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Der» Jugendfreund.
Novelle^aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Lohn-
19. Kapitel.
Bei Rosens nahm alles den gewohnten Fortgang, auch
der Professor war wieder erschienen, doch Herr Rosen hatte
sich vorgenommcn, diesen zu beobachten. Er sah gar wohl,
und das merkten alle, daß der Herr Professor schon längst
nicht mehr so froher Laune war. Vor allem aber berührte
es Erna eigenthümlich, daß dieser Professor ihr so oft ins
Auge schaute. Wo hatte sie doch schon dieser Blick ge¬
troffen ? Es that ihr Leid, daß etwas Geheimes den Herrn
Professor zu plagen schien, und sie, die liebevolle Person, sie
hätte gern ihn gefragt: „Was fehlt Ihnen?" doch sie erschrak
über den Gedanken, sich in die Angelegenheiten eines Fremden
zu mischen. Sie kannte ihn ja ebenso wenig, wie er sie,
fast noch weniger, und wie wäre sie auch je dazu gekommen,
sich für einen Fremden zu interessiren. Doch es fiel ihr
auf, daß der Herr Professor sie in letzter Zeit mehr als je
musterte und sie glaubte manchmal dem Gelehrten gegenüber
eine Dummheit begangen zu haben! —
Eines Abends war der Herr Professor wieder bei
Rosens, als diese Erna baten, etwas auf dem Klaviere zu
spielen.
Wissen Sie, liebes Fräulein", sagte Frau Rosen, „aber
etwas anderes, was ich noch nicht hörte".
Erna schlug die Flügel auf, schlug erst in ihrer Meister¬
schaft einige prächtige Akkorde an und trug dann ein Lied vor,
auf das alle gespannt lauschten.
„Möchten Sie nicht dasselbe auch singen?" fragte der
Herr Professor Erna.
„Nein", sagte diese, „ich mag cs nicht singen, denn
dieses Lied ruft schmerzliche Erinnerungen in mir wach.
Da erhob sich plötzlich der Professor und, ein Unwohlsein
vorschützend, empfahl er sich. Als er unten anlangte, schlug er
sich vor die Stirn, ja das Lied hatte ihn so mißgestimmt,
es klang ihm so bekannt, so bekannt, als ob jede Faser seines
Herzens eine Saite sei. auf der die Töne des Liedes so
mächtig wirkten und dasselbe im Ganzen erzittern mochte.
Erna war es ausgefallen, daß der Herr Professor so
plötzlich verschwunden war. Gefiel ihm denn nicht ihr Vor¬
trag, oder hatte sie ihn beleidigt, daß sie das Lied nicht
singen wollte. Der nächste Tag sollte ihr darüber Gewißheit
geben, denn sie fand es fast untaktvoll, daß der Professor
plötzlich verschwand. Was ging ihn denn das Lied an, daß
er es hören wollte, das Lied, dessen Text sie ja nur allein
kannte und das Keiner hören sollte.
Am nächsten Nachmittage kam der Herr Professor wieder.
Herr und Frau Rosen waren ausgegangen und Erna war
zum ersten Male allein. Da klingelte es, und der Professor
trat ein.
„Sie sind allein, Fräulein Stern?" fragte er sie.
„Nun, nicht ganz, die Kinder sind bei mir und Herr
und Frau Rosen wollten ja auch bald wieder kommen".
„Wissen Sie, werthes Fräulein", sagte der Professor,
„das gestrige Lied hat mir sehr wohl gefallen. Woher haben
Sie dasselbe? Ich spiele auch etwas und. möchte mir dieses
Lied gerne anschaffen."
„Das Lied?" fragte Erna erstaunt, während der
Professor sie musterte, „ist eigentlich noch ein Manuscript,
das ich schon viele Jahre von einer Jugendbekanntschaft
besitze."
„Wenn ich Sie bitten würde, mir den Text vorzusingen,
würden Sie mir meine Bitte erfüllen?
Einen Augenblick traf ihr Auge das seinige — dann
setzte sie sich an's Klavier und sang das Lied, das ihr einst
Joseph Walter ins Stammbuch geschrieben und auch selbst
komponiert hatte.
- Als sie zur Stelle kam: „O, bleibt Euch treu, denn
Eure Wege die lenket stets der ewige Hort", da zitterte ihre
Stimme merklich; aber nur einen Augenblick, dann klang es
immer leiser, leiser, bis alles still war. —
„Nun, Herr Professor", wandte sich Erna an Herrn
Joss, „wie hat Ihnen das Lied gefallen?"
