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DIE LOGEN- E
SCHWESTER
Mitteilungsblatt des Schwesternverbandes der U.O.B.B.Logen
Erscheint am 15. jeden Monats, Redaktionsschluß am 1. jeden Monats. — Bezug nur durch die Post, einschließlich Bestellgeld
46 Reichspfennig vierteljährl. — Verantwortlich für die Schriftleitung : D r. Dora Edinger, Frankfurt a.M., Gärtnerweg 55.
ADRESSEN DES VORSTANDES:
Anna Lewy, Stettin, Elisabethstraße 10, I. Vorsitzende
Dr. Frieda Sichei-Gotthelft, Kassel, Malsburgstr. 12, II. Vorsitz.
MargareteWachsmann, Breslau, Goethestr. 24/26, stellvertretende
II. Vorsitzende und korresp. Schriftführerin
Cilly Neuhaus, Mülheim (Ruhr), Leibnizstr. 10, Protokoll. Schriftführ.
Bertha Falkenberg, Berlin N 54, Lottumstraße 22, stellvertr. Protokoll,
und korresp. Schriftführerin
Die Adressen der Kommissionen stehen am 1
Johanna Baer, Frankfurt a. M., Finkenhofstraße 40, Leiterin des Ver¬
bandsbüros, Kassiererin (für Geldsendungen: „Frankfurter Sparkasse
von 1822, Postscheckkonto Frankfurt a. M. 1511 für Konto 8213/X
Johanna Baer, Schwesternverband UOBB")
Adele Rieser, Karlsruhe, Friedensstraße 8, II. Kassiererin
Else Zedner, Geschäftsführerin (Verbandsbüro: Frankfurt a. M., Meiern
Straße 22)
luß des redaktionellen Teiles
Der Schulbesuch jüdischer Kinder
Von Schw. Anna Lewy, Sleliin.
(MiifreundlicherEilaubnisderSchriftleitjngderBlätterdesjüdischenFrauenbundes)
Wie die Presse meldet, hat der Reichsminister des In¬
neren an die Unterrichtsverwaltungen der Lander einen
Erlab gerichtet, betreffs des Schulbesuches jüdischer und
adventistischer Kinder an den Leiertagen und am Sonn¬
abend folgende einheitliche Regelung durchzuführen:
„Unter Bezugnahme auf die Verhandlungen des Aus¬
schusses für das Unterrichtswesen am 17. November 1953
ersuche ich, für den Schulbesuch jüdischer und adven¬
tistischer Kinder an den Leiertagen und am Samstag fol¬
gende einheitliche Regelung durchzuführen: Die jüdi¬
schen Schüler können am Neujahrstag zwei Tage, am
Versöhnungstag einen Tag, am Laubhüttenfest zwei
Tage, am Beschlubfest zwei Tage, am Passahfest die
zwei ersten und die zwei letzten Tage und am Pfingst¬
fest zwei Tage dem Unterricht fern bleiben.
An den gewöhnlichen Samstagen können die jüdischen
und adventistischen Schüler auf Ansuchen der Erzie¬
hungsberechtigten ganz oder für die Stunde des Got¬
tesdienstes vom Schulunterricht befreit werden. Wer
hiervon keinen Gebrauch macht, mub am gesamten
lehrplanmäbigen Unterricht, auch im Zeichnen, Schreiben,
Handarbeit und Werkunterricht teilnehmen. Für die aus
derartigen Versäumnissen entstehenden Folgen kann
die Schule keine Verantwortung übernehmen.“
Beim oberflächlichen Betrachten dieses Erlasses scheint
keine wesentliche Veränderung in der Handhabung der
darin berührten Fragen vorgesehen zu sein. Es ist den¬
jenigen, die Wert legen auf die Innehaltung der Religions-
gesetze die Möglichkeit dazu gegeben und darüber hin¬
aus die Wahrnehmung des Gottesdienstes nicht nur, son¬
dern ein Fernbleiben vom Unterricht, also von der täg¬
lichen Arbeit gewährleistet und dadurch die Heilighaltung
des Ruhetages und der Feiertage.
