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Lebensalter in der jüdischen Literatur. Von philo-
sophischem, rechts-, sitten- und religionsgeschichtlichem
Standpunkte betrachtet. Von Leopold Löw (Preis
5 Gulden ö. W.) Szegedin 1875, Druck von Sigmund
Burger's Wwe. Selbstverlag des Verfassers. (XI., 460 S.
Octav.)
Man muß den Verfasser gesehen und gehört haben,
um dies Werk in seinem ganzen Werthe erst recht würdigen
zu können. Es ist die ganze, markige Gestalt, in körperlicher
und geistiger Kraftfülle, wie wir unter den Juden unserer
Zeit nicht eine einzige kennen, die sich in dem Werke von so
vielseitigem Gehalte und Werthe aussprechen. Der entschie-
dene und klare, tiefdenkende und mit einer ganz beispiellosen
Belesenheit, mit einer ebenso innigen als vielseitigen, wahr-
Haft zündenden Beredtsamkeit ausgerüstete Gelehrte reiht hier
an die Lebensalter ein Material an, das studirt werden muß,
um seinen halachischen, rechts- und religionsgeschichtlichen,
Werth beurtheilen zu können. Was packt uns denn so außer-
ordentlich bei den Reden und Schriften von Männern dieser
Art? Wir haben uns diese Frage sehr oft vorgelegt, insbe-
sondere daruin, weil wir sie eben fast ausschließlich bei jü-
dischen Gelehrten finden. Es ist eben der Studiengang, den
diese Männer der Uebergangsperiode zu machen hatten, der
ihrem ganzen Sein und Leben, ihrem Sprechen und Schreiben
den Siegel aufdrückt und sie ganz anders erscheinen läßt, wie
viele andere, gelehrte und schreibende Menschenkinder. Es ist
Etwas von Autodidaktik und der Unermüdlichkeit, der geistigen
Energie des Juden, von dem Drange sich auszusprechen —
dem Volke, und nicht vor den Gelehrten oder auf dem Ka-
theder zu sprechen, wie andere ihrer Geistesgenossen. Da
haben wir in solchen Schriften in diesem Augenblicke den
Philosophen Löw, — den elastisch gebildeten Denker und
schon ist der Rabbi Löw der Talmudist und Kasuist im
Anzuge, der mit Talmud und Poskim um sich wirft, daß nur
die Funken sprühen. — Dann kommt der Literarhistoriker
und der Geschichtsforscher, dem die neue und alte Geschichte
bekannt, der die Psychologie, die Pädagogik, die Rechtswissen-
schüft studirt hat — und in den Kahalsstuben bekannt ist,
als wäre Alles in seiner Studirstube geschehen.
Daß ein solches Werk im Selbstverläge erscheinen mußte!
Wird das jüdische Publicum dem Manne den verdienten
Ehrensold geben? Wird das Buch eine Verbreitung finden,
wie es sie verdient? Bemühen wir uns, so viel wir das
im Stande find, ein kurzes Bild von dem reichen Inhalte zu
geben.
Zuerst spricht der Verfasser von der Art, wie die Lebens-
alter unter den verschiedenen Völkern eingetheilt worden sind
und kommt dann auf das Judenthum in alter und neuer
Zeit, in den verschiedenen Lebens- und Literaturepochen. Er
geht dann über auf die Behandlung, die die Juden ihren
Angehörigen in den verschiedenen Lebensepochen angedeihen
ließen und verfolgt so das Leben des Menschen vom Embryo
bis zum Tode, indem er überall die Halacha, pädagogische
Sentenzen, Poetisches, Gesundheits- und Lebensregeln aus
dem jüdischen Schriftthume aufführt. Eingestreut sind wich-
tige Abhandlungen über streitige Objecte, so über die Lösung
der männlichen Erstgeburt, die Mündigkeit oder Großjährigkeit
Katon und Ketanah, Mmn, die rituellen Collegien, die Barmiz-
wah-Jnstitution und Confirmation. Von hohem Wissenschaft-
lichen Interesse ist noch das Alter biblischer und talmudischer
Persönlichkeiten u. A. m.
