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Noch immer weilte ich bei dem Rabbi und seinem Sohne,
als ich plötzlich durch ein, auf der Straße führendes Gespräch
aufmerksam gemäht wurde, dem ich lauschte. Zwei junge
Männer sprachen lebhaft mit einander, indem sie langsam die
öde Straße hinabschritten. Sie waren eben aus einer Gesell¬
schaft gekommen. Die feinen Lackstiefel knirschten im Schnee
und einer der jungen Leute hielt ein kleines Bouquet in der
Hand. —
„Was sagst Du nur Anton," sagte Assessor H. zu sei¬
nem Freunde, indem er mißmuthig den kleinen Strauß auf
die Erde warf, „ist es nicht eine Lächerlichkeit von Madame
M-, uns zu Ehren einen Weihnachtsbaum anzuzünden? Sie
hofft dadurch, sich den Anstrich einer gebildeten, sreidenkenden
Dame zu geben, ladet sich eine Gesellschaft ein, um zu zeigen,
daß sie, die Semitin vom reinsten Wasser, ihrem Glauben
untreu wird. Es macht doch einen zu komischen Eindruck,
wenn man die von Brillanten strotzende Frau des Parvenü's
mit den gebildeten Töchtern und den blasirt scheinenden Söh¬
nen, die einmal Staatsstellungen einnehmen sollen, beobachtet.
Ekelhaft ist dieses Gebühren, diese zuvorkommende Liebens¬
würdigkeit, diese Zudringlichkeit. Ich hasse sie immer mehr
und mehr, diese Juden." „Man muß sie haben," sagte resignirt
der andere. „Am Abend macht man den Damen zweideutige
Complimente, an andern Morgen pumpt man den Vater an
und trinkt mit dem Sohn seinen Schoppen, den man sich in
aller Freundschaft selbstverständlich bezahlen läßt. Sie machen
sich eine Ehre aus unserm Kommen und wir ersparen ein
Soups. Man muß praktisch sein, wenn man arm ist, nnd
der Rehbraten schmeckt ebenso ki Gevatter „Knoblauch ', als
in unserm Restaurant." So unterhielten sich die jungen Leute,
während Banquier M. mit Frau und Kindern in einem der
leergewordenen Salons saßen. „Ach, seufzte die kleine, dicke
Dame und wischte sich mit einem seinen Spitzentuch die nasse
Stirn, Gott sei Dank, daß die Gesellschaft vorüber ist, man
hat als Wirthin doch zu viel Pflichten. Reden werden sie
noch lange von unserer Gesellschaft," setzte sie wohlgefällig
lächelnd ihre Rede fort, „so schön, . so reich war es noch
nirgends gewesen. Wie erstaunt waren alle, als der Baum
hereingebracht wurde es war doch eine zu gute Idee. Haben
wir doch nun auch Chanukka gefeiert." „Mama, wie kannst
Du nur die Taktlosigkeit begehen und dem Assessor sagen, daß
wir ein Fest haben, von dem ich nichts weiß. Wie ich mich
heute blamirt habe," ries die Tochter gekränkt aus. „Er bat
mich um Aufklärung und ich konnte nichts sagen. Wie pein¬
lich war das, Du allein hast Schuld daran. Warum hast
Du uns mit den religiösen Festen und Bräuchen nicht bekannt
gemacht, warum hast Du uns nicht die Bedeutung derselben
gesagt? Nun Hab' ich mir eine solche Blöße geben müssen."
^pßer Gott, jetzt machst Du mir noch Vorwürfe," schrie
Mutter dazwischen, „laß ich Dir nicht genug Stunden
geben, kostet es denn nicht genug Geld. Ich opfere alles,
damit Du eine gediegene Erziehung erhältst."
„Regt Euch nicht unnütz auf," fiel der junge Mann ein,
und setzte nachlässig seinen Kneifer aus, den er mit großer
Sorgfalt vorher geputzt hatte, „das sind Bagatellen. Mama
wird es doch einmal nicht lassen, sie kann doch nicht anders
sein, als jüdisch, soviel Mühe 'man sich auch giebt, es ihr ab-
zugewöhnea." „Du hast Recht, stimmte die zärtliche Tochter
bei. Gute Nacht, oüor papa, chere maman, hoffentlich ist
diesmal die letzte Unvorsichtigkeit geschehen. Tröstet Euch,
der Assessor vergißt es gewiß." — Die netten Kinder verließen
hiermit das Zimmer. Der Vater aber holte rasch den Cha¬
nukkaleuchter herbei und zündete die Lichter, während die
Mutter bitterlich weinte. Beide fühlten sich recht, recht un¬
glücklich, sie dursten nur heimlich die Gesetze halten, den alten
Gewohnheiten treu bleiben, denn sie fürchteten den Spott und
Hohn ihrer gebildeten, aufgeklärten Kinder.
Arme beklagenswerthe Eltern. Lange saßen sie stumm
bei einander und starrten auf die kleinen Lichtchen. Dann
sagte der Mann: „Es ist doch zu schwer, mit der Zeit mit¬
zugehen und tolerant zu sein."
