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DIE LOGENSCHWESTER
MITTEILUNGSBLATT DES SCHWESTERNVERBANDES DER U.OB.B. LOGEN
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Dora Edinger, Frankfurt a. M., Bockenheimer Anlage 49.
Manuskripte sind an die Redaktion zu senden. — Redaktionsschluß am 1. jeden Monats. — Erscheint am 15. eines jeden Monats.
Bestellungen nehmen alle Postämter an. — Bezugspreis und Bestellgeld 46 Reichspfennig für das Vierteljahr.
Nr. 2 jj Kassel, 13. Februar 1930 | 3. Jahrgang
Adressen des Vorstandes:
Ernestine Eschelbacher, Berlin NW, Klopstockstraße 47,
Ehren-Vorsitzende
Anna Lewy, Stettin, Elisabethstraße 10, 1. Vorsitzende
Dr. Frieda Sichel-Gotthelft, Kassel, Malsburgstraße 12,
2. Vorsitzende
Lilly Spanjer-Herford, Braunschweig, Wolfenbüttler Str. 2
stellvertr. 2. Vorsitzende und Protokoll. Schriftführerin
Margarete Wachsmann, Breslau, Carmerstraße 19, korresp.
Schriftführerin
Cilly Neuhaus, Mülheim (Ruhr), Leibnizstraße 10, stellvertr.
Protokoll, und korresp. Schriftführerin
Bertha Kochmann, Berlin SW 19, Seydelstr. 19 a, Kassiererin,
Postscheckkonto: Berlin 109 777
JohannaBaer, Frankfurt a. M., Finkenhofstraße 40, Leiterin de^
Verbandsbüros
(Verbandsbüro: Frankfurt a. M., Melemstraße 22, Else Z e d n el5 J
Geschäftsführerin)
Zentrale der Kommissionen für Schwesternberatung: 1. Vorsitzende: Martha Schlesinger, Frankfurt a. M., Brentanostr. 6
Kommission für Erholungsfürsorge: 1. Vorsitzende: Erna Merzbach, Magdeburg, Logenhaus, Breiter Weg 139/140
Kommission für Erholungsfürsorge für Kinder: 1. Vorsitzende: Charlotte Hirsch, Berlin W 50, Augsburger Straße 40
Kommission für Geistige Arbeit: Dr. Else Rabin, Breslau, Wallstraße 14.
UNSERE MITTELSTANDSHILFE
Sind die Menschen, die auf irgendeine Weise der Fürsorge
bedürfen, eine homogene Masse? Ist es riditig, eine Schei¬
dung in Armenfürsorge und Mittelstandsfürsorge vorzuneh¬
men; sind wir als Juden dazu berechtigt? Sind nicht die
jüdischen Armen alle Mittelständler, machen wir nicht einen
kästen- und kliquenmäßigen Unterschied, der nicht nur in
der Wohlfahrtspflege, der auch im Gemeindeleben eher zu
bekämpfen als zu errichten ist?
So unklar der Begriff des Mittelstandes an sich, so schwer
nach oben und unten abzugrenzen, so labil, so schwankend in
unserer Zeit der Umwandlung, der wirtschaftlichen Unsicher¬
heit, weil audi die Grenzen sich ständig verschieben und ver¬
wischen — eines steht fest: hier sind die Voraussetzungen
andere als bei der allgemeinen Fürsorge, die wir der Ein¬
fachheit und wiederum der Abgrenzung halber Armen¬
fürsorge nennen.
Denn es handelt sich um einen Stand, der seine Basis, die
Grundlage seiner Existenz verloren hat, aus Gründen, die
zumeist außerhalb der Lebenssphäre des Betroffenen liegen.
Diese Gründe und Ursachen haben sich vergegenständlicht
in Umschichtungen aller Art, die der veränderten Situation
der Nachkriegszeit entsprechen, aber auch Folge wirtschaft¬
licher Strukturwandlungen des Kapitalismus sind, wie die
stärkere Rationalisierung der Betriebe, die Zusammenballung
der Produktionszentren in Kartellen und Trusts, die den
Mittel- und Kleinbetrieb zum Teil konkurrenzunfähig ge¬
macht haben.
Wer gehört zum Mittelstand? Wie können wir den Mittel¬
stand als einheitliche Schicht definieren, ohne dem Begriff
und dem Leben selbst zu sehr Gewalt anzutun? Gehört der
Angestellte eines Ladengeschäfts, eines Warenhauses, einer
Bank, gehört der Staats- und städtische Beamte zum Mittel¬
stand, oder können wir nur Handwerker, Gewerbetreibende,
kleinere und mittlere selbständige Unternehmer dazu rech¬
nen? Da wir keine ständische Gliederung mehr haben, wird
die Zugehörigkeit zu den Ständen und Schichten im wesent¬
lichen durch das Einkommen bestimmt, abgesehen von be¬
stimmten Berufen, die die Fiktion eines Standesideals auf¬
recht erhalten. Wir wissen aber audi, daß immer mehr Men¬
schen proletarisiert werden, als Arbeiter, als Angestellte Ge¬
hälter und Löhne empfangen, die dem Existenzminimum ent¬
sprechen. Auf dieser untersten Stufe standen bei der letzten
Gewerbezählung 21 von 32 Millionen aller erwerbstätigen
Deutschen. Demnach gehören zwei Drittel aller berufs¬
tätigen Menschen in Deutschland einer proletarischen Schicht
an, die gerade so viel einnimmt, wie sie für sich und ihre
Nachkommen zum notwendigsten Lebensunterhalt braucht.
Zweifellos gehört eine große Gruppe dieser Menschen ihrer
psychischen Einstellung nach zum Mittelstand, während die ge¬
hobene Arbeiterschicht sowohl in Psychologie wie in Lebens¬
führung sich demKleinbürgerideal des Mittelstandes angleicht,
soweit nicht weltanschauliche und ideologische Vorstellungen
sie davon zurückhalten. . Einig in der Vorstellung von Ord¬
nung und Regelmäßigkeit des Lebensplanes, einig in der
Forderung, für sidi und ihre Nachkommen die Zukunft sicher
gestellt zu sehen, trennen diese verschiedenen Gruppen
Unterschiede der Bildung, des kulturellen Niveaus, der
Lebensansprüche, die aber unter dem äußeren Druck der
Wirtschaftsdepression immer schwerer zu befriedigen sind.
Wenn es schon um den berufstätigen Mittelstand so bestellt
ist, daß sein Einkommen herabgedriiekt, sein Lebensraum
eingeengt wird, um wieviel schlimmer steht es um die nicht
Erwerbstätigen, nicht Erwerbsfähigen, die Schicht des jüdi¬
schen Mittelstandes, die ihr Vermögen zum Teil durch die
AUS DEM INHALT:
Unsere Mittelstandshilfe — Aus den Kommis¬
sionen — Zeitschriftenschau — Aus dem Ver¬
bandsbüro — Aus den Vereinen — Biicher-
schau
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