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DIE L O G E N S C H W E S T E R
Er uns leuchten lasse Sein Antlitz und uns Frieden gebe.
Es war die Sehnsucht der Juden und ihre Bitte, daß ein
jeder im Frieden möge sitzen unter seinem Weinstock und
unter seinem Feigenbaum. Der Friede nach den vielen
schweren Kriegen und Leiden in Israel war gedacht als ein
positives Gut, als ein Aufhören von Streit und Unruhe, als
eine Versöhnung, die die Seelen befreit von niederdrückcn-
den Gedanken und Empfindungen. Eine Richtschnur bei
strittigen Betrachtungen und Entscheidungen war das an¬
gewandte „Mipne darke Scholaum“, um der Wege des
Friedens willen. Das ist nicht gemeint, wie wir so einfach
sagen, um des lieben Friedens willen, sondern um der Ge¬
rechtigkeit willen, um der Billigkeit willen für den An-
»ruch des andern. Schon im hebräischen Wort „Scholaum“
(Tr lickt sich der Doppclwert seiner Bedeutung aus.
„Scholaum“ Frieden heißt auch „scholaim“, „vollkommen“.
Den Frieden in seiner vollkommenen Gestalt, den äußeren
und den inneren Frieden, „Friede seit mit Dir“ ist die Be¬
grüßung der sich Begegnenden und „Ist Friede?“ Der Frage
ihrer Begegnung, entspradi unserer Begrüßungsform „Wie
geht es Dir?“. „In Frieden zu Deinen Vätern eingehen“,
ist die Verheißung Gottes an Abraham. „Das Werk der
Tugend ist Frieden und viel Friede denen, die Deine Lehre
lieben“, heißt es in der Schrift. Und bei der Rückkehr und
Besserung des Frevlers hören wir den göttlichen Gnaden¬
ruf „Friede, Friede den Nahen und den Fernen“. Friedens¬
unterhandlungen mußten gepflogen werden, vor jeder be¬
absichtigten Kriegführung, so bestimmt das mosaische Ge¬
setz und Schonung dem Feinde gegeben, so er darein
willigte. Wunderbar und unübertrefflich die Großartigkeit
der sozialen Gesetzgebung der Bibel. Die dreifache Mah¬
nung, nach Gerechtigkeit zu streben, Gerechtigkeit, dem lim
(ergründ aller friedenstiftenden Betrachtungen. Nach Wahr¬
heit, Recht und Frieden zu richten; den Frieden zu fördern
in der Stadt, wo die verbannten Juden zu leben verurteilt
waren, hieß die Weisung von Jeremia an dieselben. Und
als Gott den Bau des Tempels gestattete, war es nicht David,
der dieses herrliche Werk auszuiiben berufen wurde, denn
er, der Kriegsmann. sollte kein Friedenswerk bauen. Sein
Sohn Schelomoh, Salomo, der Friedreiche, war dazu be¬
rufen. Und auch ihm wurde göttlicher Befehl, zum Bauen
des Altars kein Eisen zu nehmen, denn Eisen dient zu
Kriegszwecken. Und wo Gott verehrt wird, sollen friedliche,
liebevolle Gedanken herrschen und befestigt werden. Ein
herrlicher Schatz von Lehren des Friedens ist in der talmudi-
schen Schrift fcstgelegt aus der schweren unglücklichen
Zeit der Römerkriege. Rückwirkende verehrungswürdige
Gedankenrichtung und jüdische Seelenstimmung. aus
schlimmster Not und Drangsal geboren, alle erfüllt von
wunderbaren Gedanken über Frieden und Friedenspflicht.
Zu Zeiten, als in Griechenland, dem schönheitserfüllten,
jeder Fremde dem Tode geweiht war, als der Krieg, wie die
Jagd, etwas ganz natürliches war. als Iphigenie 4 im Namen
der Göttin die 4 an fremdes Ufer Verschlagenen töten mußte,
zu annähernd derselben Zeit betete Salomo, als er seinen
Tempel weihte: „Und wenn ein Fremder kommt zu beten
in Deinem Ileiligtume, o Herr, erhöre sein Gebet, nimm es
gnädig auf“. Die 4 Eindringlichsten, die von einer allwelt¬
lichen Friedensmission der Juden sprechen, die Propheten,
sind die 4 ersten seiner Verkünder und fiir alle Zukunft
dem Judentum Wegweiser, Helfer, Hoffnungsstrahl. Sie
sprechen die Sehnsucht Israels nach Frieden, die Mensch¬
heitsverbundenheit Israels ergreifend aus. „Daß die
Schwerter sich werden verwandeln in Winzermesser“.
„Daß das Haus Gottes ein Bethaus werde für alle Völker“.
Unausschöpfbar sind die Friedensaussprüche in allen unsern
Schriften. Und im täglichen Gebete, das seit Jahrtausen¬
den Millionen von Andächtigen stärkt und erhebt, ist keine
Bitte zu Gott so vielfach und so innig, wie die Bitte um
Frieden. Frieden mit uns, Frieden mit der Welt, in der
wir leben und Frieden für unsere Seele in einer künftigen
Welt, die wir ahnen.
