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nehmen alle Postanstalten und
Buchhandlungen an.
Preis vierteljährlich !! 1 k Ngr.
!rmmndr und Rrhulr^ InnunüM und
Herausgegeben Vvn I. HMgrnslrw in Ingelheim,
bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt".
Aaserat«
sind an die Verlagshandlnng von
Joh. Friedr. Hartknoch in Leipzig
zu senden.
Preis der S gesp. Zeile 2 Ngr.
No. 25.
Leipzig, den 23. Juni.
1874.
3 n kl a k t:
Votum des Lehrercollegiums der Hochschule für die Wissenschaft des
Judenthums in Berlin. — Aus dem Mai-Berichte der ״Allianz".
— Correspondenzen: Breslau, Württemberg, Stuttgart, Alzey,
Aus Süddeutschland. — Rundschau. — Feuilleton: Vom ehe-
maligen Aufenthalte der Juden in Nürnberg (Schluß). — Anzeigen.
Votum
des Lebrercokkegiums der Kockfcknke für die Wissenschaft des
Iudentkmms in Kerkin.
Der verehrliche Ausschuß des deutsch-israelitischen Ge-
meindebundes hat uns am 10. April aus Veranlassung der
Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhause über die
bekannte Lasker'sche Resolution die Frage vorgelegt:
״Ist es wahr, daß die bei Einzelnen, oder Gruppen,
innerhalb des Judenthums hervorgetretenen Verschiedenheiten
der religiösen Ansichten, besonders über Cultus und Ritualien,
sich derart zu bestimmten, getrennten Confessionen gestaltet
haben, wie die Verschiedenheiten der Richtungen innerhalb der
christlichen Religionen sich zu gesonderten Confessionen, wie
Katholicismus, Protestantismus, Reformirte rc., formulirten
und vom Staate, im Sinne des Gesetzgebers, als solche selbst-
ständige Confessionen betrachtet werden?"
Wir haben diese Frage in gemeinschaftliche Erwägung
genommen und theilen das übereinstimmende Ergebniß dieser
Erwägung dem verehrlichen Ausschuß mit, indem wir dem-
selben anheimgeben, von dieser unserer Antwort den geeignet
scheinenden Gebrauch zu machen, insonderheit dem preußischen
Abgeordnetenhaus gegenüber.
Die uns vorgelegte Frage ist unbedingt zu verneinen.
Sowohl die innere Gestaltung des Judenthums, wie sie sich
auf der Grundlage der heiligen Schriften im Lause der Zeit
entwickelt hat, als auch die thatsächlichen Zustände der Gegen-
wart, führen den Beweis dafür, daß ein Vergleich der inner-
halb des Judenthums hervorgetretenen Differenzen mit den
Verschiedenheiten, welche im Christenthum zu gesonderten Con-
fessionen geführt haben, durchaus unstatthaft ist. Jene Diffe-
renzen sind mit diesen Verschiedenheiten incommensurabel, und
die Verkennung des gegenseitigen Verhältnisses müßte in der
Beurtheilung jüdischer Zustände zu falschen Ergebnissen führen.
Die Lasker'sche Resolution ist dadurch veranlaßt worden,
daß die im Judenthum hervorgetretenen Differenzen als con-
fessionelle aufgefaßt wurden. Es gibt aber keine confessionelle
Differenzen innerhalb des Judenthums. Denn die Zugehörig-
keit zum Judenthum erwächst nicht aus einer Confession, d. h.
einer ausdrücklich übernommenen Verpflichtung zur Bekennung
gewisser Glaubensgrundsätze. Der im Judenthum Geborene
und darin Verbliebene hat in keinem Moment feines Lebens
von Seiten seiner Religion eine Veranlassung, geschweige
denn eine Nöthigung, ein Glaubensbekenntniß abzulegen. Der
Begriff ״Bekenntniß" im eigentlichen Sinne als die Summe
derjenigen fest bestimmten religiösen Wahrheiten, von deren
Anerkennung der Eintritt in eine religiöse Gemeinschaft und
die Zugehörigkeit zu derselben abhängig gemacht wird, ist dem
Judenthum so fremd geblieben, daß die hebräische Sprache,
in welcher nicht blos die heiligen Schriften, sondern auch der
größte Theil der späteren religiösen Literatur abgefaßt ist, für
den genannten Begriff kein Wort ausgeprägt hat. Der Ver-
such desjenigen Mannes, der als eine hohe Autorität im
Judenthum anerkannt ist, des Maimonides, eine gewisse Zahl
von religiösen Lehren als Glaubensartikel hinzustellen, hat
heftigen Widerspruch erfahren und ist ohne praktische Folgen
geblieben.