobenen Hauptes dem Baume zu.
Aus den Taschen nahm er sein ganzes Geld
und streute es mit voller Hand aus; er lä¬
chelte, als die Kosaken sich darauf stürzten
und sich im Morast wälzten, um die Münzen
zu erhaschen. Dann zog er seinen Schafpelz
aus, legte die Mütze ab, löste die goldene Uhr
und Kette von der Weste, warf ein Stück nach
dem andern ab und schritt im offenen Hemd
zum Galgen ...
Wie böse Geister flogen die Krähen herbei,
und der Wald hallte wider von ihrem heiseren
Kra, Kra...
Ende.
* * *
Vorläufig werden wir keinen neuen Roman
bringen, sondern das Gebiet der kleineren Erzäh¬
lung pflegen. Die Red.
I