Diejenigen allerdings, die bisher zwar die religions¬
gesetzlichen Verbote der Werkarbeit (Schreiben, Zeich¬
nen, Handarbeit usw.) innegehalten haben, aber den
Schulbesuch am Sabbath nicht versäumten, ist nun ein
Entweder-Oder vorgeschrieben, ein Gebot, von dem wir
wissen, dab es freudig als willkommenener Zwang zu
einer religiösen Haltung begrübt wird, die bisher als eine
Ausnahme im Schulbetrieb gewertet und deshalb häufig
vermieden wurde.
So weit wäre also der neue Erlab als ein grober Gewinn
im positiv-jüdischen Sinne anzusehen!
Aber er kann es in Wahrheit nur werden, wenn nicht nur
eine bestimmte Gruppe von Kindern diesen Gewinn wahr¬
nehmen, sondern wenn nun einmal wirk'.ich die gesamte
deutsche Judenheit solidarisch ein Recht auf die Ausübung
eines Rehgionsgesetzes in Anspruch nimmt, das ihm ge¬
boten wird.
Die auberordentliche Wichtigkeit und Tragweite dieser
Forderung wird nicht allgemein sofort erkannt; vor allem
deshalb nicht, weil gewib schwer wiegende Bedenken sich
davor stellen. Eltern, deren Kinder bisher nicht zur Hei-
lighaitung des Sabbath erzogen wurden, die selber im
Hause und im Beruf keine Sabbathruhe kennen, sie emp¬
finden es als einen untragbaren Gegensatz zu ihrer eige¬
nen Anschauung, wenn ihre Kinder nunmehr den Sabbath
beobachten sollen. Für unbegabte oder schlechte Schüler
wird der regelmäbige Schulstundenausfah, ja gewib auch
der Ausfall manch wichtiger Klassenarbeit gefürchtet,
und die ohnedies nicht einfache Stellung des jüdischen
Kindes in der öffentlichen Schule wird von manchen
Eltern als noch erschwert angesehen durch eine etwaige
Einhaltung des Sabbathgebotes. Konflikte im Elternhaus,
Störungen im Schulbetrieb werden in die Wagschai'e ge¬
worfen und wiegen schwer! Aber weit schwerer wiegend
ist das Andere, das Eine: Sollen wir deutschen Juden an¬
gesichts einer uns gebotenen Möglichkeit, positiv jüdische,
ewige, geistige und seelische religiöse Werte zu ge¬
winnen, uns lau und halb und uneinig zeigen? Sollen wir
das Schauspiel bieten, dab wir selber die Reihen unserer
Kinder spalten? Glauben wir, dab unser Verhalten, wenn
es nicht solidarisch und freudig die uns gebotene Mög¬
lichkeit ausnutzt, überhaupt nur verstanden wird, ge¬
schweige denn geachtet oder gar geschätzt? Meinen wir
wirklich, dab ein jüdisches Kind, das am Sabbath zur
Schule geht, wenn es ihm ausdrücklich erlaubt ist, statt-
dessen den Gottesdienst zu besuchen, bei Lehrern und
Mitschülern gröberes Ansehen genieben wird als das¬
jenige, das inzwischen seiner religiösen Pflicht genügt?
Und täuschen wir uns doch nicht über Art und Stärke der
Konflikte mit dem Elternhaus. Wir wissen es, dab unsere
Kinder z. T. längst andere Wege gehen als die Eltern
und sehr vielfach schon ohnedies in der Richtung positiv¬
jüdischen re’igiösen Lebens.
Wir sollten glücklich sein, dab uns von auben her keine
Erschwerung, sondern Hi.fe zuteil wird, diese Wege der
Kinder tiefer in das Judentum hinein zu leiten, um seine
zukünftigen Träger zu stärken, innerlich zu festigen und
zu verbinden!
Wir glauben nicht, dab eine innerliche Trennung von Eltern
und Kindern aus solchen Motiven zu entstehen braucht.
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