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Ganz anders verhält es sich bekanntermaßen mit den
Verschiedenheiten, welche in der christlichen Religion zu ge-
sonderten Confessionen gesührt haben und die ja auch in der
Geschichte der christlichen Kirchen ihre Begründung finden.
Wer in das Christenthum eintritt oder wer vom Katholicis-
mus zum Protestantismus, oder umgekehrt, Übertritt, hat ein
ganz bestimmt formulirtes Glaubensbekenntniß abzulegen,
welches eben die Verschiedenheit der Religion, von der er
austritt, und derjenigen, in die er eintritt, charakterisirt.
Das bisher Gesagte dürfte hinreichen, um klar zu legen:
a) wie falsch es ist, Differenzen, die im Judenthum her-
vorgetreten find, als confessionelle zu bezeichnen, und sie daher
den Verschiedenheiten, welche die christlichen Confessionen trennen,
analog zu stellen;
b) wie die ״confessionellen Bedenken", von denen die
Lasker'sche Resolution spricht, überhaupt keine Existenz haben
können.
Darin, daß confessionelle Differenzen dem Bewußtsein
der Juden vollständig fremd find, liegt auch die Erklärung
einer Erscheinung, welche selbst wieder die Richtigkeit unserer
Ausführung bestätigt.
Die jüdischen Gemeinden haben trotz der in ihnen her-
vorgetretenen Differenzen keinerlei Neigung gezeigt, sich in
confesfionell getrennte Theile zu spalten. Das Gesetz vom
23. Juli 1847 bietet in seinem § 53 zu einer derartigen
Theilung die Handhabe; aber nicht eine einzige jüdische Ge-
meinde im preußischen Staat, hat im Laufe der 26 Jahre
der Gültigkeit dieses Gesetzes von dem § 53 Gebrauch ge-
macht. Es hat sich nirgends eine jüdische Gemeinde auf Grund
eines besonderen Bekenntnisses gebildet. Allerdings haben sich
einzelne jüdische Genossenschaften innerhalb der Gesammtgemein-
den zur Erhaltung oder Herstellung ihnen besonders zusagender
Formen des Cultus und gewisser Ritualien zusammen gethan.
Aber wenn solche Erscheinungen eine confessionelle Trennung
einschlössen, so hätten bei der Bildung solcher Genossenschaften
diejenigen Glaubenssätze, in denen sie sich von den anderen
Gemeinden unterscheiden, bestimmt sormulirt werden müssen;
es Hütte Jeder, der in eine solche Vereinigung einzutreten
verlangte, um seine Zustimmung zu diesen Sätzen befragt und
davon seine Aufnahme in die Gemeinschaft abhängig gemacht
werden müssen. Von alle diesem ist nichts der Fall, weil es
eben unter Juden nicht der Fall sein kann. Daher — um
nur einen für das praktische Leben und den Staat wichtigen
Punkt anzuführen — wird bei Schließung von Ehen die
Frage, ob die Braut oder der Bräutigam dieser oder jener
jüdischen Genossenschaft angehöre, gar nicht in Betracht ge-
zogen.
Wo eine Anzahl von Gemeindemitgliedern an einer be-
stimmten Form des Cultus festhalten zu müssen glaubte und
ihnen die Abwehr jeder Aenderung in der Form des religiösen
Lebens eine Gewisienssache war; wo sie zu den eben bezeich-
i neten Genossenschaften zusammengetreten sind, da haben sie
| stets ein Geldopfer weniger gescheut, als einen Riß in die
j Einheit des jüdischen Gemeinwesens, von dem — wie gesagt
I — sie sich durch confessionelle Differenzen nicht geschieden
: fühlten. Zu einer billigen Ausgleichung einer hieraus erwach-
! senden Mehrbelastung sind schon verschiedene, auch in der
l Denkschrift des israelitischen Gemeindebundes berührte Vor-
! schlüge gemacht worden, auf welche einzugehen nicht unsere
! Ausgabe ist.
! So glauben wir denn schließlich aussprechen und auf
; Verlangen bezeugen zu können, daß thatsächlich heute inner-
halb des Judenthums keine Differenz besteht, die zur staat-
lichen Anerkennung verschiedener jüdischer Confessionen Veran-
! lassung geben könnte,
j Berlin, den 5. Mai 1874.
; Das Lehrercollegium der Hochschule für die Wissenschaft des
! Judenthums in Berlin.
ן gez. Geiger. Cassel. Lewy. Steinthal.
! Aus dem der ״Allianz".
| 1. Die Schule zu Adrianopel zählt 113 Schüler
!(darunter 75 zahlende). Die zu Bagdad hat ein monatliches
Defizit und wird daher einige ihrer Lehrer entlassen müssen.
Man sucht in dieser Stadt die Auswanderung nach Brittisch
Indien zu befördern, wo schon fast 3000 meist aus Bagdad
stammende Juden in guten Verhältnissen wohnen. Man müßte
zu diesem Ende das Erlernen der englischen Sprache in den
Schulplan aufnehmen und einen Lehrer aus Bombay kommen
lassen. — Die Allianz beschließt, die Ansicht des ״jüdisch-
englischen Vereins" einzuholen. — B elgrad, die serbische
Hauptstadt, Zählt 25,000 Einwohner, darunter 1000 Juden;
von hen 200 jüdischen Familien sind 160 arm und bedürfen
der Unterstützung der Gemeinde; von 200 schulpflichtigen
Knaben besuchen 160, von 220 Mädchen nur 60 die beiden
Schulen, was daher kommt, weil die Kinder der Armen schon
mit dem 7. oder 8. Jahre angehalten werden, als Dienende
ihr Brod zu verdienen. Die Schulen bedürfen der Reorga-
nisation und eines Lehrers, der spanisch spricht, welches die
Sprache der dortigen Juden ist. — In Larache (Marocco)
herrscht eine so bedeutende Handelsthätigkeit und der Hafen
ist von so vielen Fremden besucht, daß es noch nicht gelungen
ist, eine paffende Localität für die Schule zu finden. Der
ftanzösische Consul ist der Noth abzuhelfen mit bemüht. —
Seres (in der Türkei) hat 30,000 Einwohner, deren Mehr-
zahl griechisch-katholische Christen sind; die Judengemeinde
zählt 350 Familien; von den 300 schulpflichtigen Kindern