Seite
DIE LOGEN¬
Kassel, M a
i 1934
7. Jahrg.
Nr. 5
SCHWESTER
Mitteilungsblatt des Schwesternverbandes der U.O.B.B.Logen
Erscheint am 15. jeden Monats, Redaktionsschluß am 1. jeden Monats. — Bezug nur durch die Post, einschließlich Bestellgeld
46 Reichspfennig vierteljährl. — Verantwortlich für die Schriftleitung : D r. Dora Edinger, Frankfurt a.M., Gärtnerweg 55.
ADRESSEN DES VORSTANDES:
AnnaLewy, Stettin, Elisabethstraße 10, I. Vorsitzende
Dr. Frieda Sichel-Gotthelft, Kassel, Malsburgstr. 12, II. Vorsitz.
MargareteWachsmann, Breslau, Goethestr. 24/26, stellvertretende
II. Vorsitzende und korresp. Schriftführerin
Cilly Neuhaus, Mülheim (Ruhr), Leibnizstr. 10, Protokoll. Schriftführ.
Bertha Falken berg, Berlin N54, Lottumstraße 22, stellvertr. Protokoll,
und korresp. Schriftführerin
Die Adressen der Kommissionen stehen am *
Johanna Baer, Frankfurt a. M., Finkenhofstraße 40, Leiterin des Ver¬
bandsbüros, Kassiererin (für Geldsendungen: „Frankfurter Sparkasse
von 1822, Postscheckkonto Frankfurt a. M. 1511 für Konto 8213/X
Johanna Baer, Schwesternverband UOBB")
Adele Rieser, Karlsruhe, Friedensstraße 8, II. Kassiererin
Else Zedner, Geschäftsführerin (Verbandsbüro: Frankfurt a. M., Melem-
straße 22)
luß des redaktionellen Teiles
Ete Zukunft unserer Kirntet
BERUFSWAHL UND BERUFSAUSSICHTEN
Von Max Gundersheira, Berlin.
Noch niemals haben junge Menschen und deren Eltern
mit so bangem Herzen die Frage der Berufswahl be¬
trachtet wie in diesem Jahre. Welchen Beruf soll ich er¬
greifen, welchen Beruf kann ich ausüben, so fragen 4000
junge Menschen, die Ostern von der Schule abgingen, so
fragen 4000 weitere, die im Herbst die Schule verlassen
werden.
Da muh zunächst vor einem gewarnt werden: es ist
grundfalsch, wenn gesagt wird, es kommt jetzt nicht mehr
darauf an, wozu ich mich eigne, wozu ich Neigung habe,
es kommt nur darauf an, wo ich Unterkommen kann.
Nichts ist verfehlter als solche Einstellung. Denn gerade
heute kommt es darauf an, da& Gutes geleistet wird!
Gutes wird aber nur da geleistet, wo die Fähigkeit ge¬
rade zu diesem Beruf sich mit der Möglichkeit, ihn aus¬
üben zu können, verbindet.
Die Berufsberatungsstellen unserer jüdischen Gemeinden,
die mit Menschen besetzt sind, die in jahrelanger Praxis
psychologische Menschenkenntnis mit der genauen Kennt¬
nis des Arbeitsmarktes verbinden, werden immer in der
Lage sein, die jungen Menschen, die zu ihnen kommen,
nicht nur zu beraten, sondern ihnen auch geeignete Lehr¬
stellen zu vermitteln. Dabei werden ihnen psychotech-
nische Eignungsprüfungen, wie sie z. B. der bekannte Psy-
chotechniker Dr. Kuhn in Berlin vornimmt, sehr zustatten
kommen. Bei diesen Eignungsprüfungen wird nicht nur
die manuelle Geschicklichkeit geprüft, sondern auch der
gesamte Mensch in seiner seelischen Haltung betrachtet,
so dah mit ziemlicher Genauigkeit die Art des Berufes,
zu dem sich der Betreffende eignet, bestimmt werden
kann. Es wird sich zunächst immer darum handeln, die
Neigung und die Eignung des jungen Menschen zu einem
Beruf, den er sich wünscht, oder mindestens zu einem
ähnlichen, den er vielleicht noch gar nicht kennt, zu prü¬
fen. Oft muh das Berufsziel, das bei jungen Menschen
sich versteckt äu&ert, erst freigelegt werden, was dem
geschulten Blick des Berufsberaters fast immer gelingt.
