Seite
1
heute mehr als je eingehendste und verständnisvollste
Berücksichtigung, und zwar nicht nur seitens der Lehrer,
sondern auch der zur Unterstützung dieses Erziehungs¬
werkes verpflichteten Eltern. Einen Beitrag zu dieser Frage
soll der folgende Aufsatz bieten, geschrieben von einem
Lehrer, der sich durch langjährige praktische Erfahrungen
an paritätischen wie jüdischen Schulen ein Urteil über die
pädagogische Lage und Aufgabe der jüdischen Gegen¬
wartssituation gebildet zu haben glaubt.
Das jüdische Kind lebt in der jüdischen Schule frei von
all den Hemmungen und Enttäuschungen, denen es in den
allgemein-öffentlichen Schulen heute auch unter den ge¬
rechtesten, rücksichtsvollsten und freundlichsten Lehrern
und selbst da, wo sich das kameradschaftliche Verhält¬
nis zu den nichtjüdischen Mitschülern im ganzen nicht we¬
sentlich geändert hat, naturgemäß ausgesetzt ist. Es kann
unbeschwert seine Fähigkeiten entfalten, erfreut sich in¬
nerhalb einer gegenüber seinem seelischen Dasein gleich-
gesinnten Umgebung uneingeschränkter Gleichberechti¬
gung und verbringt so dort, wo sich am stärksten seine
geistige, sittliche und körperliche Entwicklung vollzieht,
in einer bis auf die üblichen, natürlich nie fehlenden
Schulsorgen ungetrübt jugendlichen Heiterkeit seine Tage.
Wir jüdischen Lehrer freuen uns dessen und sind weit
entfernt davon, der Jugend diese seelische Unbeschwert¬
heit ihrer Schulzeit zu rauben und zu beeinträchtigen, be¬
fürchten übrigens keineswegs, daß diese Jugend den tie¬
fen Ernst der allgemeinen und ihrer persönlichen Lage
irgendwie verkennt oder innerhalb einer jüdischen Schule
in illusionärer Weltfremdheit und Abgeschlossenheit
lebtl Aber dieses Verständnis für das kindlich-jugend¬
liche Freiheitsverlangen darf uns nie blind machen gegen
die Bedürfnisse geregelter und straffer Disziplin, wie sie
unbedingt notwendig ist für die in der Schule zu leistende
geistige Arbeit, das ordnungsgemäße Zusammenleben
so vieler Menschen und die von den Anforderungen des
Lebens heute mehr als je in dieser Beziehung verlangte
Erziehung jedes einzelnen der uns anvertrauten Jugend¬
lichen. Hier muß ohne lebensfremde Verzärtelung und
ohne ein weichliches Verstehen- und Verzeihenwollen al¬
ler Jugendfehler und Vergehen widerspruchslose Unter-
und Einordnung, Gehorsam und Respekt gegenüber den
Anordnungen der Schule und ihren Vertretern verlangt
und, wenn nötig, — erzwungen werden.
Ebenso muß auch im rein jüdischen Kreise durchaus auf
straffe äußere Haltung und tadellose Formen Wert ge¬
legt werden, wie diese sich zeigen im Aufstehen und
Grüßen, in Höflichkeit und Gefälligkeit, in der Art, sich zu
bewegen, zu antworten und — zu schweigen. Ich glaube,
wir dürfen in dieser Beziehung heute nicht peinlich genug
sein, wo der Zwang, sich in der Außenwelt besonders
zusammenzunehmen, allzu leicht zu einem Sichgehenlas-
sen in der eigenen Gemeinschaft führen kann und wo für
den und jenen unserer jungen Menschen zu befürchten
steht, daß er infolge der gegenwärtigen, ihm für später
äußerlich nur bescheidenere Wirkungsmöglichkeiten bie¬
tenden und ein soziales Höherstreben weniger ermög¬
lichenden Entwicklung schwächer an seiner äußeren Ver¬
vollkommnung arbeitet, die Beachtung guter Formen et¬
was vernachlässigt. Hier muß einem etwa drohenden Ver-
zieht ebenso entgegengewirkt werden wie — dies möchte
ich hier einschieben — einer allzu starken Senkung der
Bildungshöhe, so wenig auch eine schulmäßig gut fun¬
dierte geistige Prägung des Menschen mit akademischen
Studium verbunden sein muß. Die Meinung, daß für je¬
den Menschen das Leben und Schaffen in einfachen Ver¬
hältnissen um so leichter und erfolgreicher ist, je weni¬
ger er von geistigen Interessen und Idealen erfüllt ist,
muß als geradezu unwürdig und verantwortungslos für
die jüdische Zukunft zurückgewiesen werden, steht auch
zu jüdischer Vergangenheit im stärksten Gegensatz. Nein
umgekehrt, sollte sich im weitesten Umfange der Typus
des geistig und weltanschaulich gebildeten Bauern und
Handwerkers verwirklichen — und viele unserer jungen
Juden, vor allem auch Chaluzim haben größtes Verständ¬
nis hierfür — so wäre dies, wofür die Grundlage zunächst
wenn auch nicht ausschließlich in der Schulerziehung zu
legen ist, ein besonders wertvoller Aufbau und jüdischer
Tradition würdig.