Ich entfernte mich, denn der junge Tag kam im Osten
herauf und sollte bald an meine Stelle treten. Gerne hätte
ich ihnen zugerufen: „Höret mich, Ihr Verblendeten, Ihr
Leichtsinnigen, Ihr Traurigen und Unglücklichen, Ihr Reichen
und Ihr Armen! Zündet die Lichter und erinnert Euch des
Volkes, aus dem ihr stammt. Wollet nichts anderes sein als
Juden, als edle, rechtlichdenkende und bescheidene Menschen,
dann werdet Ihr glücklich sein. Tretet nicht heraus aus
Euren Kreisen, suchet nicht das Glück außen zu finden, son¬
dern findet es i n Euch, in dem Bewußtsein treuerfüllter Pflicht
und wahren Glaubens. Dann werden Euch die Lichter, die
Ihr zündet zur Freude, zum Glück, zur Ermuthigung und
zum Tröste leuchten." — Sprach's und verschwand.
Zur Geschichte der Familie Rothschild.
Das Londoner Journal „Jewish World" brachte jüngst
eine Mittheilnng über die Herkunft des Namens „Rothschild",
welche von einem mit der Sache augenscheinlich mehr be¬
kannten Correspondenten der „Times" einen kleinen Commen-
tar erfährt. Derselbe bemerkt, daß der Nachweis über die
Abstammung und Geschichte der großen Rothschild'schen Fa¬
milie mit Sicherheit nicht weiter als auf Amschel Moses
Rothschild, welcher 1754 starb, zurückgeführt werden kann.
Unzweifelhaft muß dieser ein für seine Zeit angesehener Mann
gewesen sein, da er in eine der ältesten Familien in Frank¬
furt, Namens Lechnich, heirathete, ein Name, welcher schon
1868 in den bürgerlichen Urkunden in Verbindung mit finan¬
ziellen Angelegenhe ten des Gemeinwesens gebracht wird, wie
aus Schudt's „Jüdischen Merkwürdigkeiten" (Seite 18 des
Anfangs) hervorgeht. Amschel Moses war der Vater von
Meyer Amschel Rothschild (geboren 1743, gestorben 1812),
dem Gründer des Bankhauses in Frankfurt. Weiter ist nicht
viel mehr von seinem Leben nnd seinem Wirken bekannt. Als
die Judengasse am 14. Januar 1711 bis auf den Grund
niederbrannte, wurden die meisten öffentlich n und amtlichen
Urkunden. wie Gebnrrs- und Sterberegister rc., zerstreut und
uns diesem Grunde ist nicht viel mehr vorhanden, was von
der Zeit vor der Fenersbrunst Kenntniß geben könnte, aus¬
genommen das Melnor-Buch und die Grabsteine auf dem
alten Friedhofe, welcher bereits im 13. Jahrhundert bestand
und dessen älteste Grabsteine die Jahreszahl 1272 tragen, wie
vr. Horwitz in seinem „Frankfurter Rabbiner" (Heft 1. u. II.)
nachweist. Im Jahre 1632, zur Zeit des dreißigjährigen
Krieges, wurde von dem, der Frankfurt zu jener Zeit okknpirt
hatte, den Juden eine Steuer auferlegt, resp. sie wurde zur
Hälfte der römisch katholischen Geistlichkeit, zur Hälfte den
Juden auferlegt. Isaak den Elchanan Rothschild, der an der
Spitze einer der fünf Gruppen der Inden stand. welche die
Steuer zahlten, starb nach dem Memorbnch i. 1.1651. Isaak
und sein Vater mögen möglicherweise die Voreltern der Fa¬
milie gewesen sein, die die früheste Nachricht von einer Persön¬
lichkeit dieses Namens um etwa 1560 erweisen, wenn wir
annehmen, daß Elchanan Rothschild bei seinem Tode ein
ältlicher Mann gewesen sein muß, da er zu den Aeltesten
und Vorstehern der Gemeinde zählte. Dr. Levhsohn, welcher
in seinem Besuche„Nafschaus Zadikim" (1855) den Grab¬
stein des Rabbi Menachem Mendel Rothschild, welcher 1732
in Worms starb, beschreibt, giebt an, daß dieser in gerader
Linie ein Nachkomme von Isaak Rothschild war, des Vor¬
vaters von, wie wohl anzunehmen ist, zwei Rvthschild'schen
Zweigen. Boas Raphael Rothschild war ebenfalls ein Nach¬
komme nnd er veröffentlichte das Werk „Ani belew jom",
(Fürth 1766.) Wenn er von seiner Familie spricht, bemerkt
er in Bezug auf Isaak Rothschild: „Migesa hajichus
umidaus ascher meaulom ansche haschem" zu deutsch:
„Abstammend aus bevorzugter Familie, welche Eigenschaften
'besitzt, die sie von jeher zu ruhmreichen Männern machte",
woraus klar ersichtlich ist, daß die Rothschild'sche Familie be-