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doch zweifelt er keinen Augenblick daran, daß sein Leid
eine Züchtigung Gottes ist. Darum kann er, indem er Got¬
tes Gerechtigkeit sucht, nicht ablassen, seine eigene Schuld
zu suchen. Aber als er schließlich in diesem unablässigen
Suchen auf eine verborgene Schuld seines Daseins trifft,
da zeigt sich an ihr die Hoffnungslosigkeit seiner Frage
nur noch tiefer. Denn diese Schuld kann gar nicht ihm zur
Last gelegt werden, sie ist nicht die seine. Es ist die
menschliche Schuld schlechthin, die in seiner Frage auf-
bricht: „Wer will einen Reinen finden, bei denen, da keiner
rein ist?“
Kein Mensch ist rein vor Gott. Alles Menschliche ist vor
der Unbedingtheit Gottes zuvor gerichtet. Darum geht sein
Gericht über den Einzelnen, indem es ihn trifft, zugleich
hinweg. Denn nur den Einzelnen kann es treffen, auch wo
es nicht dem Einzelnen gilt. Wie die Zeit Gottes und des
Menschen, so können göttliche und menschliche Gerechtig¬
keit nicht zusammen kommen, können sie sich gar nicht
wahrhaft erfassen. Es ist die furchtbare Einsicht in die
Vergeblichkeit persönlicher Unschuld, die das ganze Buch
Hiob durchzieht. Bis zu der persönlichen Schuldlosigkeit
dringt Gott gar nicht vor. Dazu sind wir zu tief in die all¬
gemeine Schuld hineingestellt, zu ursprünglich in unserem
menschlichen Dasein schlechthin von Gott gerichtet. Ja, die
radikale Hoffnungslosigkeit persönlicher Unschuld zeigi
sich darin, daß die Strafe für die allgemeine Schuld mit
ihrer ganzen Wucht gerade an dem ausgehen muß, der
persönlich schuldlos ist. Der in seinem eigenen Leben
Schuldige, erfährt — wenn er sie erfährt — die Züchtigung
Gottes als Strafe für seine Schuld. Der persönliche Schuld¬
lose allein erfährt an sich die Züchtigung für die allge¬
meine Schuld, die den persönlich Schuldigen gar nicht er¬
reicht, weil sie ihm durch die Strafe für seine eigene Schuld
verdeckt ist. So dringt zu dem Schuldlosen der Zorn Got¬
tes weit unmittelbarer vor. Das Maßlose von Hiobs Un¬
glück erscheint als ein Zeugnis für jene Unmittelbarkeit
des göttlichen Zornes,wie sie auch der persönliche Schuld¬
lose erfährt. Denn für den Schuldlosen allein ist dieser
Zorn nichts als Zorn. Für den Schuldigen bedeutet er Ge¬
rechtigkeit — für den Schuldlosen bedeutet er reines Ent¬
setzen: das Irrewerden an der göttlichen Gerechtigkeit
selbst. Unverstehend, fragend, beschwörend steht er sei¬
nem Gott gegenüber, dessen Züge er in diesem sinnlosen
Zorn gar nicht mehr zu erkennen vermag.Und doch fühlt er
diesen Zorn ganz und gar auf sich gerichtet und sich von
seiner Gewalt vor Gottes Angesicht hingerissen; weit un¬
mittelbarer und wirklicher als der persönlich Gestrafte er¬
fährt er gerade an der Unverständlichkeit des göttlichen
Gerichtes, daß es das Gericht Gottes ist. Das verständ¬
liche, begreifliche Gericht ist das des Menschen; das Got¬
tes ist das absolut’unfaßbare. So wie Hiob durch die Un¬
begreiflichkeit des göttlichen Gerichtes mit allen Fasern
seiner zerrissenen Seele unter Gott gepreßt wird, wie er
von dem Leid zu einer einzigen drängenden Frage an Gott
zusammengepreßt wird: so, in dieser unüberbrückbaren
Ferne und entsetzlichen Nähe erfährt nur der schuldlos Lei¬
dende den Zorn Gottes. Wie aus zehrendem Feuer schreit
Hiob: „Erbarmet Euch meiner, erbarmet Euch meiner, Ihr
meine Freunde, denn die Hand Gottes hat mich gerührt.“
Das ist ihm immer, in all seinem Hader, und gerade in ihm,
jeden Augenblick gegenwärtig, daß es Gott ist, der ihn ge¬
troffen hat. Nur ^.us dieser Gewißheit entspringt ja seine
unablässige menschliche Frage. Sie selbst ist das Zeichen
des Getroffenseins von Gott.
