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Weiter ging ich und sah in ein hellerleuchtetes Stübchen
hinein, in welchem ein junger Mann stand, der ein blühendes
Mädchen im Arme hielt. Sie war seit heute sein liebes,
liebes Weib geworden. Jahrelang hatten sich beide bemüht
und geplagt, fremden Leuten gedient, um so viel zu erringen,
damit sie sich ein Heim gründen konnten.
So wie die Vögel ihr Nest sich banten, so hatten auch
sie Stück für Stück zusammengetragen. Lange, lange hatte
es gedauert, unverdrossen hatten sie gearbeitet, jetzt standen
sie am Ziel. Schmuck und sauber war's im Stübchen. Zum
ersten Mal brannten die Chanukkalichtchen. Doch traurig,
traurig sah der Mann auf die weinende Frau, die sich fest
an ihn klammerte.
Am Hochzeitstage Thrünen des Kummers? Ja, das böse
Papier auf dem Tische machte sie fließen. — Es war ein
Ausweisungsbefehl für ihn. Fort mußten sie, ihr mühsam
gespartes Gut verkaufen und hinausziehen, fremd in die Fremde.
Ich sah sie weinen, sah, wie die junge Frau mit Wehmuth
die Lichter betrachtete, die stets ihre Freude gewesen waren,
die sie an ihre Jugend, an ihre Eltern und Geschwister er¬
innerten.
Ich leuchtete in das Stübchen, sie bemerkte mich und
sagte zu ihrem Manne: „Sieh, derselbe Mond wird uns auch
draußen leuchten ans dem großen Weltmeere und in unserer
neuen Heimath, der bleibt ja immer derselbe. So wird auch
Gott mit uns sein und uns ebenso dort helfen, wie hier."
So sprach sie. Gerührt und erfreut darüber küßten meine
bleichen Strahlen ihre Augen, die in Thränen leuchteten, ihr
aber küßte ihr Wangen und Mund.
Es giebt ein Glück, das kein Gesetz, keine Macht der
Welt zerstören kann. —■-— — — —-
- te sollten die Heimath verlassen, hatten sie denn eine
Heimath? Schon seit Jahrtausenden geleitete ich das Volk,
erlebte ihre wechselnden Schicksale, sah, wie sie gekämpft und
gerungen hatten, ein kleiner Haufe gegen mächtige Reiche, die
rasch emporblühten, deren Siege zahlreich waren, die einige
Zeit die Weltherrschaft an sich rissen und dann untergingen.
Alle hatten sie das kleine Völkchen unterdrückt, gepeinigt
und beinahe ausgerottet. Schon in alter Zeit waren es die
Aegypter, die Assyrer, Babylonier, Griechen und Römer. Was
für schreckliche Verfolgungen erlitten die Juden unter muha-
.medanischer und christlicher Herrschaft. Wie grausam wüthete
die Inquisition in Spanien, wie blutig wurden ne in Deurch-
land verfolgt, da die Pest, „der schwarze Tod," Tausenden
dos Leben kostete. Wo sie hinkamen, wohin sie ihr müdes
Haupt legen wollten, wurden sie verhöhnt, verspottet und
getödtet.
Was hielt eigentlich die kleine Menge aufrecht, was stärkte
ihr Bewußtsein, was ließ sie stark sein und festhalten an den
Gesetzen der Väter.
Sie waren zerstreut in alle Welt und hatten keine Hei¬
math, und doch waren und sind sie eins. Sie sind es durch
den Glauben. Der hohe, ideale Grundsatz auf dem ihre Re¬
ligion beruht, der Glaube an beit einig einzigen Gott, das
Streben nach geistiger Vervollkommnung hatte sie schon früh
hochgestellt. Die wahre Frömmigkeit, das Gottvertrauen stützte
sie. Nicht durch die Menge ihrer Anhänger, sondern durch
die geistige Macht errangen sie sich Siege. Endlich hatten
sie sich einen würdigen Platz in der menschlichen Gesellschaft
erobert. Männer, ausgezeichnet durch wahre Bildung, echte
Humanität und tiefe Gelehrsamkeit waren aus der Mitte der
Juden hervor gegangen, die sie nach außen hin vertraten, die
ihnen den Weg ebneten und sie als gleichberechtigte Mitglie-,
der einführten. Sie konnten Tbeil nehmen an den Bestrebun¬
gen der Völker, in deren Mitte sie lebten. O, möchten sie
sich im Glücke so treu bewähren, wie sie sich groß und stand¬
haft im Unglück und Elend gezeigt hatten.-— —
III.