Ein Beispiel: Zu dem Berufsberater kommt ein junger
Mensch, der gefragt wird, was er gern werden möchte.
Er nennt drei Berufe, die scheinbar gar nichts miteinander
zu tun haben, Geistlicher, Lokomotivführer und Offizier.
Und doch haben alle drei Berufe ein gemeinsames: Dem
Geistlichen müssen alle zuhören, der Lokomotivführer
läfet auf einen Hebeldruck viele Menschen fahren oder
stehenbleiben, dem Offizier müssen viele gehorchen. Der
Berufswunsch war hier, dah viele auf einen hören sollten.
Der junge Mann ist später ein guter Zeitungsmann ge¬
worden, dessen Artikel viele lasen.
Die Aktion der Reichsregierung hat es mit sich gebracht,
dag die handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufe
durch den Ständegedanken eine neue Förderung und
Achtung erfahren. Hinzu kommt, da{$ viele von den bisher
von Juden gern gewählten Berufen wie Arzt, Rechtsanwalt
u. a. heute unserer Jugend verschlossen sind, so daf$ sie
sich gern nach einem handwerklichen oder landwirtschaft¬
lichen Beruf umsehen. Es wäre aber ganz falsch, wenn
nun alle etwa Handwerker oder Landwirte werden woll¬
ten. Das würde nur eine neue ungesunde Berufsstrukfur
der Juden in Deutschland ergeben. Auch kaufmännischer
Nachwuchs muh da sein. Man rechnet heute etwa ein
Drittel aller Lehrstellen auf kaufmännische und zwei Drit¬
tel auf handwerkliche und landwirtschaftliche Stellen. Die
kaufmännischen Lehrstellen werden heute mit besonderer
Sorgfalt von den Gemeinden ausgesucht, damit die Ga¬
rantie gegeben ist, da£ der Lehrling auch wirklich etwas
lernt und nicht nur als billige Arbeitskraft angesehen wird.
Handwerkliche Lehrstellen werden durch besondere Lehr¬
stellensucher aufgetrieben und es kann gesagt werden,
dag es genug Stellen gibt, um die gewünschte Zahl von
Lehrlingen unterzubringen. Landwirtschaftliche Stellen
sind schon schwerer zu beschaffen. Aber hier ist der
Ausweg der Kollektivausbildung geschaffen worden, um
die Ausbildung zu ermöglichen: Ahlem bei Hannover,
Neuendorf bei Berlin sind heute vorzügliche Ausbildungs¬
stellen für Landwirtschaft. Für diejenigen, die Palästina
als ihr Lebensziel ansehen, bilden die zahlreichen
Hascharah-Stellen des Hechaluz Möglichkeiten zur land¬
wirtschaftlichen Ausbildung.
Nicht alle, die die Schule jetzt verlassen, können in ge¬
eignete Stellen im Augenblick untergebracht werden,
wenn es auch ein großer Prozentsatz sein dürfte. Für
die, die keine geeignete Stelle finden können oder für
die, die sich über ihren Beruf trotz Beratung noch nicht
ganz im klaren sind, hat man den Gedanken einer Vor¬
lehre aufgenommen, wo eine allgemeine handwerkliche
Ausbildung ohne Spezialisierung zu einem bestimmten
Beruf erfolgt. Auch für die, die in der Schule keine Werk¬
kurse hatten, ist eine solche Vorlehre zur Entwicklung
Logenschwestern! Beachtet die in Eurer Zeitung erscheinenden Anzeigen
i