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Umwelt ergriffen. Und zwar beginnt dieser Prozeß schon
frühzeitig und setzt sich in das Ghetto und durch das Ghetto
hindurch fort. Der Chassidismus, diese strahlende Flamme
aus dem dunklen Herzen des Ghetto, ist die letzte große,
explizit religiöse, das heißt an den offenbaren Gott ange¬
schlossene Theodizee des Judentums. Ein tiefer — ein in
seiner Tiefe gar nicht abzumessender — Einschnitt trennt
unsere Welt von ihm ab.
So ist nun erst in dem Aufgehen in die abendländische Welt
die Verlassenheit und Heimatlosigkeit des jüdischen Men¬
schen im Exil vollendet. Der Prozeß mit Gott kann auch
jetzt nicht aufhören. Er kann nicht schweigen, weil Gott
sich verbirgt. Denn auch Hiob verbirgt er sich. Wie er sich
Hiob in seinem persönlichen Schicksal entzieht, so entzieht
er sich dem modernen Juden im allgemeinen Schicksal. Da¬
rum wird der Prozeß mit Gott seine Gestalt ändern — aber
gerade darum wird er neu, in einer neuen Form wieder auf¬
genommen werden müssen. In einer Form, in der Gott ganz
verstummt, der Mensch allein redet, in der er aber, auch
wenn er Gottes Namen verschweigt, immer nur mit Gott
redet. Franz Kafka hat die letzte große geistige Ausein¬
andersetzung dieser Art mit dem Gott des Judentums ge¬
leistet.
Ged enleet
bei frohen und traurigen Anlässen unserer
ErnestineiEschelbacher^Stiftung!
Postscheckkonto: Berlin Nr. 7000 .
Aber auch dies war noch nicht das Letzte, was dem Juden¬
tum bestimmt war. Denn in eben diesem Augenblick wird
auch jene späte Form des abendländischen jüdischen Da¬
seins, aus der der große Dichter sprach, wieder zerbrochen
Was das heutige Judentum trifft, ist kein geistiges Schick¬
sal mehr: es ist ein ganz reales, unfaßlich grausames
Schicksal, das sich über einen Teil des abendländischen
Judentums: dem deutschen, zusammenzieht.
Was ist geschehen? Gewiß nicht das, was Hiob geschah:
daß wir zu fest, zu selbstverständlich, zu ruhevoll in unse¬
rer Gottesgewißheit waren und darum aus ihr zu neuer,
schwerer Auseinandersetzung aufgerüttelt werden mußten.
Im Gegenteil: wir waren dieser Gewißheit in doppeltem
Sinne entfremdet: wir waren auf der einen Seite zu fest
im Irdischen, zu geruhig im bürgerlichen Dasein geworden;
wir hatten auf der anderen Seite unsere ewige und letzte
Gewißheit um anderer geistiger Güter willen verloren. Von
jener äußeren Sicherheit nicht nur, sondern von diesen
reichen Gütern einer Kultur, in der wir lebten und an der
wir mitwirkten, mit der unser Leben so innig durchdrungen,
so tief verwachsen war, daß das Gewebe gar nicht mehr zu
lösen ist, werden wir heute gewaltsam wieder losgerissen.
Es ist ein Riß durch das Leben jedes einzelnen indischen
Menschen, dessen Muttersprache, dessen Landschaft, des-
senWirklichkeit und Heimat die deutsche ist: ein Riß von so
mörderischer Gewalt, daß mehr als einer unter den deut¬
schen Juden ihn heute schon mit seinem Tod beantwortet
hat.
So drängt sich heute aufs Neue die Hiobsfrage mit aller
Gewalt dem Ganzen der jüdischen Gemeinschaft auf. Die
ganze Gemeinschaft ist heute dieser Eine. Gewiß: wir stel¬
len die Frage nicht aus jener festen Wurzelung im Ewigen,
nicht aus jener unerschütterlichen Frömmigkeit des großen
Dulders. Aber auch wir sind von Gott Getroffene; auch
unsere Frage kommt aus dem Getroffensein von Gott. Und
auch wir können das grausame Geschehen, das uns trifft,
nicht ohne weiteres als Strafe für eine Schuld, geschweige
denn für eine persönliche Schuld verstehen. Sondern hier
liegt von den Tagen Mendelssohns an ein geschichtliches
Schicksal mit all seinen unendlichen Komplikationen vor,
das weder einfach rückgängig gemacht noch an sich als
Schuld eines Einzelnen oder selbst einer Gemeinschaft be¬
griffen werden kann.