Seine Freunde können sein Gespräch mit Gott gar nicht
verstehen; sie sehen und hören es nur von außen; sie
sprechen von ihm und von Gott „wie der gemeine Pöbel“,
von außen, subjektlos, allgemein. Sie reden von einer all¬
gemeinen Gerechtigkeit Gottes, von einem allgemeinen
faßlichen Zusammenhang von Schuld und Leid. Unter Hiob
aber ist im Leid der Grund des allgemeinen Daseins ein-
gebrochen; er ist hinabgestürzt in den Abgrund des radi¬
kalen Alleinseins. Er ist nichts anderes als das reine bren¬
nende Subjekt des Leidens: die reine unmittelbare Frage an
Gott. Zwischen ihm und Gott gibt es „keinen Schiedsmann“,
keinen, der zwischen ihnen vermitteln könnte. Hiob redet
aus seinem Leid zu seinem Gott — zu dem, von dem er
sagt: „Denselben werde ich sehen und meine Augen wer¬
den ihn schauen und kein Fremder.“
Aber er kann diesen seinen eigenen Gott nicht erreichen,
weil er der unermeßliche Ferne ist, der als der Ewige über
das kurze vergängliche Menschendasein hinweggeht. Das
Urentsetzen des Buches Hiob ist ja das jähe Erkennen, daß
die Stimme Gottes auf die Stimme des einzelnen Menschen
überhaupt nicht antwortet — daß weder die Stimme des
Menschen Gott, noch die Stimme Gottes den Menschen zu
erreichen vermag: daß das Schicksal des Einzelnen: mein
Schicksal, mein Leben — und ich habe ja kein anderes als
dieses — rechtlos, hilflos vor Gott im Lebensganzen er¬
trinkt.
Und als endlich dennoch Gottes Antwort an Hiob geschieht,
da geschieht sie nicht dadurch, daß Gott von ihm abläßt,
und auch nicht dadurch, daß er sich ihm als der Nahe zu er¬
kennen gibt, noch dadurch, daß er ihm eine begreifliche
Antwort gibt; sie geschieht überhaupt nicht als Anwort,
sondern als Gegenfrage Gottes an Hiob. Sie geschieht da¬
durch, daß Gott selbst als der Schöpfer der Welt im Don¬
ner seiner Allmacht an ihm vorüberzieht. Und wunderbar,
wahrend Gott, Hiob in seine Schranken zurückweisend, ihm
die Frage entgegenschleudert: „Wo wärest Du, als ich die
Erde gründete? Haben sich Dir des Todes Tore aufgetan,
oder hast Du gesehen die Tore der Finsternis?“ — Kannst
Du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden oder
das Band des Orion lösen? —“ Gerade da, wie Gott ihm
die ganze unermeßliche Entfernung des Schöpfers vom
Geschaffenen, der Macht von der Ohnmacht, des Ewigen
von dem nichtigen, vergänglichen Menschenwesen enthüllt
— ihm von Gott aus das enthüllt, was er bis dahin vom
Menschen aus gesehen hatte — gerade da erkennt Hiob
seinen Gott wieder. In der Uebergewalt von Gottes
Schöpfung, in dem von Gott selbst bestätigten Abgrund,
den er zwischen sich und allem Menschlichen ihm sichtbar
madit, ist ihm, dem winzigen, von Gott angerufenen und
doch von ihm übergangenen Menschen Gott zum reinen Du
geworden, zu dem unermeßlich Nahen, der sich in sein Herz
selbst senkt, der in seiner Uebergewalt die Antwort auf
seine Frage, gerade indem er sie verschweigt, in sich
