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DIE LOGENSCHWESTER
Palästina steht dem Schwesterngedanken nahe, wird
ihn aber wohl in der Ausübung, die noch nicht geklärt ist,
ähnlich gestalten wie die Hilfsvereine der Logen. Wir emp¬
fingen freundliche Sympathieäußerungen, und unser Ge¬
danke der Annäherung scheint gerne aufgenommen zu wer¬
den. Doch auch Hilfe erwartet man dort von uns. Frau
Jellin, die Gattin des Jerusalemer Logenpräsidenten, wen¬
det sich in einem tief ergreifenden Schreiben *) an unsere
Schwestern- und Frauenwelt. Sie bittet, Mittel zu ver¬
schaffen für die von Frauen vor 35 Jahren gegründete ein¬
zige Heil- und Pflegeanstalt in Jerusalem. Die Not ist groß
und die Hoffnung auf ihre Erhaltung gering. Wir sind in
schmerzlicher Sorge, wie wir helfen sollen, und möchten es
doch so gerne. Vielleicht, liebe Schwestern, Leserinnen,
machen Sie Stimmung für dieses Hilfswerk. Unser Ver¬
bandsbüro nimmt jede Spende entgegen und führt sie dem
Ziele zu.
Die Großloge von Großbritannien und I r 1 a n cl hat
in London, Manchester, Leeds und Edinburgh **) Frauenlogen
gegründet. Sie sind jungen Ursprungs. Unbehindert durch
Tradition, gründeten sie sich vollkommen zeitgemäß und
selbständig. Sie stehen in engem Zusammenhänge mit der
Männerloge, der sie auch zugehörig sind. Drei Frauen sind
im Beamtenrat der Großloge, und die Arbeit ist eng ver¬
flochten mit Sinn und Geist der Ordensidee. Auch sie haben
die siebenarmige Menorah mit der schönen sinnbildlichen
Bedeutung, die sie jedem Einzellicht des Leuchters geben:
Harmonie, Schwesternliebe, Wohlwollen, Treue, Frieden,
Gerechtigkeit und Licht. Die Einführungsfeierlichkeiten er-
*) Hochverehrte Frau Rabbiner!
Ihr Ruf als einer der edelsten jüdischen Frauen Deutsch¬
lands gibt uns den Mut, uns in unserer bitteren Not an Sie zu
wenden. Wir wissen wie groß Ihr Einfluß auf jüdische Herzen
ist, wie Ihnen allerorten Ehre erwiesen wird und daß Sie an
keine Tür der Reichen vergebens klopfen, wenn es sich um
Spenden für ein Hilfswerk handelt.
Wir sind sicher, daß Sie sich mit besonderer Freude in den
Dienst einer Anstalt stellen werden, die eine der wichtigsten und
schwersten Aufgaben für das heilige Land in unermüdlicher
Treue zu lösen sich bemüht.
Unsere Anstalt, die vor 35 Jahren von Frauen gegründet
und nur durch hingehendste Frauenarbeit erhalten werden
konnte, ist heute noch die einzige jüdische Heil - und
Pflegeanstalt des ganzen Orients für Geistes¬
kranke.
Vor fünf Jahren hat die englische Regierung in Bethlehem
eine eigene Anstalt errichtet und seitdem unserer Anstalt jede
Unterstützung verweigert. Die nationalen Organisationen sind
mit ihren Mitteln zu leistungsschwach, um sich unserer Sache
annehmen zu können, auch Hadassah hat ihr eigenes großes
Rayon, und so bleiben wir immer und immer wieder nur auf
Spenden angewiesen. Bis zum vorigen Jahre war unsere große
Hilfe Amerika, aber leider ist seit den Börsenkrisen diese Quelle
fast vollkommen versiegt. In Erez Jisroel selbst ist nach den
Pogromen die materielle Lage der Einzelnen so verschlechtert,
daß wir nicht nur keine nennenswerten Beiträge mehr erhalten
können, sondern daß auch die früher für Kranke gezahlten
Pflegegelder nicht mehr eingehen. Infolgedessen hat sich die
finanzielle Lage unserer Anstalt jetzt katastrophal gestaltet.
Wir wissen nicht von einem Tage zum andern die Mittel zu be¬
schaffen, die der Betrieb erfordert für die Verpflegung der
80 Kranken, für Personalverpflegung und Gehälter und für
alles, was zur Durchführung eines geordneten Anstaltswesens
gehört.
Wenn uns nicht Hilfe kommt, so wird — was Gott verhüten
möge — die Anstalt geschlossen werden müssen. Wo aber
sollen die achtzig kranken Menschen hin, die zum Teil keine
Angehörigen haben, zum anderen Teil aber ihre Familien zu
Grunde richten, schwerste Schädigung für die noch Gesunden
(besonders für die Kinder) sein würden, müßten sie die Anstalt
verlassen? 1 ? — Nicht einmal im Regierungsspital könnten sie auf-
genommen werden, denn dieses ist kleiner als unsere Anstalt mit
nur 60 Betten und ist immer voll belegt.
Es sind in unserer Anstalt Kranke aus allen Län¬
dern des Galuth, ja vielfach ist die Krankheit aus dem
Galuth hierher mitgebracht worden — es ist Pflicht der
Brüder und Schwestern im Galuth, sich dieser Unglücklichsten
anzunehmen und nicht die Schande auf sich zu laden, daß sie
auf die Straße gejagt werden müssen, weil die geldliche Hilfe
für die Anstalt nicht geleistet wird.