Was hat der Ewige mit seinem Volke vor? Wie können wir
in diesem Schicksal, das er uns verhängt hat, seine Gerech¬
tigkeit erkennen? Gottes Gerechtigkeit mit der des Men¬
schen zu versöhnen, ist uns versagt, wie es Hiob versagt
war. Aber auch heute in unserer späten zerstörten Welt
wieder ist es die auf tausend Wegen von uns abgedrängte
Schöpfung selbst, die in ihrer zerschmetternden und er¬
lösenden Kraft an uns vorüberzieht und dennoch dem Leid
zur Antwort werden kann, Aber sie erscheint in anderer
Gestalt. Wo, wie heute die Dämonie einer widernatürlichen
Sachwelt, die Natur in ihrer Reinheit uns tausendfach ver¬
stellt hat, wo ihre Gesetze nicht mehr tönen, wo „die Musik
der Welt bis in alle Tiefen hinunter abgebrochen ist", wo
nicht Donner und Blitz uns mehr als die mächtigsten Offen¬
barungen Gottes erschüttern, sondern die Geschehnisse,
die sich zwischen Menschen und Völkern vollziehen — da
offenbart Gott sich und sein Werk uns nicht in über¬
schwenglichen Wundern und Geheimnissen der Natur;
aber er tut es in einer nicht minder geheimnisvollen und
überschwenglichen Gestalt: in der Geschichte. Und auch
hier erscheint seine Offenbarung nicht als Antwort auf die
menschliche Frage, sondern als Gegenfrage Gottes an den
Menschen. Wenn mit dem Vorüberziehen der Schöpfung
als Natur an Hiob die Frage gestellt ist: Wo stehst Du?
Wo findest Du Dich hier wieder? Wo ist hier Dein Ort? —
und wenn Hiob seinen bescheidenen Ort in Gottes Schöp-
funo erkennend, sich beugt und demütigt.und erst so in der
rechten Beziehung zu Gott steht — so ist mit der Offen¬
barung der geschichtlichen Welt an den Menschen noch eine
weitere Frage gestellt. Zu dem: Wo stehst Du? tritt das:
Was wirst Du tun? Wie wirst Du Dich entscheiden?
Nicht wie das Geschehen kam und was aus ihm werden
wird, kann darum heute unsere erste Frage sein, sondern
was es mit uns vorhat und wie wir es beantworten. Nicht
auf die Anderen, ihr Tun und ihre Schuld zu blicken, kann
uns helfen. Sondern was wir erkennen müssen, ist das:
Gott und die lebendige Gemeinschaft waren uns. nicht mehr
wahrhaftig genug Problem. Wir hatten aufgehört, mit ihm
um ihn zu ringen.
Wir waren ruhio. sicher Geworden. Aber für kein Volk ist
die bürgerliche Sicherheit eine so mächtine Gefahr wie für
das iüdische. Denn das Volk ohne Macht und ohne Land
fdem selbst ein eigenes Land im strengen Sinne nicht zu
einen werden kann) und das darum in dem Augen¬
blick, wo Macht und Land zu den obersten Prinzipien wer¬
den. notwendig weichen muß — dies Volk hat von alters
her das Schicksal des Flüchtlings auf Erden, dessen Be¬
stimmung es ist, daß er nicht ruhen soll, daß er keine end-
oiiltine irdische Heimat haben darf, daß er immer wieder
aufgescheucht, aufgerüttelt, erweckt werden muß. damit er
den Sinn seines Daseins: des an keine irdische Heimat Ge¬
bundenen erfülle: immer erneut die Frage zu stellen, nach
dem. was über allen irdischen Heimaten die ewige, die
einzine wahrhaftige Heimat seines und alles Menschen¬
daseins überhaupt ist.
Solche Erweckung zum Eigenen kann nur geschehen durch
das 1 eid: durch das Losaerissenwerden vom Teuersten,
was der Mensch besitzt. Daran hängt heute der Bestand
des Judentums, das sich zu verlieren drohte: ob es, wie
Hiob, den gottgewollten Sinn seines Leides auf sich nimmt.
Allzu nahe liegt es gerade dem Juden durch seinFremdlinns-
dasein, sich an andere Heimaten hinzugeben, sehnsüchtig
hineinzuwachsen in das Fremde, Ruhe zu suchen und zu fin¬
den und damit im Irdischen unterzugehen. Aber weil er
nicht unfergehen soll um der Menschheit willen, darum soll
er nicht zur Ruhe kommen. Abermals ist das Volk Gottes,
das seinen Gott dem Abendland gebracht hat, von Gott
selbst dem Satan zur Prüfung übergeben. In einem Augen¬
blick äußerster geschichtlicher Aufwühlung wird es hinaus-
neschleudert aus allen Bergungen und Sicherungen seines
Daseins. Damit dieses Geschehen mehr als ein dumpfes
Erleiden, mehr als bittere Not und Verzweiflung sei, muß
jetzt, wenn jemals, über den Abgrund herüber darin jene
Hand erkannt und ergriffen werden, die es zu fruchtbarem
geschichtlichen Schicksal werden läßt, die allein uns den
Logenschwestern! Beachtet die in Eurer Zeitung erscheinenden Anzeigen!
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