Dieser selbst hatte nachdenklich sein Haupt in die Hand
gestützt. Sie hatte das Lied von einer Jugendbekannt¬
schaft?... Erna's Stimme schreckte ihn auf.
„Wie mir das Lied gefällt? Nun, sehr gut, es klagt
da jemand am Grabhügel seiner Mutter und bittet um Treue!
Wenn Sie, werthes Fräulein", wandte sich plötzlich der
Professor an Erna, „zurückdenken, könnten Sie auch um
Treulosigkeit klagen?"
Klang nicht die Stimme bekannt? — Nur nicht er, er
soll mich nicht im Elende sehen, dachte Erna, nicht wissen,
daß ich ihn beklage. Aber Herr Joss war ja stets so zuvor¬
kommend, ihm durfte sie schon manches erzählen.
„Nein", sagte sie, „ich wüßte nicht" und dabei blickte
sie zu Boden, — „daß ich hintergangen worden wäre".
„Wohl Ihnen", sagte er, „ich kann das nicht sagen".
Erna hörte gespannt zu. Wie gerne hörte sie ihn reden.
Doch, da er plötzlich abbrach, mußte auch sie schweigen.
Aber lange Zeit beschäftigte sie noch der Professor, als
er schon längst fort war. Warum wollte er noch einmal
das Lied hören, und wie wußte er überhaupt, daß diese
Melodie auch einen Text habe? Warum fragte er sie, woher
sie das Lied habe? Sollte Joseph, der ihr das Lied einst
verehrte, dieses weiter getragen haben? All' die Gedanken
bestürmten sie und gerade dieser Professor, hatte er nicht
mit Joseph die größte Aehnlichkeit? doch zwei Jahre waren
fast vergangen, sie irrte sich gewiß in dem Professor.
(Fortsetzung folgt.)
Mirjam.
Erzählung von Dr. I. Goldschmidt.
(Fortsetzung.)
„Lassen Sie, lieber Freund, es sich nicht gereuen, —
sagte ich — mir Ihr Herz geöffnet zu haben; die Mittheilung
eines edlen Schmerzes war noch immer von guten Folgen
begleitet. Meiner herzlichsten Thellnayme für Ihre Erleb¬
nisse können Sie gewiß fein, wüßte ich, daß ich im Stande
sei, zu Ihrer Aufheiterung etwas beltragen zu können, ich
wäre mit Freuden zu jedem Dienste bereit. Meine Hoffnung
für Sie wird aber — ich bin davon überzeugt — ohne
jedes fremde Hinzuthun sich verwirklichen. — Aber an Eines
gestatten Sie dem Freunde, dem religiösen Gewiffensrathe,
Sie zu mahnen: Ihre Bedenken bewegen sich alle nur um
den Einen Punkt, ob Sie wohl das Recht haben, glücklich
zu sein? Ich mahne Sie an die Kehrseite dieser Frage:
Haben Sie das Recht, Ihre — Mirjam unglücklich sein
zu lassen? Das Glück Ihrer Mirjam jetzt Ihrer Buße, Ihrer
Strenge gegen sich selbst, zum Opfer zu bringen? Ihre
Mirjam weilt noch im Hause des Vaters; sie harrt vielleicht
mit Sehnsucht des — geliebten Mannes. Sie wollen ent¬
sagen, um Ihre Schuld zu sühnen. Und der Preis Ihrer
Sühne sollte — das Lebensglück Ihrer Mirjam sein dürfen?"
Er bebte leise zusammen. „In dieser Weise habe ich
es allerdings noch nicht bedacht" — sagte er. —
So gerne ich noch bei dem Freunde geblieben wäre, —
ich mußte Abschied nehmen. Eine herzliche Umarmung,
ein warmer Kuß, ein kurzes, inniges Lebewohl, — und wir
trennten uns. —
Eben war ich an meine Wohnung angelangt, als ich
hinter mir eilige Schritte vernahm. Es war mein Freund,
den ich eben verlassen. Er schloß mich heftig in seine Arme.
— „Ich mußte Sie noch einmal umarmen, Ihre Mahnung
werde ich nicht vergessen — leben Sie wohl"! und ereilte
davon, noch bevor ich mich von meiner Ueberraschung erholt
hätte. Tief gerührt blickte ich dem edlen Menschen nach;
bald konnte ich ihn nicht mehr sehen und als auch seine