So denkend bewegte ich mich rascher vorwärts. Viele helle
Fenster, viele lachende, fröhliche Gesichter sah ich, doch ich
mußte eilen. Vielen sollten noch heute meine Strahlen zum
Trost und zur Ermunterung dienen. Meinen Freund, den
alten Rabbi, dem ich stets ein Weilchen am Abend zusehe,
wie er über den Talmud gebückt dasitzt und eifrig lernt, ver¬
misse ich schon seit einigen Tagen. Ich sah in sein Studir-
stübchen, alles dunkel. — Nebenan in feinem Schlafzimmer
brannten die kleinen Chanukkalichtchen in einem altsilbernen
Behälter. Er selber lag krank und schwach im Bette. Seuf¬
zend legte er das Buch weg, in welchem er gelesen hatte, und
sann nach. Ach, er war müde, todtmüde der arme Greis.
In seiner Jugend hatte er Noth und Entbehrung ge¬
litten, um seinem Studium treu zu beiden.
Nach unsäglichen Mühen gelang es ihm. Eine kleine
Gemeinde nahm ihn als Seelensorger auf. Hier arbeitete,
hier sorgte er für sein treues Weib, für seine unmündigen
Kinder. Sie sollten alle lernen und etwas werden, das war
sein Streben. Er entbehrte alles, um es für ihre Ausbil¬
dung zu verwerthen. Anfangs schien es, als würde der Herr
sein Werk segnen. Zwei seiner Söhne nahmen ehrenvolle
Stellungen als Aerzte ein. Sie waren, der Stolz des Vaters.
Da kam der Krieg und er mußte sie ziehen lassen. Was er
da gelitten hatte, sein Muth, sein Gottvertrauen schwankte,
denn rasch nach einander trafen die Anzeigen ein, die ihren
Tod meldeten. Sie ruhten in feindlicher Erde, von Feinden
getödtet, geschmückt mit dem eisernen Kreuz. — Die Mutter
konnte der Kinder Tod nicht überleben, sie folgte ihnen, und
er blieb allein mit einem einzigen Sohn.
Der Sohn war sein Glück. Auch von ihm trennte er
sich, um seine Psticht zu thun und ihn lernen zu lassen.
Während die beiden Andern auch draußen so gehandelt hatten,
wie es recht war und nie den Glauben ihrer Väter verleugnet
hatten, war der Jüngste leichtfertiger in seinen Ansichten
und bewegte sich in Kreisen, deren Mitglieder die äußeren
Formen der Religion für veraltet hielten und sie verspotteten.
Der Greis sah es, er war ein rechter Vater und konnte in
der Seele seines Kindes lesen. Oft hatte er ihn zurechtge¬
wiesen, doch erfolglos. Heute soll e er kommen. Er fühlte,
daß er sterben müsse und wollte noch einmal den Sohn sehen^.
den er abgöttisch liebte.
Der Sohn hatte seine Assessorexamen bestanden und saß
mit seinen Freunden beim fröhlichen Abendschmaus, als ihm
die Nachricht von seinem Vater überbracht wurde. Er eilte
zu ihm. —
Hell und licht wurde das Zimmer, als der junge Mann
eintrat. Die Augen d^s Greises leuchteten und mit schwacher
Stimme lud er den Sohn ein, sich zu ihm zu setzen. „Mein
Sohn sagte er, indem er die zitternden Hände auf den Scheitel
des jungen Mannes legte, ich segne Dich und erstehe vom
ewigen Vater alles Glück und alle Wonne für Dich herab.
Mögest Du mit allen Erden- und Himmelsgütern gesegnet
sein. Doch nur dann, wenn Du dem Glauben Deiner Väter
treu bleibst, für den sie gekämpft und gerungen haben. Höre
mich und bleibe fest, dann wird mein Segen sich erfüllen, er
wird jedoch zum Fluche, wenn Dein Herz andere Wege wan¬
delt. Versprich mir, Jude zu sein im wahren Sinne 'des
Wortes, innerlich und äußerlich, gestählt durch wahren Glau¬
ben und echtes Gottvertrauen. Der Sohn legte die Hand^
in des Vaters Rechte und gelobte ihm, sein Wort zu halt^W
Mit fast brechender Stimme rief der Greis: „Höre
Israel! der Ewige ist ein einig-einziger Gott." Der Sohn
vereinte sein Bekenntniß mit dem des Vaters voller Inbrunst
und tiefem Gefühls. Als das letzte Wort verhallt war, sank
der Greis zurück und war todt. — Das Seelenlicht des Vaters
war erloschen, um von Neuem im Herzen seines Sohnes auf¬
zustammen. --—--—