schließt. Denn nun begreift Hiob: „Du, der Du diese uner¬
meßliche Tat getan hast, der Du dies alles erschaffen hast,
das mich in sich befaßt, — Du brauchst dem fliegenden
Blatt, dem dürren Halm keine Antwort zu geben; denn ich
bin Dein. Ich gehöre Dir, bin eingeschlossen in Deine
Schöpfung, eingeordnet in Dein Gesetz. Ich erkenne, wer
ich bin, da ich sehe, wer Du bist. „Ich habe Dich nun mit den
Ohren gehöret und mein Auge siehet Dich auch.“ Die Urer-
lösung gegen das Urentsetzen des Buches Hiob ruht da¬
rin, daß der Mensch im Augenblick, wo er Gott als Schöp¬
fer erblickt hat, nicht mehr rechtlos vor ihm im Lebensgan¬
zen ertrinkt, sondern in seine Schöpfung aufgenommen ist
und als Geschöpf dem Schöpfer anbetend sich beugt. In
der reinen Anbetung erst erfährt er Gott als reines Du.
Hiobs Prüfung ist vollendet. Seine Frage verstummt in
dem Augenblick, wo die Schöpfung Gottes ihm zur Ant¬
wort auf die Frage seines eigensten Daseins geworden ist.
Nicht indem er die Ordnung der Schöpfung verstanden und
sein Leiden in ihren Zusammenhängen begriffen hätte —
sondern gerade in dem er sie nicht verstanden hat, indem
er nicht mehr verstehen will, wo nichts für ihn zu ver¬
stehen ist, indem er seinen Ort in der Schöpfung Gottes in
Demut angenommen und damit sein Leiden auf sich ge¬
nommen hat.
Im Schicksal Hiobs, den Gott im Leiden dem Versucher
preisgegeben hat, ist das ganze Leidschicksal des Juden¬
tums im Exil vorgezeichnet. Wie Hiob nimmt das jüdische
Volk sein Leid als von Gott verhängtes auf sich. Aber es
nimmt es nicht einfach an. Es will es verstehen. Das heißt,
es will den Gott, um dessentwillen es duldet, verstehen.
Wie Hiob verlangt es, daß der Gott, unter dessen Forde¬
rung und Gericht es steht, der absolut Gerechte sei. Darum
lebt auch das Judentum im Exil in einem einzigen Prozeß,
einem unablässigen Hader mit Gott. Es hat sein Bestes
getan; es ist seinem Gott treu geblieben; es hat sich
tür ihn entschieden. Darum weil er alles für seinen
Gott getan zu haben glaubt, ist seine unablässige
Frage die Hiobs nach dem Zusammenhang zwischen
menschlichem Leid und menschlicher Schuld, die dieselbe
ist wi edie Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit. Sein
Leiden selbst, dessen Grund er nicht erkennt, zwingt das
Judentum des Exils zur Theodizee, das heißt, zu immer
erneuten Versuchen, Gott zu rechtfertigen: die Entstehung
des Leides und der Schuld und ihren Zusammenhang im
Leben zu erklären. Es gibt keine wahrhaft große Leistung
des Judentums im Exil, die nicht in ihrem Kern eine Theo¬
dizee wäre.
Aber diese Theodizee, die schon in der Frühzeit des Exils
beginnt, ändert unter dem Druck der geschichtlichen Ent¬
wicklung immer mehr ihre Gestalt. Sie wird in wachsendem
Maße von der Berührung und Auseinandersetzung mit der
Logenschwestern! Beachtet die in Eurer Zeitung erscheinenden Anzeigen!
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