Sie, verehrte Frau Rabbiner, haben ein so warmes Verstehen
und immer den Willen helfen zu wollen; auch Ihre Feder, Ihre
mündliche Rede öffentlich und von Mensch zu Mensch kann
viel leisten. Wir bitten Sie inständigst, sich unserer Anstalt mit
Ihrem ganzen jüdisch treuen Herzen anzunehmen, wir sind
sicher, daß das, was mit Ihrem Namen gezeichnet ist, nicht un-
gehört verhallen wird.
Wir danken Ihnen im Voraus allerinnigst und empfehlen
uns Ihnen
in ausgezeichneter Hochachtung
Ida Jellin.
**) In London sind 130, Leeds 85, Manchester 66, Edinburgh
zirka 20 Schwestern.
BBT~Logenschwesternl Beachtet die Fn
innern an den kirchlichen englischen Stil und sind von ein¬
dringlicher Gestaltung und Ausdeutung. Ihre Arbeiten um¬
fassen das weite Gebiet sozialer jüdischer Pflichten und um¬
schließen in ihrer Ausführung nach modernen Gesichts¬
punkten den Kreis des gesamten Lebens. Wir ersehen den
interessanten Einzelberichten: ist auch die Sprache ver¬
schieden in all den unterschiedlichen Weltstrichen, Eins
sind wir jüdisdien Frauen, Eins im.Wollen und Eins im
Wegbereiten, gestärkt durch unser Judentum und gestärkt
durch unseren Führer: den Geist des Ordens.
Was nun wollen wir tun, um zusammenzuführen, was bis¬
her getrennt gewesen? Was wollen wir verbinden, was als
Zukunftsergebnis unseres Bundes wert ist? Wir wollen
unser Wort zum „geflügelten Werkzeug“ erheben. Wir
wollen unsere „Logenschwester“ hinsenden und wir wollen
Widerhall erwecken. Wollen Brücken bauen und diese
Brücken betreten, wollen versuchen, Austausch zu ver¬
schaffen von drüben zu uns, von uns zu drüben. Wollen
unsere Jugend sich nahebringen lassen, uns mehr und
mehr kennenlernen und so einen Faktor schaffen für die
Verwirklichung des Friedensgedankens in der Welt, des
Friedenswerkes für die Welt und für uns. Umspannen
wollen wir unsere jüdische Welt, die ein heißes Anrecht
darauf hat, daß endlich das Gotteswort des Friedens sich
erfülle. Dieses und viel anderes, daraus zum Guten Er¬
wachsendes, sei Teil des Erlösungswerkes, das zu leisten
audi wir mit berufen sind: wir Frauen und Schwestern der
Logen. Ernestine Eschelbacher.
WAS MACHT UNS LIEBENSWERT?
Referat, gehalten von Frau Dr. Lina Sommerfeld.
In Zeiten, in denen alles Bestehende an Geltung verliert,
in denen, hervorgerufen durdi Erlebnisse tiefster und ele¬
mentarster Art, sich in den Menschen Zweifel einzuschleichen
beginnen, Zweifel über die Dinge der Welt, Zweifel aber
auch über den Mensdien selbst, der in diese Welt hinein¬
gestellt ist, als Objekt, als Subjekt — wer weiß es? — ich
sage, in diesen Zeiten erscheint es notwendig, wieder ein¬
mal über die Grundlagen zu diskutieren, die das geistige
Fundament unseres Ordens bilden.
Inwiefern sind wir heute noch zeitgemäß? Wie wirken
wir auf Außenstehende und, um eine Formulierung zu wäh¬
len, wie sie in der Distriktstagung gebraucht wurde, was
ist an uns liebenswert?
Ich möchte diese Frage in den Mittelpunkt unseres heu¬
tigen Artikels stellen und sie in diesem Referat zu beant¬
worten suchen. Sie alle wissen, liebe Schwestern, daß
gerade in der Logenbewegung ein großer Mangel an Nach¬
wuchs sich bemerkbar macht, es ist daher aus rein prak¬
tischen Gründen sehr wichtig, sich einmal über die Grund¬
lagen der Loge und ihren Aufgabenkreis, der immer eine
Funktion des pulsierenden Lebens sein soll, systematisch
zu unterhalten. Drei Forderungen sind es, deren Erfüllung
ich als wichtigsten Faktor für das Logenleben ansehe.
1. Die Loge ist eine jüdische Gemeinschaft.
2. Die Loge muß auf ihre Mitglieder erzieherisch wirken.
3. Die Loge muß aktuell sein.
Ich will diese Forderungen begründen.
1. Die Loge ist eine jüdische Gemeinschaft. Mit diesem
Grundsatz, indem wir das Gemeinsame betonen, stellen
wir uns auf den Boden der Weltanschauung, die sagt, daß
das Menschenleben nur wert ist, gelebt zu werden, wenn
der Mensch sich als Glied einer Kette fühlt, als zugehörig
zur menschlichen Gesellschaft, nicht einsam abseitsstehend
und mit erhabenem überlegenem Gefühl die Welt betrach¬
tend. Der tiefe Sinn der Gemeinschaft liegt im Gemein¬
schaftsgefühl, das den Menschen antreibt, für andere zu
leben und im gegebenen Moment sich auf andere verlassen
zu können. Damit soll nicht der Wert des Individuellen
verkleinert werden; in der idealen Gemeinschaft kommt
erst recht der Wert des Einzelnen zur Geltung, einem jeden
ist die Chance gegeben, seine Kräfte überall einzusetzen
und zu verwerten. Das ist meine Vorstellung von einer
Logengemeinschaft, ein Kreis von Menschen, gemeinsam,
kollektiv, im Wollen und in der Erfüllung der Idee, indi¬
viduell in seiner geistigen Zusammensetzung. Die Loge ist
eine jüdische Gemeinschaft, denn weil wir Juden uns zu¬
sammengeschlossen, weil wir einer bestimmten Art von
iurer Zeitung erscheinenden Anzeigen!