So der Inhalt dieses bedeutenden, interessanten
Werkes. Wir empfehlen dasselbe allen Freunden anregender
und geistesnährender jüdischer Literatur aufs Wärmste und
sind gerne bereit, die Vermittlung bei Beziehung desselben zu
übernehmen.
Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher
Vorträge, herausgegeben von Rudolph Virchow und Fr.
von Holtzendorff. (Berlin, C. G. Lüderitz'sche Verlags-
buchhandlung.) IX. Serie.
Heft 206. Ueber das Salz in seiner culturgeschichtlichen
und naturwissenschaftlichen Bedeutung, von Dr. I. Möller.
Heft 207. Despotismus und Volkskraft. Eine Göthesche Con-
fession, von vr. Franz Cramer. Heft 208. Die Sternschnuppen
und ihre Beziehungen zu den Kometen, von vr. G. von
Boguslawski. Heft 209. Die Gifte als bezaubernde MachL
in der Hand des Laien, von vr. C. Ed. Pfotenhauer, ord.
Prof, in Bern. Heft 210. Ueber electrische Fische, von vr.
Franz Voll. Heft 211. Das Heirathen in alten und neuen
Gesetzen, von vr. I. Baron.
Deutsche Zeit- und Streitfragen, Flugschriften zur
Kenntniß der Gegenwart, herausgegeben von Fr.- von Holtzen-
dorff und W. Oncken. Ebendaselbst. Heft 41. Die Börse
und die Gründungen rc., von vr. Carl Gareis. Heft 42. Anti-
Kliefoth oder die gefährlichste Reichsfeindschaft, von M. Baum-
garten. Heft 43. Die forstliche Unterrichtsfrage, von vr.
Richard Heß.
Vermischtes.
Die polnischen Israeliten, berichtet ein Correspondent der
״Jewish World", sind bekannt wegen ihres Witzes und ihrer
scharfsinnigen Antworten. Unlängst traf ein solcher einen Lands-
mann, welchen er vor etlichen Jahren schon in Hüll kennen
gelernt hatte. Er redete ihn sofort an, in der Absicht, die
alte Freundschaft aufzufrischen. Zu seinem Erstaunen vernimmt
er, daß sein intimer Freund und sehr indifferenter Jude ein eif-
riger Christ geworden ist; noch mehr, er ist auf's eifrigste
bemüht, auch ihn dem neuen Glauben zuzuführen; er sagt ihm,
was für ein herrliches Leben er führe und — wie gut die
Sache bezahlt wird. Der jüdische Pole ist nicht zu überzeugen.
Scherzweise antwortete er dem Judenchristen: ״Sieh einmal
Mosche: Als ich allein Geschäfte machte, waren sie leidlich
gut; als ich's aber mit einem Compagnon versuchte, schlugen
sie fehl. Nun halte ich mich an Gott, und ich denke, da wird
es recht werden; ich weiß aber gewiß, wenn ich mit ״Gott
und Cie." anfange, wird mir's wieder fehl schlagen". Der
Correspondent von ״Jewish World" fügt hinzu: Es ist wahr,
die Antwort ist durchaus nicht würdig; wir können sie nicht
loben. Verschlagenheit und gesunder Verstand ist aber daraus
zu erkennen. Einem wahren Christen hätte der Jude solche
Derbheiten gewiß nicht gesagt. Er war nur Folge des An-
träges von diesem Heuchler, welcher ihm zumuthete, seinen
Glauben des schnöden Gewinnes wegen zu verkaufen.
Einnahme der Nckmwa im November 1874.
I. Spenden: Von Herrn vr. E. Neubürger in Frankfurt a. M.
am Jahrestage seines Vaters fl. 5. — Frau Phil. Bonn in Frank-
surt a. M. zum 31. October st. 10. — Von Herrn I. Dreyfuß-
Jeidels und Gustav Cassel in Frankfurt a. M. fl. 5. — Durch Herrn
S. Tiefenbronncr in St. Johann gesammelt beim Aufrufen zur Thora
fl. 47. 41. — Ungenannt zum 6. Kislew fl. 1. — Durch Herrn
Lehrer Werthheimer in Alzey von Herrn Lehrer Buchenheimer in
Kirchheim an dessen Hochzeitstage fl. 8. 45. — Von Herrn Simon