Es entspricht unserem jüdischen Empfinden, durch die
Versittlichung der Menschen die Verwirklichung der Frie¬
densidee, durch die Erhebung und Veredelung des einzelnen,
die der Gesamtheit anzustreben. Wir sehen es bei den
schmerzvollen Vorgängen im Heiligen Lande als eine ernste
Mahnung an, nicht untätig den allgemeinen Friedensbe¬
strebungen gegenüberzustehen, unsererseits mitzuarbeiten
am Friedenswerk der Gegenwart. Ganz besonders ergeht
diese Berufung an die Frauenwelt. Das große und weite
Gebiet cler Frau, ihre Einwirkung auf das Leben des
Hauses, auf die Erziehung der Kinder, selbst ihr Einfluß
auf die Wesensart des Mannes, dem' sie auch nach dieser
Richtung hin helfend zur Seite stehen kann, steht ihr offen.
Ihr Bestreben, werde es immer bewußter, durch aus-
gleichende Wesensart den Frieden des Hauses zu erhalten
und zu fördern, von hier ausgehend auf das Leben cler Ge¬
meinde wirksam sein zu können, den Blick zu lenken auf
die Entwicklung des Ganzen, mittätig auf den weitver¬
zweigten Gebieten, die dem Er.auenwesen und Frauen¬
wirken heute geöffnet sind. Wenn wir Frauen uns bewußt
sind, was in unserer Hand, was in unserem Verständnis
und was in unserer Lebensbetrachtung ruht, und all das
Gute zu entwickeln uns bestreben, wenn wir ganz das sein
wollen, was wir sein sollen. Frauen, jüdische Frauen, das
Gute erstrebende Frauen, dann werden auch wir unser
Teil beitragen zur Herbeischaffung des Friedens unter den
Einzelmenschen. Der gerechten Betrachtung des einzelnen,
seiner Nöte und seiner Sorgen und so der gerechten Be¬
trachtung der großen Lebensfragen besser vorbereitete
Menschen, Beurteiler und Richter geben. Werden wir uns
auch nicht messianische Zeiten erfüllbar gestalten können,
werden wir auch nicht den ewigen Frieden schaffen können,
so ist doch der Weg hinzu und die inneren seelischen Kräfte,
die wir hierfür aufbringen, schon eine Vorbedingung für
Erreichbares und einen begrenzten Frieden Sicherndes.
Und heranzuziehen zu diesen Lebensaufgaben .der h rie-
densförderung haben wir die Jugend. Sie aufzurufen zur
Mitarbeit, sie zu erziehen, zu bilden, auf die Notwendig¬
keit eines eigenen inneren und veredelnden Ausgleiches
zwischen naturgemäßem Ungestüm und sittlich-ethischen
Überwindungen zu Friedenswegen hinzuleiten. Möge auch
hier gemeinsames Wollen Sieg, bringen.
Ernestine E s c h e 1 b a c h e r.
UNSERM BRUDER
FRANZ ROSENZWEIG ZUM GEDÄCHTNIS
Mehr als alle allgemeinen und jüdischen Zeitungen hat
unsere „Logenschwester“ das Recht sich durch ein Gedenken
Franz Rosenzweigs zu würdigen, ist doch Edith Rosen¬
zweig unsere Schwester. Überall wird ihre Hilfe, ihr Fin-
leben. ihr Können, ihre Pflichterfüllung hervorgehoben, aber
nur diejenigen, die das Leben und die Arbeit dieser trotz
allem beneidenswerten Frau gesehen haben, verstehen und
wissen um ihre Leistung. Ihrer Geduld und ihrem Scharf¬
sinn verdanken wir es, daß uns Franz Rosenzweig auch
während seiner schweren Krankheit der Lehrer blieb, denn
durch ihre Hand wurden uns seine Arbeiten, Schriften und
Briefe vermittelt. Wir haben viel in den letzten Tagen von
Franz Rosenzweig gelesen, aber wir haben das Gefühl,
das Letzte ist nicht gesagt worden, und dieses Letzte ist
nicht auszusprechen. Fr war ein Lehrer, wie wir noch
keinen erlebten. „Sein Lehren war sein Leben, und sein
Leben war sein Lehren“ sagt Rabbiner Lazarus zu Franz
Bosenzweigs Gedächtnis in cler „C.V.-Zeitung“. Viele haben
gelernt, aber alle hätten ihn hören müssen. Im jüdischen
Felirhaus erst lernten wir. was Religionsstunden sind, was
sie den Schülern bedeuten können. Nach jeder Stunde
dieses Lehrers eröffneten sich neue Quellen und neue An¬
regungen. Jedes Wort der Heiligen Schrift wurde lebendig,
wieder mündlich überliefert, und für die Stummen wieder
überlieferbar, da es mit neuem Leben gefüllt wurde. Nicht
nur die ganz assimilierten deutschen Juden wurden belehrt,
diejenigen, die die heilige Sprache lesen und auch übersetzen
konnten, mit den alten Worten übersetzten, wie sie vom
Religionslehrer in der Schule festgeprägt waren, für sie
bekam das alte Hebräisch neue Kräfte, zum Hebräisch
führte er zurück, um seine Schüler selbst Worte und Wort¬
sinn erfühlen zu lassen. Und durch das Hebräisch bekamen
auch viele deutschen Worte ihren alten Klang wieder, denn
jedes Wort hat einen Sinn, ist ein Begriff, und darf nicht
Verschwendet werden. Aber so wertvoll das Wort, es darf
nicht nur gesprochenes Wort sein, es muß zur Tat werden,
zur Wirklichkeit. Es waren nicht alle begabte Schüler,
die sich um ihn sammelten, aber er verstand es aus den
tiefsten Tiefen herauszuholen, was herauszuholen war.
„Erinnert Euch“, sagte er uns, „Ihr wißt das ja längst
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