Der junge Jude lerne aber nicht nur in seiner äußeren
Haltung Unterordnung und Bescheidenheit, sondern soll
sich auch an eine bescheidene und ehrfurchtsvolle Art des
Denkens und Urteilens gewöhnen. Wir sind weit entfernt
davon, Wissen, Verstandesschärfe sowie Fähigkeit zur
Kritik mit Intellektualismus oder intellektueller Einseitig-
Z u unserer Freude erhielten wir als erste Antwort auf unsern
„Aufruf“ in der Dezemhernummer den hier folgenden Brief:
Liebe Schwester Edinger!
Da Sie um Auszüge aus alten Familienpapieren gebeten
haben, schicke ich Ihnen heut eine verkürzte Abschrift
aus dem Testament meines Ur-Urgroßvaters, Joseph Re-
nard, Kaufmann, geb. 1770 in Posen. Dies Testament ist
schon rein äußerlich ein ästhetischer Genuß und inhalt¬
lich so vollendet, daß es weit über den Kreis der Fami¬
lie hinaus Interesse finden kann. Dieser Urahne galt in
der Familie als „Original“, — ein Lebenskünstler und
Menschenkenner muß er gewiß gewesen sein. Er hatte 2
Brüder, denen er die Familiennamen Fox und Grünspach
zulegte. Seinen eigenen Namen hat er in südpreußischen
Zeiten im Jahre 1797 angenommen. Das Testament schrieb
er an seinem Geburtstag, 21. März 1837, nieder, „bei
meinem gesunden und munteren Zustande und bei dem
Genüsse eines Glases guten Ungarweins“. Es legt Zeug¬
nis ab, ebensosehr von seiner wahrhaften Verbundenheit
mit dem Judentum und seiner Kenntnis der Bibel und des
Talmuds, wie von seiner umfassenden Allgemeinbildung.
Ueber seine wirtschaftlichen Verhältnisse schreibt er fol¬
gendes:
„Meine Vermögens - Umstände sind nicht groß, jedoch
lebe ich immer bei meiner eingeschränkten Wirtschaft
und wenigem Gebrauche vollkommen zufrieden. Ich
bin nie vom Geize und Habsucht geplagt worden. Ich
bin im Kreise meines Handels in Breslau, Berlin, Leip¬
zig, Frankfurt, Königsberg und Thorn nirgends Schuld¬
ner geworden. — so halte ich mir diesen Umstand für
ein Reichtum.“
Alle Darlegungen sind immer wieder mit Zitaten aus Bibel
und Talmud belegt, alles ist bis ins Kleinste festgesetzt
und ausführlich beschrieben. Die Bestimmungen über sein
Vermögen, das er außer den Kindern jüdischen und christ¬
lichen Wohlfahrtsanstalten vererbte, will ich übergehen.
§ 13. „Lieben Kinder! entfernt Euch von Schulden-Fa-
brikation. Lebt lieber ein wenig eingeschränkt, um die
lästigen Schuldensorgen abzuschütteln. Die teuersten
Einkäufe und die schlechteste Ware entstehen leider
durch gierige Schulden. . . . Jedoch solltet Ihr notge¬
drungen sein, ein Darlehn aufzunehmen, so nehmt lie¬
ber soliderweise bares Geld mit landesüblichen Zinsen
und beobachtet pünktliche Zahlung.“
§ 14. „Eure Kinder beiderlei Geschlechts, falls selbige
ungezwungen zum Studium sich nicht gualifizieren soll¬
ten, suchet sie zu einer nicht schweren Profession zu
bewegen, jedoch ausgenommen das Schneider-, Müller-,
Fleischer-, Schuhmacher-, Tischler-, Schmiede-, Mau¬
rer- und Schornsteinfeger-Handwerk, da solche teils
schmutzig, teils schwerer Arbeit sind. Der Talmud emp¬
fiehlt an: l’aulom j’lamed eß-b’nau um’naß nekijoh
w’kaloh, man soll immer seinem Sohn ein reines und
leichtes Handwerk beibringen lassen. Auch soll all¬
mählich ihre Profession mit Schulwissenschaffen ver¬
bunden sein, und zu 15 Jahren unter Fremde jedes nach
seinem Beruf und Fähigkeit konditionieren lassen.“
Dies entspricht zwar nicht der heutigen Auffassung von
der Notwendigkeit jeglichen Handwerks, ist aber als
Ausfluß eines originellen Geistes gewiß nicht uninteres¬
sant.
Er trifft Bestimmungen über seine Bücher von deutscher
und französischer Literatur, über 5 Teile Mischnajoth,
Orach Chaim und Jore Dea, die 5 Bücher Mose und hebrä¬
ische Gedichte.
§ 15. „Ihr sollt weder Eure Kinder noch sonst jeman¬
dem, selbst Euer Gesinde nicht fluchen. Es soll durch-
Logenschwesternl Beachtet die in Eurer Zeitung erscheinenden Anzeigen!
2