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Hcrausgegeben von Dp. Rahmer in Magdeburg.
*]um 100. Todestage Mendelssohns. Von vr. Goldschmidt-Weilbnrg. — Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe
Meisels. — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Zweiter Theil.) — Allerlei für den Familientisch: Papst
Leo XIII. proclamirt die Gewissensfreiheit. — Zum 25jährigen Regierungs-Jubiläum unseres Königs. — Zum Mendelssohn-
Denkmal. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen.
Zum 100. Todestage Mendelssohns.
Die besten Männer seh' ich wallen
Des deutschen Vaterlands,
Auf einen stillen Grabeshügel
Zu legen einen Kranz.
Auch wollen sie ein Denkmal setzen
Dem, der im Grab dort ruht,
Denn, der dort ruht seit hundert Jahren
War weise, fromm und gut.
Er war kein Held in blut'gen Schlachten,
Er saß auf keinem Thron, —
Er war ein Jude, ein Freund Lessings,
War — Moses Mendelssohn.
O setzet ihm ein herrlich Denkmal,)
Wohl hat er es verdient:
Er hat als Jude alle Menschen
Zu lieben sich erkühnt'.
Erkühnt im vorigen Jahrhundert-
Drum war er Lessings Freund,
Die Freiheitskriege deutschen Geistes
Schlug er mit ihm vereint. --
Das Denkmal, das wir ihm errichten,
Es ist ein Heiligtbum- —
Es schweige ganz in unsrem Herzen,
Die Sucht nach eitlem Ruhm!
Der Mit- und Nachwelt nur verkünd' es,
Was Mendelssohn gelehrt:
,,Jn jedem Stande und Bekenntniß
Verleiht nur Tugend Werth!"
Denn wer in seiner Zeit den Besten
Genug gestrebt, gethan,
Dem raubt zu keiner Zeit die Krone
Unduldsamkeit und Wahn!
Ja wer in seiner Zeit den Besten
Ein Kampfgenosse war,
Es kämpft für ihn zu allen Zeiten
Der Besten edle Schaar!
Dp. Gold sch midt-Weilburg.
Die Prinzessin.
Eine Erzählung von Agathe Meisels.
Die Kleinstadt — man glaubt mit leibhaftigen Augen
den grauen engbegränzten Horizont zu sehen und die Schwere
und Undurchdringlichkeit desselben scheint uns wie ein physi¬
scher Druck auf Kopf und Herz 511 lasten. Die Bewohner
derselben sind keine Müßiggänger; sie bewegen sich in lang¬
samerem Tempo als die hastenden Arbeiter in den häm¬
mernden, schnaubenden Werkstätten des großstädtischen Ge¬
triebes, aber sie schaffen doch rührig sechs Tage tu der
Woche; am siebenten, dem Tage der Ruhe, geben sie sich
dem einzigen Vergnügen bin, das ihnen zugänglich ist, —
sie reden. Das Wort ist thnen was dem Großstädter
Theater, Ball, Concert, ist ihnen Ersatz für jedweden intelec-
tuellen und sinnlichen Genuß, im Worte hauchen sie ihre
ganze anderwärts gebundene Kraft, ihre vielfach comprimirte
Lebenslust aus. und das Wort wird zur Waffe, mit der
manche Wunde geschlagen, wird auch zuni heilenden Balsam
für dieselben, — das Wort ist ihnen Handlung und Bewe¬
gung. So spinnen sich die Tage im ewigen Einerlei ab,
einförmig, staubig dehnt sich der Lebensweg vor ihren Blicken,
man wird alt, ohne es recht zu merken, weil keine besonderen
Ereignisse, als ragende Marksteine, den schon zurückgelegten
Weg bezeichnen. Die einzigen Vorkommnisse von Belang in
dem Städtchen Z., an dem Ufer der Weichsel, wie in allen
anderen von gleichem Raumverhältniffe und mit vorwiegend
jüdischer Bevölkerung, sind: das Erscheinen eines kleinen
Bürgers auf den Brettern, die ihre Welt bedeuten, sein im
13 . Jahre gebotener Eintritt in den religiösen Verband und
die Heirath, jene große Epopö die sich in einzelne, farben¬
reiche Bilder sondert und in ihrer Gruppirung das bedeu¬
tungsvolle Drama bildet, das ein Menschenleben umfaßt.
Am Samstag Vormittag eines Hellen Frühlingstages
durchschritt ein ältlicher, trotz der wärmenden Sonnenstrahlen
in einen Pelz gehüllter Mann die Haupt- oder richtiger
einzig wegbare Straße von Z. und trat in das größte dort
gelegene Haus. An allen Fenstern wurden neugierige
Mädchenköpse sichtbar, um die seltene Erscheinung, einen
Fremden in Z., in Augenschein zu nehmen. Die Männer
und Frauen von dem eben beendeten Gottesdienste aus der
Synagoge tretend, blieben in gesonderten Gruppen aus der
Gasse stehen, um das große Ereigniß zu besprechen.
„Was mag der Moses Feilchenfeld nur zu thun haben?
Wäre es nicht Samstag", sagten die Einen, „wir könnten
vermuthen, ein Geschäft habe ihn hergeführt".
„Ein Geschäft, — Dummheit. — Feilchenfeld ist zu
klug um seine Geschäftsfreunde Herkommen und sich in die
Karten blicken zu lassen. Seine Weizenvorräthe liegen nicht
hier im Orte und die Verkäufe besorgt er meist ohne Ver¬
mittlung, wie wir Alle wissen".
„Ja, der ist ein schlauer Fuchs und hat auch schon ein
schön bischen Geld in seinem eisernen Kasten, unten im
Keller", sagte mit dem Ausdruck unverholensten Neides ein
langer, hagerer Mensch, den das Schicksal augenscheinlich
nicht so warm gebettet hatte.
„Bah, nichts dauert ewig", ries der kleine Schmul, der
wegen seiner bösen Zunge von den Anderen als Witzling
betrachtet und gefürchtet wurde. „Vielleicht gar ist der
Fremde gekommen, uni ihm einen großen Bankerott zu
melden".
„Dann hätte ihm Feilchenfeld in Schul' nicht mit einer
so heiteren Miene die Hand gereicht und zu Kiddusch ein¬
geladen".
„Ich will Euch was sagen", schrie ein geweckter, junger
Mann dazwischen, indem er die Pelzmütze unternehmend auf
die Seite schob, „es ist ein Schadchen und nächstens be¬
kommen wir von einem Maseltow zu hören".
„Ein Schadchen, das kann schon sein," pflichtete man,
den guten Einfall bewundernd, bei.
„Aber für wen? Die Jungen sind noch Kinder und Lea
ist auch erst fünfzehn Jahre alt".
„Nun was ist", rief eifrig eine ältere Frau, die mit
einigen anderen hinzugetreten war, um an die am Samstag.